Ausstellungen 1991

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Salomon Sulzer. Kantor • Komponist • Reformer

18. Jänner - 28. März 1991

Salomon Sulzer (1804-1890) stammte aus Hohenems in Vorarlberg und wurde nach Gründung des Wiener Stadttempels 1826 der erste Oberkantor dieses Tempels, ein Amt, das er bis 1881 inne hatte. Sulzer ließ sich von den traditionellen religiösen Melodien und kantoralen Grundlagen beeinflussen, hat die synagogale Tonkunst aber eine neue, an die Zeit angepasste Form gegeben, ohne den jüdischen Charakter der preiszugeben. Mit Isak Noa Mannheimer gilt er somit als Begründer einer modernen Liturgie des jüdischen Gottesdienstes, die als „Wiener Nussach“ in die Welt hinausging und noch heute, vor allem in Nordamerika, für eine religiös-liberale Ausprägung des Judentums steht.
Sein kompositorisches Hauptwerk, das auch seinen Ruf als Reformator des Synagogengesangs begründete, ist aber die Sammlung „Schir Zion“ („Gesang Zions“, 2 Bände, 1840/65). Es ist die früheste Sammlung, die den liturgischen Jahreskreis detailliert musikalisch beschreibt, und enthält zum überwiegenden Teil selbst komponierte Werke. Der 1. Band enthält neben 122 Werken Sulzers auch einige von Joseph Fischhof, außerdem aber über 30 Werke christlicher Komponisten wie Franz Schubert, Ignaz von Seyfried, Joseph Drechsler, Franz Volkert, Wenzel Wilhelm Würfel. Die neuen Kompositionen wurden erstmals mit vierstimmiger Chorbegleitung geschrieben und beeinflussen bis heute den Gebetsstil in vielen Synagogen.
Der erste Teil der Ausstellung zeigt anhand von Tonbeispielen und Originalexponaten den Kantor, Komponisten und Reformer im Spiegel seines Werkes.
Im zweiten Teil wird am Beispiel der jüdischen Gemeinde von Hohenems der Zusammenhang von sich ändernden Bedingungen jüdischen Lebens im 19. Jahrhundert und der Liturgiereform beleuchtet. Dieser Ausstellungsteil verweist auch auf das Jüdische Museum Hohenems, das im April 1991 - nur wenige Schritte von Salomon Sulzers Geburtshaus entfernt - eröffnet wird.

Kurator: Bernhard Purin

Provisorium Seitenstettengasse
Seitenstettengasse 4
1010 Wien

Die Juden von Kaifeng. Chinesische Juden an den Ufern des Gelben Flusses

18. April - 30. Juni 1991

Dem Judentum gehörten in China selten mehr als einige tausend Personen an, die damit gegenüber der hanchinesischen Bevölkerungsmehrheit von mehr als einer Milliarde zahlenmäßig kaum ins Gewicht fiel. Aufgrund unterschiedlicher historischer Wurzeln, ethnischer Durchmischung mit den Han-Chinesen sowie teilweise sehr ausgeprägter assimilatorischer Tendenzen bilden die chinesischen Juden auch eine wenig homogene Gruppe. Heute werden sie weder von der Volksrepublik China noch von der Republik China offiziell als „Nationalität“ anerkannt.
Die Anfänge des Judentums in China liegen im Dunkeln. Wahrscheinlich kamen die ersten Juden im 8.-9. Jahrhundert als Händler auf der Seidenstraße nach China. Einen Beleg hierfür bildet etwa ein in der Karawanenstadt Dunhuang gefundenes Papier mit einem Selicha-Gebet. Dauerhafte jüdische Siedlungen sind erstmals für das frühe 12. Jahrhundert in der Stadt Kaifeng belegt, wo 1136 auch die erste Synagoge errichtet wurde. Weitere größere Siedlungen gab es in Yangzhou, Ningbo und Ningxia.
Ursprünglich trugen die Juden Chinas semitische Gesichtszüge und legten großen Wert auf die Bewahrung ihrer kulturellen Identität. Gleichwohl lebten sie häufig in Polygamie und nahmen sich zu einer jüdischen Hauptfrau eine oder mehrere chinesische Frauen oder Konkubinen, was im Laufe der Jahrhunderte verstärkt zu ethnischer Durchmischung mit der Urbevölkerung führte. Auch kam es zunehmend zu einer kulturellen Assimilation der Kaifenger Juden an ihre chinesische Umwelt. Seit der Ming-Dynastie trat an die Stelle der Bindung an die jüdische Gemeinde auch zunehmend, nach chinesischem Vorbild, die Bindung an die eigene „Hausstandsfamilie“, wodurch die Homogenität der chinesischen Judenheit noch weiter geschwächt wurde.
Als 1605 die jüdische Gemeinde von Kaifeng vom Jesuitenmissionar Matteo Ricci „wiederentdeckt“ wurde, konnte man die Kaifenger Juden von den Chinesen physiognomisch kaum mehr unterscheiden; ihr Leben richteten sie aber noch immer nach den jüdischen Grundsätzen aus. Die mehrfach durch Brände und Überschwemmungen zerstörte Kaifenger Synagoge war bis 1851 in Betrieb, der letzte amtierende Rabbiner starb aber bereits 1810. Ihre höchste Mitgliederzahl erreichte die Kaifenger Gemeinde Mitte des 19. Jahrhunderts mit ca. 2000 Personen. Mitte der 1980er Jahre wurden 638 (2000: 750) Nachfahren der Juden von Kaifeng gezählt, von diesen lebten in den 80er Jahre 348 in Kaifeng.
Die Ausstellung zeigt Dokumente und Bilder sowie Fotografien von Ritualgegenständen und Manuskripte, die noch vorhanden sind und heute Bibliotheken und Museen in der ganzen Welt gehören. Der größte Teil der Manuskripte wurde 1850/51 von der „Londoner Gesellschaft zur Verbreitung des Christentums unter den Juden“ gekauft, die 1924 dem amerikanischen Hebrew Union College weiterverkauft wurden. Heute werden sie in Cincinatti in der Klau Library aufbewahrt. Weitere Gegenstände der Synagoge wurden von Bischof White gekauft, als er von 1910 bis 1934 in Kaifeng als Missionar tätig war; sie sind heute im Besitz des Royal Ontario Museum in Toronto.

