Heute in Wien. Fotografien zur Jüdischen Gegenwart von Harry Weber
1. März - 14. April 1996
Seit der Eröffnung des Jüdischen Museums im November 1993 verfolgte Harry Weber die Idee, das heutige jüdische Leben in Wien mit der Kamera festzuhalten. Ab Frühjahr 1994 war Weber mit seiner Kamera unterwegs und hielt alles fest, was ihm am Alltag der Juden, die in dieser Stadt leben, als wichtig und wert schien, festgehalten zu werden. Entstanden ist ein sehr persönliches Porträt der komplexen jüdischen Gegenwart Wiens, fernab institutionell geprägter Äußerlichkeiten. Es sind die Menschen, die sich auf verschiedenste Weise als Juden begreifen, die Harry Weber beim Fotografieren interessieren. Eine Auswahl von über 130 SW-Fotografien sollen die Vielfalt jüdischen Lebens in Wien verdeutlichen, ohne dabei den Anspruch auf Vollständigkeit oder Ausgewogenheit zu erheben. Nach der Personale „Die Anderen“ im Historischen Museum der Stadt Wien (1994) ist „Heute in Wien“ ein weiteres großes „Wien-Ausstellungsprojekt“ von Harry Weber.
In einem separaten Raum der Ausstellung werden Schüleraufsätze zur jüdischen Gegenwart in Wien vorgestellt. Diese Aufsätze verfaßten einige Schülerinnen und Schüler aus dem Zwi-Perez-Chajes-Gymnasium (3. und 6. Klasse) eigens für die Schau. Sie erklärten sich bereit, ihr Leben in Wien zu beschreiben. Für die Zusammenarbeit bedanken wir uns bei Frau Direktorin Mag. Agnes Buchegger, bei Herrn Professor Daniel Koltun, vor allem aber bei den Schülerinnen und Schülern der 3. und 6. Klasse, die diese Aufsätze geschrieben haben.
Kurator: Werner Hanak
Palais Eskeles
Dorotheergasse 11
1010 Wien
Ein Lied der Vernunft. Schach: Die Welt in 64 Feldern
3. Mai - 30. Juni 1996
Diese Schau zur Geschichte des Schachspiels präsentiert zum einen die schönsten Schachfiguren vom Mittelalter bis zur Gegenwart sowie Bücher und Handschriften, die die historische Entwicklung des Schachspiels im kulturellen und sozialen Umfeld verdeutlichen, zum anderen zeichnet sie einen Tag im Leben eines berühmten Schachspielers, Akiba Rubinstein, nach. Unter den kostbaren Schachsets aus aller Welt, die ausgestellt sind, finden sich Arbeiten prominenter Künstler der klassischen Moderne, die selbst passionierte Schachspieler waren: Arbeiten von Marcel Duchamp, Max Ernst, Man Ray und Alexander Calder.
Unter allen Spielen nimmt das Schachspiel eine besondere Stellung ein. Kein anderes Spiel wird kulturell so hoch bewertet, war so oft Gegenstand von Reflexionen in Kunst, Wissenschaft und Politik. Schach schuf als Spiel der Vernunft ein gewaltiges kulturelles Umfeld - in Kunst und Kunsthandwerk, in Philosophie und Literatur, in Design und Film. Die europäische Geschichte des Schachspiels ist eng mit der Geschichte des Judentums verbunden: Der jüdische Sänger Masur al-Jehudi erlernte das Schachspiel von einem Perser, bedeutende jüdische Spieler, Gelehrte und Mäzene machten Schach zu dem, was es heute ist.
Die Ausstellung, die in Zusammenarbeit mit der Hochschule für angewandte Kunst in Wien/Lehrkanzel für Philosophie entstand, erschließt dem Besucher diese Bedeutung nicht nur durch die Schachfiguren, sie soll verdeutlichen, dass Schach soziale und religiöse Grenzen überwindet - der Glaube, das Geschlecht, die soziale Stellung, Nation und Sprache spielen in der direkten Auseinandersetzung am Schachbrett keine Rolle mehr. Vielmehr hat das Schachspiel eine eigene internationale Sprache entwickelt, die weltweit verstanden wird und keine kulturellen Schranken kennt; das Spiel kann daher als Metapher für Toleranz und Verständigung angesehen werden.
KuratorInnen: Ernst Strouhal, Eva Blimlinger
Palais Eskeles
Dorotheergasse 11
1010 Wien
Stella Kadmon. Die Theatermacherin
31. Mai - 14. Juli 1996
Als erste Kleinausstellung zu einem Spezialthema der Aspekte, die in der permanenten Historischen Ausstellung angesprochen werden, präsentiert das Jüdische Museum „Stella Kadmon. Die Theatermacherin“.
