Papier ist doch weiß? Eine Spurensuche im Archiv des Jüdischen Museums
30. Jänner - 22. März 1998
Im Rahmen dieser Sonderausstellung werden für die Geschichte Wiens und des Museums besonders interessante Beispiele aus Sammlungen, Stiftungen und Schenkungen präsentiert. Der reiche Archiv- und Sammlungsbestand des Jüdischen Museums baut auf der Sammlung des weltweit ersten jüdischen Museums auf, das 1895 in Wien gegründet und 1938 von den Nationalsozialisten geschlossen wurde. Heute vereint der Bestand zudem Archivalien aus der Israelitischen Kultusgemeinde, aus den Sammlungen Berger, Stern und Schlaff und aus den zahlreichen Neuerwerbungen. Die Objektauswahl erfolgt aus allen Sammlungsteilen und vereint Kunstwerke, illustrierte Handschriften, gezeichnete Landkarten, Dokumente, Plakate, Reportage- und Familienfotos.
Die Ausstellung führt hinter die Kulissen der beiden Wiener Jüdischen Museen. Sie dokumentiert den Personenkreis, der das alte Jüdische Museum ermöglichte und vergleicht die Neuerwerbungen aus beiden Gründungsphasen. Wer sich auf diese Reise durch die Geschichte einläßt, kann vieles entdecken, das bisher nur wenigen bekannt war, manchmal sogar sehr ungewöhnlich anmutet: Ein Gang durch die Ausstellungsräume bietet die Möglichkeit, sich wie in einem Archiv in Details zu verlieren und die Geschichte Wiens aus einer weitgehend unbekannten Perspektive zu betrachten. Viele der Exponate waren entweder noch nie ausgestellt, oder sie sind erstmals seit ihrer Beschlagnahme vor 60 Jahren zu sehen.
Im Zentrum der Ausstellung steht die Geschichte des ersten Jüdischen Museums in Wien, in dem am 1. November 1895 der Grundstock für das Archiv des heutigen Museums angelegt wurde. Die Sammlung befand sich zunächst in der Rathausstraße 13 im 1. Wiener Bezirk und wechselte während der folgenden zwanzig Jahre dreimal ihren Standort. Über 800 Personen und Institutionen haben hier im Laufe von 45 Jahren mehrere tausend Objekte zusammengetragen. Wirft man einen Blick hinter die Dinge, auf die Stifterinnen und Stifter dieses Museums, trifft man auf eine vergangene Wiener und mitteleuropäische Lebenswelt. Was von der 1938 durch die Nationalsozialisten durchgeführten Beschlagnahme und der darauffolgenden Aufteilung unter Wiener Museen und Bibliotheken übriggeblieben ist, findet sich nunmehr wieder im musealen Rampenlicht.
Kurator: Werner Hanak
Palais Eskeles
Dorotheergasse 11
1010 Wien
1848. Die fatale Revolution
13. März - 3. Mai 1998
Mit dieser Schau werden die Entwicklungen rund um eine der bedeutendsten gesellschaftlichen Umwälzungen des 19. Jahrhunderts behandelt. Die Revolution von 1848/49 hat für Europa ein neues Ideal aufgestellt - den demokratischen Nationalstaat mit der Forderung nach bürgerlichen Grundrechten und Gleichheit vor dem Gesetz. Die quantitativ wie auch qualitativ starke jüdische Beteiligung an den Umwälzungen von 1848 in Wien hat in ganz Europa keine Parallele. Die Verdienste des Arztes Adolf Fischhof, des Predigers Isak Noa Mannheimer oder des Technikstudenten Carl Heinrich Spitzer um verfassungsmäßige Zustände waren unbestritten - Spitzer war sogar das erste Todesopfer der März-Revolution. Dennoch sahen sich gerade die Juden in der Habsburgermonarchie mit einer Welle antisemitischer Exzesse konfrontiert: Der Sturm auf das Ghetto in Preßburg am 17. März, Pamphlete gegen die „sogenannte Judenemanzipation“ in Wien und der Ausschluß der Juden von den Stadtverordnetenwahlen in Prag sind nur einige Beispiele.
