Ausstellungen 1995

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Heimat. Auf der Suche nach der verlorenen Identität

10. Februar - 27. März 1995

„Heimat“ gehört zu jenen Begriffen, die ideologisch und politisch besonders überfrachtet und belastet sind. In der Ausstellung „Heimat - Auf der Suche nach der verlorenen Identität“ präsentiert das Jüdische Museum der Stadt Wien die Arbeiten von dreizehn Fotografen vorwiegend aus Europa, die sich mit dem Thema auseinandergesetzt haben. Es sind subjektive Annäherungen an die Frage, wo Heimat beginnen und wo sie enden kann. Jeder Fotograf zeigt seine Sicht von Heimat, wodurch deutlich wird, dass es keine letztgültige Erklärung des Begriffs Heimat geben kann. Zur Verdeutlichung der Problematik unterstreichen in der Ausstellung ausgewählte Zitate aus Essays von Philosophen, Historikern und Literaten diese Tatsache. Die Texte, aus denen diese Zitate stammen, sind im Katalog abgedruckt, in dem auch alle ausgestellten Fotografien abgebildet sind.
Das Ausstellungsprojekt im Jüdischen Museum ist der zentrale Teil einer Veranstaltungsreihe zum Thema Heimat: Bis 1. März wird im Österreichischen Filmmuseum eine Retrospektive zum Thema „Heimat im Film“ gezeigt, und während der Ausstellung findet von 26. Februar bis 1. März im Jüdischen Museum ein Symposion - „Heimatgedanken“ statt, bei dem Filmemacher, Historiker, Psychoanalytiker und Philosophen über den Heimatbegriff referieren und diskutieren werden.

Kuratoren: Joachim Riedl, Hannes Sulzenbacher

Palais Eskeles
Dorotheergasse 11
1010 Wien

Neues Bauen in Tel Aviv 1930 - 1939. Eine Ausstellung des Instituts für Auslandsbeziehungen Stuttgart im Jüdischen Museum Wien

13. Februar - 17. April 1995

In Tel Aviv entstand in den dreißiger Jahren das größte städtische Ensemble moderner Architektur. In Europa ausgebildete Architekten setzten in Eretz-Israel die Architektur fort, die im nationalsozialistischen Deutschland verboten worden war. Nur in Israel und besonders in Tel Aviv, der „weißen Stadt“, kann heute noch die Vielfalt und das urbane Potential der heute oft geschmähten klassischen Moderne in der Architektur erlebt werden.
Die in der Ausstellung gezeigten Fotografien von Irmel Kamp-Bandau sind Ergebnis eines Forschungsprojekts, das sich die Sicherung und Aufarbeitung dieses einmaligen Baubestandes zum Ziel gesetzt hat. Sie zeigen den Reichtum und die überraschende Vielfalt, die der in Europa erfundene „Internationale Stil“ in Tel Aviv hervorgebracht hat.
In dem zur Ausstellung erschienen Buch „Tel Aviv - Neues Bauen 1930 - 1939“ schreibt der Münchner Architekturhistoriker Winfried Nerdinger:
„Von der Architekturgeschichte bislang weitgehend unbeachtet entstand in den 30er Jahren durch die aus Europa vor Faschismus und Rassismus geflohenen jüdischen Architekten im damaligen britischen Mandatsgebiet Palästina, von den eingewanderten Juden Eretz-Israel genannt, die umfangreichste Bauproduktion aus dem Geist der modernen Architektur. In Haifa, Jerusalem und insbesondere in Tel Aviv, der ‘weißen Stadt’, kann noch heute gesehen werden, welche Vielfalt und Möglichkeiten, aber auch welche Grenzen im „Neuen Bauen“ steckten.“
Einige der in der Ausstellung vertretenen Architekten stammen aus Österreich oder absolvierten ihr Studium an einer österreichischen Hochschule: Robert Hoff, Josef Neufeld (1899-1980) und Jacov Ornstein (1885-1953).