Kadmon (1902 -1989) absolvierte das Konservatorium für Musik und darstellende Kunst in Wien und war anschließend in Linz und Mährisch-Ostrau am Theater. Fritz Grünbaum wollte sie für eine Revue engagieren, daraus wurde zwar nichts, aber er schrieb ihr ein paar Chansons und gab ihr einige Ratschläge für ein Repertoire. Stella Kadmon debütierte daraufhin in Wien als Chansonniere erfolgreich im „Pavillon“ und ging mit ihrem Programm auf Tournee. In Berlin begeisterte sie sich für Werner Fincks „Katakombe“ und wollte in Wien ähnliches Kabarett machen. Am 7. November 1931 eröffnete sie gemeinsam mit dem Autor und Conférencier Peter Hammerschlag, dem Zeichner Alex Szekely und dem Musiker Fritz Spielmann das literarische Cabaret „Der liebe Augustin“ im Souterrain des Cafés Prückel. Anfänglich eher ein buntes Brettl, änderte sich 1933 Stil und Inhalt, der politischen Situation entsprechend. Am 9. März 1938 fand die letzte Vorstellung des „lieben Augustin“ statt. Nach dem „Anschluß“ emigrierte Kadmon über Jugoslawien nach Palästina. Dort gründete sie das hebräischsprachige „Cabaret Papillon“, brachte am Dachgarten der Familienwohnung in Tel Aviv deutschsprachige Kabarettprogramme heraus und ging mit Chansons auf Tournee. 1947 kehrte sie aus ihrem Exil zurück und übernahm den „lieben Augustin“ wieder, der bereits 1945 durch Fritz Eckhardt und Carl Merz wiedererweckt wurde. Sie wollte an die Tradition der 30er Jahre anknüpfen und wieder literarisches, politisch-aktuelles Cabaret bringen. Der Publikumsgeschmack allerdings hatte sich geändert. Nach vier Programmen wandelte sie mit Brechts “Furcht und Elend des Dritten Reiches“, das unter „Schaut her!“ lief, die Kleinkunstbühne im April 1948 in eine Schauspielbühne um und änderte demgemäß auch den Namen in „Theater der Courage“. In diesem Theater (1960 Übersiedlung zum Franz-Josefs-Kai) brachte sie viele deutsche und österreichische Erst- und Uraufführungen zeitkritischer Stücke heraus; so von Horváth, Sartre, Brecht, Bruckner, Kroetz u. a. Ende 1981 gab Stella Kadmon die Leitung des Theaters ab und zog sich ins Privatleben zurück.
Die Theaterarbeit der Kadmon in Palästina (1940 -1946) wird erstmals in größerem Zusammenhang präsentiert und zeigt bisher kaum bekanntes Material. Die Ausstellung dokumentiert darüber hinaus neben der Frühgeschichte auch das wechselvolle Schicksal Stella Kadmons nach ihrer Rückkehr nach Wien im Jahr 1947.
In Zusammenarbeit mit dem Österreichischen Theatermuseum.
KuratorInnen: Werner Hanak, Birgit Peter
Palais Eskeles
Dorotheergasse 11
1010 Wien
Pleinair. Die Landschaftsmalerin Tina Blau (1845-1916)
12. Juni - 8. September 1996
Als erste große Kunstausstellung nach der Umgestaltung des Palais Eskeles präsentiert das Jüdische Museum der Stadt Wien eine Retrospektive des Werks von Tina Blau. Die Wiener Malerin wurde mit ihren Prateransichten berühmt, ihre stimmungsvollen Impressionen aus Holland, Italien, Deutschland, Österreich und ganz besonders Wien sowie die Stilleben werden von Kennern seit jeher geschätzt. Tina Blau ist in zweifacher Hinsicht für die Kunstgeschichte bedeutsam: Zum einen konnte sich die 1845 geborene Künstlerin als eine der ersten Frauen in der Malerei einen Namen machen, zum anderen zählt sie zu den wichtigsten Exponenten der österreichischen Malerei der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.
Dem Jüdischen Museum ist es gelungen, für diese umfassende Werkschau mehr als 75 herausragende Gemälde aus öffentlichen und privaten Sammlungen für kurze Zeit zusammenzuführen. Damit wird dem Besucher die seltene Gelegenheit gegeben, das künstlerische Werk Tina Blaus in allen Phasen und Höhepunkten einer fruchtbaren Karriere kennenzulernen. Gezeigt werden ihre Reisebilder, unter denen die Impressionen der ersten Studienreise nach Amsterdam 1875 und die bravourösen Skizzen aus den Pariser Tuilleriegärten besonders hervorzuheben sind, sowie eine repräsentative Auswahl der Darstellungen aus den Wiener Vororten, der Stilleben und der berühmten Prateransichten. Beispiele ihrer Zeichenkunst und zahlreiche biographische Dokumente runden die Präsentation ab.