Der Verlauf der Geschichte zeigte sehr rasch, dass universelle Menschenrechte und liberaler Nationalstaat nicht notwendigerweise miteinander harmonieren. Dieser Konflikt wird besonders an der Situation der Juden in der Habsburgermonarchie deutlich. Die Ausstellung „1848. Die fatale Revolution“ rekonstruiert das widerspruchsvolle Bild dieser Zeit aus der Perspektive der jüdischen Revolutionäre. Druckgrafiken, Flugschriften und Erinnerungsstücke zeichnen ein Szenario der Revolutionsjahre vor dem Hintergrund des Übergangs von der ständischen Ordnung des Vormärz zur nationalistischen Massengesellschaft.
In Zusammenarbeit mit dem Historischen Museum der Stadt Wien.
Kuratoren: Siegfried Mattl, Reinhard Geir, Gerhard Milchram
Palais Eskeles
Dorotheergasse 11
1010 Wien
Bamot. Über die Erstellung, Zerschlagung und Restaurierung von Höhenheiligtümern
3. April - 14. Juni 1998
Eine umfassende Ausstellung zeitgenössischer israelischer Kunst präsentiert das Jüdische Museum Wien anläßlich des fünfzigsten Geburtstages des Staates Israel. Die Schau mit dem Titel „Bamot - über die Erstellung, Zerschlagung und Restaurierung von Höhenheiligtümern. Israel 1948 - 1998“ zeigt Arbeiten vierzig zeitgenössischer israelischer Künstler, die sich mit Israels Geschichte künstlerisch auseinandersetzen: politische und gesellschaftliche Entwicklungen, ideologische Auseinandersetzungen und Generationskonflikte, Krieg und Frieden im Spiegel der Kunst werden thematisiert. Israels Künstler zählen überwiegend zu jener kritischen Öffentlichkeit, die eine differenzierte Auseinandersetzung mit der Geschichte und Gegenwart des Staates Israel führt. Die Ausstellung „Bamot“ präsentiert Arbeiten, die Sichtweisen, Träume, Probleme, Veränderungen, Diskussionen und Dispute aus 50 Jahren israelischer Existenz verkörpern. Gezeigt wird Kunst, die der Gesellschaft einen Spiegel vorhalten will, die sich für die Kritik an der Gesellschaft oder für ihre Veränderung einsetzt. Die Ausstellung will nicht selbst Spiegel sein, sie liefert Beispiele, wie der israelischen Gesellschaft (künstlerische) Spiegel vorgehalten werden.
Kurator Oz Almog zur Auswahl der Arbeiten: „Meine Absicht war, nicht Einzelteile in einen vorgefertigten Rahmen zu pressen, sondern ein Gebäude zu errichten aus den verschiedenen Stücken, Konzepten und Bildern, die ich während des Jahres 1997 und Anfang des Jahres 1998 in Israel vorgefunden habe. Auf meiner Suche war ich bei mehr als 100 Künstlern, Malern, Bildhauern, Fotografen, Modefotografen, Pressefotografen, Graphikern, Modedesignern, Musikern, Dichtern etc. - also jener Szene, welche die Öffentlichkeit mit sicht- und hörbaren Bildern versorgt … Ich tat mein Möglichstes, um Aufrichtigkeit in der israelischen Kunst aufzuspüren und dem Publikum einen repräsentativen Überblick über die Kunst in Israel zu verschaffen.”