Kurator: Bernhard Purin

Palais Eskeles
Dorotheergasse 11
1010 Wien

Rabbiner • Bocher • Talmudschüler. Bilder des Wiener Malers Isidor Kaufmann

24. Februar - 7. Mai 1995

Die weitgehend unbekannte Welt des Ostjudentums steht im Mittelpunkt dieser Kunstausstellung, die dem bedeutendsten jüdischen Genremaler der österreichisch-ungarischen Monarchie gewidmet ist.
Der 1853 im ungarischen Arad geborene Isidor Kaufmann schuf im kaiserlichen Wien der Jahrhundertwende inmitten einer assimilierten Umgebung Bilder einer Welt, die er im Osten der weiten Habsburgermonarchie entdeckte. Abseits aller aktuellen künstlerischen Strömungen fand der Künstler auf der Suche nach alten jüdischen Kultstätten in Mähren und Ungarn, vor allem aber in den Schtetln Galiziens und der Bukowina die Welt ehrwürdiger Rabbiner, eifriger Studenten und junger Talmudschüler, die er in porträthaft ausgeführten Darstellungen festhielt. Gleichfalls entstanden neben stimmungsvollen Genredarstellungen brillant gemalte Interieurs von Synagogen und Betstuben. Kaufmann hielt mit seinen Bildern Eindrücke einer mittlerweile verschwundenen Kultur und Geisteswelt fest, die für den Betrachter heute wie damals mehr als bloß nostalgische Souvenirs aus einer untergegangenen Welt sind.
Für die Ausstellung konnten zahlreiche Leihgeber aus vielen Ländern zwischen Chile und Israel, vor allem aber in den USA und Großbritannien dazu bewogen werden, dem Jüdischen Museum fast 60 herausragende Arbeiten Isidor Kaufmanns für diese umfassende Retrospektive zu überlassen.

Kurator: Tobias G. Natter

Palais Eskeles
Dorotheergasse 11
1010 Wien

Zachor - erinnere dich

20. April - 27. Juli 1995

Unter dem Titel „Zachor: erinnere dich!“ veröffentlichte der Historiker Yosef Hayim Yerushalmi vor einigen Jahren seine Überlegungen zu „Jüdischer Geschichte und Jüdischem Gedächtnis“. Diesen Zugang zum Thema greift die Ausstellung „Zachor“ auf, indem Gegenstände aus der österreichisch-jüdischen Geschichte im weitesten Sinne gezeigt werden, die mit ganz konkreten, sei es religiösen, institutionsgebundenen oder sehr persönlichen Erinnerungen verbunden sind. Damit werden gleichermaßen bewußt unterschiedliche Facetten von Geschichte wie auch verschiedene Möglichkeiten, diese Geschichte zu erinnern, thematisiert.
Um in der Ausstellung einen lebendigen Dialog einerseits zwischen Vergangenheit und Gegenwart, andererseits zwischen musealisierter und individueller Erinnerung zu schaffen, sind die Besucher eingeladen, ihre eigene Art des Gedenkens und Erinnerns einzubringen. Sie können an einer Wand der Ausstellung schreiben oder zeichnen, sie können aber auch Fotos beziehungsweise Fotokopien im Museum hinterlassen, die an diesem „Raum für Erinnerung“ angebracht werden. Mit diesen Beiträgen der Besucher wird am Ende der Ausstellung die im Museum institutionalisierte Erinnerung der persönlich lebendigen gegenüberstehen.