In Zusammenarbeit mit dem Beit Hatfutsot Museum.

Provisorium Seitenstettengasse
Seitenstettengasse 4
1010 Wien

Wiener Synagogen

11. Juli - 1. Dezember 1991

Die Ausstellung verfolgt das Ziel, ein Kapitel Wiener Architekturgeschichte wenigstens durch alte Fotografien, Baupläne, Stiche, Lithografien , Aquarelle sowie Objekte der Sammlung Max Berger wieder sichtbar zu machen und dem Besucher eine Ahnung zu vermitteln, wieviel Kulturgut - bedingt durch die Ereignisse des Novemberpogroms 1938 - unwiderruflich ausgelöscht wurde.
Schon um 1825 und 1826 entstand nach Plänen des renommierten Biedermeier-Architekten Josef Kornhäusel der Tempel in der Seitenstettengasse, der - nach den Vorschriften des Toleranzpatentes - hinter einer Hausfassade verborgen sein musste. 30 Jahre später wurde, als Zentralsynagoge gedacht, der sogenannte Leopoldstädter Tempel im Stil des historisierenden Klassizismus errechtet, der in der Größe und Ausführung einem äraischen Ringstraßengebäude glich und mit seinem orientalisierenden Dekor die Atmosphäre Wiens als Metropole eines Vielvölkerstaates widerspiegelte.
In den 70er und 80er Jahren ließen die damals noch autonomen Kultusgemeinden die Wiener Vorstädte Synagogen im historischen Stil erbauen, um die Jahrhundertwende folgten die meisten durch Tempelvereine finanzierten Bezirkssynagogen. Von den zahlreichen späthistorischen Bauten, in denen romanische und maurische Stilelemente zu einer untrennbaren Einheit verschmolzen waren, hoben sie die von Max Fleischer erbauten neugotischen Synagogen deutlich ab. Auch der Jugendstil war mit einem schönen Beispiel in Wien vertreten.
Den Anschluss an die Moderne fand in den 20er Jahren Arthur Gruenberger mit seinem Entwurf für die Synagoge in Hietzing. Durch einen stilisierten Zinnenkranz erhielt dieser als Kubus konzipierte Bau ein romanisierendes Aussehen und erinnerte an die alten Festungssynagogen Osteuropas. Kulturhistoriker sahen in dieser Rückbesinnung einen interessanten Ansatz zu einem spezifisch jüdischen Baustil.
Allein in Wien wurden insgesamt 95 Bethäuser im November 1938 ca. 50 zerstört bzw. verwüstet. In dieser Linie mussten die großen durch Architektur imponierenden Gebäude aus dem Stadtbild verschwinden. Nur der Tempel in der Seitenstettengasse überstand die Katastrophe, da die Nazis ein Übergreifen eines Feuers auf die Nachbarhäuser befürchteten; er zeugt auch jetzt von der einstigen Größe dieser Jüdischen Gemeinde.

Kurator: Pierre Genée

Provisorium Seitenstettengasse
Seitenstettengasse 4
1010 Wien

Bilder aus zwei Welten. Aschkenasen in Rumänien - Sepharden in der Türkei

19. Dezember 1990 - 23. Februar 1991 (verlängert bis 30. April 1991)

Als Laurence Salzmann erstmals in die Türkei kam, sollte er nur einige Monate bleiben, um alte Synagogen und Friedhöfe für das Beth Hatefutsoth in Tel Aviv zu fotografieren. Er blieb fünf Jahre und schuf in Tausenden von Bildern eine einmalige Dokumentation der jüdischen Gemeinden in der Türkei. Denn mehr als alle Monumente der Vergangenheit interessieren Salzmann die heute Lebenden. Jedes seiner Bilder erzählt eine kleine Lebensgeschichte. Auch für das scheinbar Unbedeutende nimmt er sich Zeit und erzielt damit in seinen Bildern eine Stimmung, die Ruhe und tiefe Menschlichkeit ausstrahlt.
Laurence Salzmann, in Philadelphia (USA) geboren, hat mit seiner beschaulichen und dabei handwerklich exakten Arbeitsweise als Fotograf und Filmemacher internationales Ansehen erlangt. Ab dem 19. Dezember 1991 wir das Jüdische Museum der Stadt Wien (Seitenstettengasse 4, 1010 Wien) zwei seiner Bildberichte in einer Ausstellung zeigen; zwei Bildberichte, die kaum gegensätzlicher sein könnten. Auf der einen Seite die lebensbejahende, aktive Gemeinde der sephardischen Juden in der Türkei, auf der anderen Seite das Ausstreben einer aschkenasischen Gemeinde in Rumänien. Die Gegensätzlichkeit der jeweiligen Geschichten und der kulturellen Umfelder verstärkt noch die Wirkung der Bilder. Die Gemeinsamkeit des fotografischen Stils und der ausgezeichneten Texte von Frau Ayse Gürsan-Salzmann lassen die beiden Dokumentationen zu einer Ausstellung verschmelzen.

Kurator: Laurence Salzmann

Provisorium Seitenstettengasse
Seitenstettengasse 4
1010 Wien