KuratorInnen: Felicitas Heimann-Jelinek, Oz Almog
Palais Eskeles
Dorotheergasse 11
1010 Wien
Egon Erwin Kisch. Der rasende Reporter
15. Mai - 9. August 1998
Der 1885 in Prag geborene Egon Erwin Kisch gilt als Schöpfer und Meister der literarischen Reportage. Er unternahm zahlreiche Reisen durch Europa, Nordafrika, die USA, die damalige UdSSR und China, bei denen jene Reportagen entstanden, die ihn berühmt machen sollten. Sie sind exakte Milieuschilderungen, die Sprache und Zeitkolorit in die Berichterstattung einbeziehen. Seine unstete Lebensweise ließ den Buchtitel „Der rasende Reporter“ zum Synonym für den Autor werden. Doch Kisch war alles andere als ein Kaffeehausliterat oder Sensationsreporter. Vielmehr suchte er in seinen Reportagen politische und ökonomische Prozesse mit den dahinter stehenden Schicksalen in ihrer historischen Bedingtheit literarisch zu gestalten.
Mit seiner Arbeit in der Zwischenkriegszeit und später auch im Exil war Kisch vom deutschen Sprachraum ausgehend in der ganzen Welt ein Multiplikator und Vernetzer der linksbürgerlichen Intelligenz. Seine vielfältigen literarischen und politischen Aktivitäten lassen sich nur durch das Streben erklären, Gegensätze zu vereinen: Als Schriftsteller deutscher Sprache legte er Wert auf seine tschechoslowakische Staatsangehörigkeit; gegenüber bürgerlichen Freunden war er ein linientreuer Kommunist, den kommunistischen Genossen ein kritischer Querdenker; das orthodoxe Judentum lehnte er ab, doch die Schoa weckte in ihm Sympathien für den Zionismus.
Kisch wollte alles zugleich sein: Kommunist, Bürgerlicher, Jude, Tscheche, Deutscher, Internationalist, Weltbürger. Ein Österreicher war Kisch gewesen, nach dem Zerfall der Habsburgermonarchie 1918 wollte er es nicht mehr sein - dennoch hat er sich unabänderlich in die Historie dieses Landes eingeschrieben: im Mai 1913 bei der Aufdeckung der Spionage-Affäre um Oberst Redl und im November 1918 als Rotgardist bei der Gründung der Republik. Zu beiden Ereignissen sind zahllose Legenden im Umlauf, seine Reportagen zum Fall Redl sind Ausgangspunkt für mehrere Verfilmungen des Stoffs geworden. 1921 ließ er sich in Berlin nieder, wo er bis 1933 seinen Hauptwohnsitz hatte. Am Morgen nach dem Reichstagsbrand (28. Februar 1933) wurde er in Berlin verhaftet und nach Prag abgeschoben, seine Bücher wurden von den Nazis öffentlich verbrannt. Die ersten Jahre des Exils verbrachte er in Prag, Paris und den Beneluxstaaten, unterbrochen von politischem Aktivismus in England, Australien und im Spanien des Bürgerkriegs (1937/38). 1940 konnte er über New York nach Mexiko entkommen. 1946 kehrte er nach Prag zurück, wo er bis zu seinem Tod lebte.
Kurator: Marcus G. Patka
Palais Eskeles
Dorotheergasse 11
1010 Wien
R. B. Kitaj. Ein Amerikaner in Europa
25. Juni - 30. August 1998
Der 1932 in Cleveland (Ohio) als Ronald Brooks geborene R.B. Kitaj ist ein Hauptvertreter jener Künstlergruppe, die in den sechziger Jahren unter dem Namen „The School of London“ berühmt wurde. Heute gilt Kitaj als führende Persönlichkeit der figurativen Malerei. Er lebte und arbeitete mehr als 40 Jahre in Europa, vor allem in London, ehe er vor kurzem nach Amerika zurückkehrte, um sich in Los Angeles niederzulassen. Das Jüdische Museum Wien nimmt diese Rückkehr zum Anlaß, von 25. Juni bis 30. August 1998 eine Retrospektive seiner europäischen Jahre zu zeigen. Diese Werkschau umfaßt mehr als 40 Gemälde und eine Auswahl aus Kitajs graphischem Werk aus allen Schaffensperioden.