Kurator: Tobias G. Natter
Palais Eskeles
Dorotheergasse 11
1010 Wien
Dem Ingenieur ist nichts zu schwör. Erfinder • Wissenschafter • Innovatoren
26. Juli - 20. Oktober 1996
Als zweite Spezialdokumentation im Bereich der ständigen Historischen Ausstellung ist diese Schau konzipiert. Dabei werden Beispiele über den Beitrag jüdischer Erfinder und Innovatoren zu Österreichs Aufbruch in das moderne Industriezeitalter präsentiert.
Bislang wurde viel über den Anteil der Wiener Juden an der Kultur des Fin de Siècle und über den großen Verlust für Österreich durch die Vertreibung der geistigen und kulturellen Elite nach dem „Anschluß“ geschrieben. Anders als Schriftsteller, Philosophen, Theaterschaffende oder Künstler standen Naturwissenschafter, Techniker und Ökonomen nicht so sehr im Rampenlicht der Öffentlichkeit. Viele von ihnen, die bedeutende Beiträge zur wirtschaftlichen und industriellen Entwicklung Österreichs geleistet haben, sind heute nur einem kleinen Kreis von Fachleuten bekannt.
Die Arbeitssituation für jüdische Wissenschafter in Österreich war jedoch schon viele Jahre vor 1938 äußerst schwierig und von zahlreichen Schikanen und Diskriminierungen geprägt. Der Zugang zu einer Universitätskarriere blieb ihnen oft verwehrt oder an die Bedingung der Taufe geknüpft. Auch die finanziellen Rahmenbedingungen für Wissenschaft und Forschung waren in Österreich nach dem Ende der Monarchie schlecht, und viele Forscher wie die berühmten Physiker Lise Meitner und Wolfgang Pauli emigrierten schon in den Jahren vor dem „Anschluß“ ins Ausland, wo sie bessere Voraussetzungen für ihre Arbeit vorfanden. Die endgültige Zäsur brachte das Jahr 1938, als die österreichischen Juden aus allen öffentlichen Stellen entlassen wurden, jüdischer Besitz konfisziert und die „Vernunft aus Österreich vertrieben“ wurde.
In der Ausstellung wird Leben und Schaffen einiger bedeutender jüdischer Erfinder, Wissenschafter und Innovatoren gezeigt, denen es gegeben war, in „höchsten Augenblicken von unmeßbarer Dauer, unendliche Gedanken zu denken“ und in die Tat umzusetzen, obwohl sie als Juden oft besonderen Beschränkungen ausgesetzt waren. Sie stehen stellvertretend für die große Zahl von Persönlichkeiten, die heute in Vergessenheit geraten sind.
Kuratorin: Gabriele Kohlbauer-Fritz
Palais Eskeles
Dorotheergasse 11
1010 Wien
JudenFragen. Jüdische Positionen von Assimilation bis Zionismus
25. Oktober 1996 - 16. Februar 1997
Hundert Jahre nach der ersten Publikation von Theodor Herzls „Der Judenstaat. Versuch einer modernen Lösung der Judenfrage“ präsentiert das Jüdische Museum Wien mit „JudenFragen. Jüdische Positionen von Assimilation bis Zionismus“ eine Ausstellung zum Thema jüdischer Identität. Ausgehend von der Frage nach der Definition von Judentum und „Jüdisch-Sein“, auf die Theodor Herzls Zionismus eine mögliche Antwort war, werden die wichtigsten jüdischen Positionen dargestellt, die in diesem Jahrhundert gedacht und gelebt wurden. Das reicht vom Bemühen um vollständige Assimilation über das Bekenntnis zum Universalismus oder Sozialismus bis hin zum Zionismus in seinen verschiedenen Spielarten. Bei all diesen Positionen geht es um existentielle Fragen und persönliche Entscheidungen, wie man das Problem des „Jüdisch-Seins“ in einer teils feindlich gesinnten Mehrheitsgesellschaft bewältigt: Was heißt Judentum? Wie kann dieses Judentum gelebt werden? Die Ausstellung soll jedoch auch die Spuren jener komplexen Geschichte aufzeigen, die zur Gründung des Staates Israel geführt haben, für den der Altösterreicher und Wahlwiener Theodor Herzl die Basis schuf. Auch dabei soll über alle historischen Fakten hinaus die Bedeutung der zionistischen Idee als identitätsstiftende und kulturell wirksame Größe in Konfrontation mit anderen speziell jüdischen Identitätsmöglichkeiten anhand von Literatur, Bild- und Tondokumenten sowie von herausragenden Beispielen aus der bildenden Kunst vermittelt werden.
Die Ausstellung wurde von den El Al Airlines sowie der Siemens AG Österreich gefördert.
KuratorInnen: Felicitas Heimann-Jelinek, Werner Hanak, Hannes Sulzenbacher, Gabriele Kohlbauer-Fritz
Palais Eskeles
Dorotheergasse 11
1010 Wien