Kuratorin: Felicitas Heimann-Jelinek

Palais Eskeles
Dorotheergasse 11
1010 Wien

Die Macht der Bilder. Antisemitische Vorurteile und Mythen

27. April - 23. Juli 1995

Fünfzig Jahre nach Ende des NS-Regimes, das sechs Millionen Juden ermordete, ist der Antisemitismus im Bewußtsein der Menschen keineswegs überwunden. Verschiedene Studien und Untersuchungen zeigen, dass sich der Antisemitismus nicht auf einen kleinen Kreis „Unverbesserlicher“ beschränkt. Es besteht vielmehr eine von breiten Bevölkerungsschichten getragene Grundhaltung, die von einer oftmals nicht bewußt geäußerten Ablehnung von Juden geprägt ist. In den Köpfen der Menschen existieren nach wie vor bestimmte Vorstellungen darüber, welche Eigenschaften und Verhaltensweisen als „typisch jüdisch“ gelten. Diese Stereotype hatten und haben nichts mit real existierenden Juden zu tun. Sie sind vielmehr jahrhundertelang tradierte, kulturell erworbene Fremd- beziehungsweise Feindbilder, deren Wurzeln im abendländischen Zivilisationsprozeß liegen. Im Laufe der Jahrhunderte verselbständigten sich diese Stereotypen und Vorurteile, lösten sich aus ihrem historischen Entstehungskontext und begannen, ein Eigenleben zu führen. Sie wurden Teil des kollektiven Bewußtseins der europäischen Gesellschaft, ohne dass sie immer bewußt präsent sein oder artikuliert werden mussten.
Diese Ausstellung versteht sich als Versuch, die historischen Wurzeln und Ursachen dieser schwer faßbaren, noch heute weit verbreiteten antisemitischen Feindbilder und Vorurteile aufzuzeigen und deren historische Entwicklung, Tradierung und Wirkungsmacht durch die Jahrhunderte zu dokumentieren. Sie soll als Denkanstoß Diskussionen hervorrufen, die jahrzehntelange Tabuisierung und Verdrängung des Phänomens Antisemitismus ins Bewußtsein der Öffentlichkeit rufen und eine Sensibilisierung für jede Art von Vorurteilen erreichen. Die Aufarbeitung dieses komplexen Themas erfolgt in der Ausstellung durch Bilder, Objekte und Dokumente. Damit soll die „Macht der Bilder“ beim Entstehen von Vorurteilen im Zusammenwirken von religiösen, politisch-ideologischen und sozio-ökonomischen Komponenten dargestellt werden.

Kuratorin: Elisabeth Klamper

Volkshalle des Wiener Rathauses
Rathausplatz
1010 Wien

Hoppauf Hakoah. Ein jüdischer Sportverein in Wien 1909 - 1995

5. Mai - 30. Juli 1995

Die Hakoah Wien war in der Zwischenkriegszeit der wohl erfolgreichste Allround-Sportverein Österreichs. Sie brachte Athleten der europäischen Spitzenklasse hervor: Die Fußballmannschaft wurde 1924/25 österreichischer Meister, 1932 erkämpfte der Hakoah-Ringer Micki Hirschl zwei Olympiamedaillen, und die Schwimmerinnen errangen zahlreiche Titel bei internationalen und nationalen Wettkämpfen. Auch in anderen Sportarten wie Hockey, Wasserball, Tischtennis, Tennis, Handball, Fechten und den verschiedenen leichtathletischen Disziplinen trugen sich die Hakoahnerinnen und Hakoahner in die österreichischen Meister- und Bestenlisten ein.
Dass die jüdischen Sportlerinnen und Sportler am Beginn des 20. Jahrhunderts einen eigenen Sportverein gründeten, hatte zwei Ursachen: Zum einen entstand die Hakoah - der Name bedeutet „Die Kraft“ - als Antwort auf die antijüdische Haltung vieler Sportvereine Anfang dieses Jahrhunderts, als einige sogar Arierparagraphen einführten. Zum anderen wollten die Hakoahnerinnen und Hakoahner mit ihrem Verein ein öffentliches Bekenntnis zu ihrer jüdischen Identität ablegen und damit auch das antijüdische Vorurteil widerlegen, Juden scheuten jede körperliche Anstrengung und seien daher zu keinen sportlichen Leistungen fähig.
Die Ausstellung im Jüdischen Museum Wien zeigt anhand von historischen Fotos, Dokumenten und Objekten, wie der Verein durch das selbstbewußte Auftreten seiner Aktiven und Funktionäre zum Symbol und öffentlichen Ausdrucksmittel für Juden werden konnte, die nicht an die Assimilation glaubten oder sich ihr nicht unterwerfen wollten. Die Schau dokumentiert die Folgen des NS-Regimes für die Hakoah, als der Verein verboten und die Aktiven wie auch die Funktionäre verfolgt und ermordet wurden. Ein Überblick über den Neubeginn nach 1945 und die Entwicklung bis in die Gegenwart beschließt die Ausstellung.