Die Ausstellung ist eine Gemeinschaftsproduktion mit dem Astrup Fearnley Museum Oslo, dem Reina Sofia Museum Madrid und dem Sprengel Museum Hannover. Wien ist die dritte Station nach Oslo und Madrid.
Kitajs künstlerische Ausbildung erfolgte in New York, Wien, Oxford und London. Zu Wien hat der Maler eine ganz besondere Beziehung: 1951 schrieb er sich an der Akademie der Bildenden Künste in Wien bei Albert Paris Gütersloh und Fritz Wotruba ein, 1953 kehrte er für ein weiteres Semester in jene Stadt zurück, aus der sein Stiefvater und dessen Mutter dreizehn Jahre zuvor vertrieben worden waren. Die Bilder aus seiner Wiener Zeit - Aktzeichnungen und detaillierte Aquarelle von zerstörten Bauten der Nachkriegszeit - sind nicht erhalten geblieben. Die frühesten erhaltenen Zeichnungen stammen von seinem neuerlichen künstlerischen Anlauf in England, wo er ab 1957 seinen Hauptwohnsitz hatte. Hier lernte er auch 1959 am Royal College of Art David Hockney kennen, der ihm bis heute ein wichtiger Freund ist. Seit Mitte der 60er Jahre hat Kitaj einen sehr persönlichen figurativen Stil entwickelt, den er in den folgenden Jahrzehnten vielschichtig differenzierte. Kitajs Interesse an seinen jüdischen Wurzeln, die er während seiner nicht-religiösen Kindheit und bis Ende seines dreißigsten Lebensjahres eher als selbstverständlich ansah, gewannen Mitte der 70er Jahre, besonders nach seinem ersten Aufenthalt in Israel, an Bedeutung. Die im Rahmen der Retrospektive präsentierten Werke aus dieser Zeit zählen zu den wesentlichen Arbeiten seiner Betrachtungen über das Schicksal der Juden, das Aufkommen des Faschismus und die Schoa.
Kuratoren: Werner Hanak, Marco Livingstone
Palais Eskeles
Dorotheergasse 11
1010 Wien
„Der schejne Jid“. Das Bild des „jüdischen Körpers“ in Mythos und Ritual
16. September 1998 - 24. Jänner 1999
Diese Ausstellung bietet eine Auseinandersetzung mit Bedeutung und Inhalt jüdischer Riten und ihrer Interpretation. Dabei werden Geburt und Beschneidung, Hochzeit und rituelle Reinheit der Frau, Schabbat und Speisegesetze sowie Krankheits- und Begräbnisriten in verschiedenen Darstellungen im jüdischen und christlichen Kontext vorgestellt. Außerdem werden Mythen über die vermeintliche Gesundheit oder Krankheit des „jüdischen Körpers“ hinterfragt.
In der gesamten westlichen Kultur sind Schönheit und Häßlichkeit Kategorien, die sich nicht nur auf äußere Merkmale, sondern auch auf Charaktereigenschaften beziehen. Im Jiddischen beziehen sich die Kategorien der Schönheit und Häßlichkeit primär auf Charaktereigenschaften: Der „schejne Jid“ ist jemand, der sich der Tora widmet und die religiösen Gebote einhält. Er ist schön, weil er moralisch integer ist. Der moralisch Beste ist der Schönste.
Dennoch finden die antijüdischen Vorurteile, die sich an Äußerlichkeiten orientieren, auch in der jüdischen Auseinandersetzung mit dem Körper ihren Niederschlag. Nicht nur der Gesunde wird zum Schönen, sondern auch der Schöne wird zum Gesunden; nicht nur der Kranke wird zum Häßlichen, sondern auch der Häßliche zum Kranken. Riten, die mit dem Körper in Zusammenhang stehen, und Körperbilder sind Thema dieser Ausstellung: Fremdbilder und Selbstbilder, Frauenbilder und Männerbilder, Bilder vom „kranken“ und „gesunden jüdischen Körper“, vom „Muskeljuden“, vom „exotischen Juden“, vom „intellektuellen Juden“ und von der „schönen Jüdin“. Unter den Darstellungen befinden sich herausragende Kunstwerke von Albrecht Dürer, Peter Paul Rubens, Rembrandt van Rijn, Hans Makart, Arnold Böcklin, Chaim Soutine, Max Liebermann, um nur die wichtigsten zu nennen.
KuratorInnen: Sander Gilman, Rhoda Rosen, Gabriele Kohlbauer-Fritz
Palais Eskeles
Dorotheergasse 11
1010 Wien
E. M. Lilien. Jugendstil • Erotik • Zionismus
21. Oktober 1998 - 10. Jänner 1999
Die Sonderausstellung ist einem Künstler gewidmet, dessen Arbeiten bekannter sind als er selbst. Seine Zeichnungen, Buchillustrationen, Ex Libris und Lithografien sind begehrte Sammlerobjekte und spätestens seit der Renaissance des Jugendstils auch einer größeren Öffentlichkeit bekannt: Ephraim Moses Lilien (1874-1925).
Lilien wird gern als „Gründer der jüdischen Kunst“ bezeichnet, da er einer der ersten Künstler war, der an der Seite der Zionisten arbeitete und ihren Zielen visuellen Ausdruck verlieh. Das Jüdische Museum bietet nun die Gelegenheit, im Rahmen der Werksauswahl „E. M. Lilien - Jugendstil. Erotik. Zionismus“ das Schaffen jenes Mannes kennenzulernen, von dem sich prominente Persönlichkeiten wie Stefan Zweig, Maxim Gorki oder Martin Buber ihre „Ex Libris“ gestalten ließen. Die Ausstellung gibt einen Überblick über alle grafischen Bereiche von Liliens Œuvre vor dem Hintergrund seiner Biografie. Als Beispiel für Liliens fotografische Arbeit wird eine besondere Rarität zu sehen sein: eine Filmsequenz über den Besuch des österreichischen Kaiserpaares (Karl und Zita) in Konstantinopel, bei der Lilien Regie führte.
Neben seinem zionistischen Engagement war es wohl die Fähigkeit Liliens, biblische und traditionelle jüdische Themen und Symbole mit modernen künstlerischen jugendstil- oder sezessionsverwandten Motiven und Techniken zu verflechten, die auch das große Aufsehen und Interesse, wenn auch nicht immer Respekt für seine Bemühungen hervorrief. Seine Aufnahme von traditionellen religiösen Symbolen und Motiven in sein Werk halfen ihm sehr, die Ideen der modernen jüdischen Renaissance seinem jüdischen Zielpublikum näher zu bringen. Er lieferte dem sich neu entwickelnden jüdischen Bewußtsein seiner Zeit, die sich als eine sehr kritische Übergangsphase in der Kulturentwicklung des modernen Judentums herausstellen sollte, tief erschütternde Bilder. Sie drückten die jahrhundertelangen jüdischen Leiden, Hoffnungen und Sehnsüchte aus, die in der zionistischen Bewegung ihren Niederschlag fanden.
Kuratoren: Gerhard Milchram, Oz Almog
Palais Eskeles
Dorotheergasse 11
1010 Wien
Brennende Synagogen. Ausstellung zum Thema Novemberpogrom
9. November 1998 - 1. Februar 1999
Der Begriff „Reichskristallnacht“ wurde von den Nationalsozialisten geprägt. Er ist eine zynische Umschreibung der Greueltaten die in der Nacht des 10. Novembers 1938 stattfanden. Das Attentat von Herschel Grynszpan, Sohn jüdischer Flüchtlinge, auf den deutschen Diplomaten Ernst vom Rath, bildet den Vorwand für das reichsweite Pogrom. Der Wortteil „Kristall“ kommt von den immensen Glasschäden die sich auf rund 6. Millionen RM beliefen.