Kuratoren: Karl Haber, Arthur Končar

Palais Eskeles
Dorotheergasse 11
1010 Wien

Emil Mayer • Wiener Typen. Fotografien aus dem Leben der Stadt um 1900

19. Mai - 27. Juli 1995

Emil Mayer zählt zu den Wegbereitern der modernen Fotografie in Österreich. Er nutzte als einer der ersten die neuen Möglichkeiten, die durch die Entwicklung neuer, kleiner und leichter Fotokameras entstanden waren. Diese ermöglichten es erstmals, die Menschen unbemerkt zu fotografieren und aus der sterilen Atmosphäre des Ateliers herauszukommen. Mayer entwickelte eine Art des fotografischen Sehens und der Beobachtung menschlicher Verhaltensweisen durch die Kamera, die erst Jahre später als sogenannte „Life-Fotografie“ zu einem Begriff wurde.
Emil Mayer hat den Wiener Alltag der Jahrhundertwende in seinen Fotos festgehalten. Er hat Beispielhaftes und Kurioses aufgestöbert und seinen Blick auf das Leben in der Straße gerichtet. Er beobachtete das Aufeinandertreffen der Menschen des Habsburgischen Vielvölkerstaates in dessen Zentrum, der Wiener Inneren Stadt. Hier befand sich auch seine Rechtsanwaltskanzlei, auf dem Weg dorthin traf er die Wach- und Dienstmänner, die Blumenhändlerin im Gespräch mit dem Fleischhauergesellen, die Flaneure, die Fiaker … Zweiter Schauplatz seiner Bilder ist der Prater, in dessen unmittelbarer Nähe sich Mayers Wohnung befand. Seine fotografische Annäherung greift ins volle Leben und zeigt die Menschen, wie sie damals waren.
Emil Mayer nahm sich gemeinsam mit seiner Frau wenige Wochen nach dem „Anschluss“ im Jahre 1938 das Leben. Seine Arbeit geriet weitgehend in Vergessenheit. Franz Hubmann - selbst ein bekannter Fotograf - hat in jahrelanger Kleinarbeit zusammengetragen, was von Emil Mayers Fotos noch erhalten ist. Das Jüdische Museum präsentiert nun eine Auswahl von rund 120 Fotografien und zeigt in einem eigenen Teil der Ausstellung rund 40 Bromöldrucke. Diese seltene, heute kaum noch bekannte Drucktechnik verleiht der fotografischen Vorlage die weiche Aura einer Kunstgrafik. Sie war für Emil Mayer ein ideales Ausdrucksmittel seiner Fotokunst, das er virtuos einzusetzen wußte.

Kurator: Werner Hanak

Palais Eskeles
Dorotheergasse 11
1010 Wien

Beschlagnahmt. Die Sammlung des Wiener Jüdischen Museum nach 1938

12. Oktober - 26. November 1995

Das Jüdische Museum wird anläßlich seiner Wiedereröffnung einen Teil jener Objekte, die zwischen 1896 und 1938 vom alten Jüdischen Museum gesammelt wurden, zum ersten Mal nach 58 Jahren wieder der Öffentlichkeit zugänglich machen. Die während der Umbauzeit des Hauses in drei Museen und zwei Bibliotheken von 12. Oktober bis 26. November gezeigte Sonderschau „Beschlagnahmt - Die Sammlung des Wiener Jüdischen Museums nach 1938“ weist auf diesen Umstand hin und thematisiert die Geschichte dieser Objekte vom Jahr 1938 bis zu ihrer Rückstellung, die bei einzelnen Objekten erst in jüngster Zeit erfolgte. Schauplätze der Ausstellung sind jene Institutionen, in die Teile der Sammlung des alten Jüdischen Museums nach der Beschlagnahme verbracht wurden. Hier wird anhand exemplarischer Beispiele von seinerzeit beschlagnahmten Objekten samt historischen Dokumenten diese gewaltsame Aneignung für den Besucher nachvollziehbar gemacht. Dadurch thematisiert das Jüdische Museum einen Teil seiner Geschichte und konfrontiert die anderen Museen und Bibliotheken mit dieser Geschichte, die ein Teil ihrer jeweils eigenen ist.

Kurator: Bernhard Purin

Naturhistorisches Museum
Museum für Völkerkunde
Museum für Volkskunde
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