Bereits in der Nacht vom 11. auf den 12. März 1938 begannen in Österreich die Ausschreitungen gegen die jüdische Bevölkerung, die wochenlang das Straßenbild Wiens prägen sollten. Blinder Hass, Neid, Herrenmenschendünkel und ein jahrhundertelang tradierter Antisemitismus brachen in Form einer mittelalterlich anmutenden Judenverfolgung aus. Jüdische Männer, Frauen und manchmal auch Kinder wurden von SA-Männern, HJ-Angehörigen und Mitläufern des NS-Regimes geschlagen, verhaftet und gedemütigt, jüdische Geschäfte und Wohnungen geplündert. Die spontanen Gewaltakte der österreichischen Nationalsozialisten und ihrer Mitläufer waren eine Facette des antijüdischen Terrors, die Separierung und Diffamierung der österreichischen Juden durch die nationalsozialistischen Gesetze die andere. Bis zum Kriegsbeginn im September 1939 hatte das nationalsozialistische Regime in Österreich und Deutschland durch Gesetze, Erlässe und Verordnungen die wirtschaftliche Existenz der Juden vernichtet. Auch die ersten Maßnahmen zu deren besonderer Kennzeichnung (Einführung der „Kennkarte“), Isolation (Beginn der Konzentration in bestimmten Wohnhäusern) sowie zur Einengung der persönlichen Bewegungsfreiheit (z. B. Aufenthaltsverbot in namentlich genannten Parkanlagen) waren bereits getroffen. Der letzte Schritt zur Ausgrenzung und Stigmatisierung der österreichischen Juden erfolgte am 15. September 1941 durch eine Polizeiverordnung, aufgrund welcher Juden ab dem 6. Lebensjahr gezwungen waren, den “Judenstern” zu tragen. Auch mussten die von Juden bewohnten Wohnungen ab April 1942 mit einem “Judenstern” gekennzeichnet sein.
Im Februar 1941 begannen die Deportationen aus Wien in die Ghettos und Vernichtungslager. Insgesamt fielen annähernd 6 Millionen Juden der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik zum Opfer, ca. 65.000 davon waren Österreicher.
Kurator: Marcus G. Patka
ESRA
Tempelgasse 5
1020 Wien
Theresienstadt. Ausstellung zur Aufführung der Kinderoper „Brundibár“
7. Dezember 1998 - 1. Jänner 1999
Brundibár birgt eine zeitlose Erinnerung nicht nur an die tragische Unterdrückung, unter der viele zu leiden hatten, sondern auch an die Tatsache, dass Schönheit selbst aus den schlimmsten Umständen heraus erstehen kann.
Ihr Schöpfer, der deutsch-tschechische Komponist Hans Krásá (1899-1944) studierte bei Alexander Zemlinsky Komposition an der Deutschen Akademie für Musik und darstellenden Kunst in Prag. In seinen 24 aktiven Kompositionsjahren schuf er zahlreiche Symphonien, Opern, Lieder und andere Stücke. Als Beitrag für einen Wettbewerb entstand 1938 die Kinderoper Brundibár.
Am 10. August 1942 wurde Hans Krása als Jude ins Ghetto nach Theresienstadt (Terezin) verschleppt. Dort musste er miterleben wie die Nazis seine Oper für ihre Zwecke mißbrauchten. Im Propagandafilm „Theresienstadt - Der Führer schenkt den Juden eine Stadt“ wird auch ein Ausschnitt einer Opernaufführung gezeigt. Die letzte offizielle Aufführung von Brundibár im Ghetto Theresienstadt fand vor einer Delegation des Internationalen Roten Kreuzes statt, mit der die Nazis die Weltöffentlichkeit täuschten. Nach dem Besuch des IRK wurde Hans Krásá im Oktober 1944 zusammen mit anderen Opernmitgliedern in einen Eisenbahnwaggon mit Ziel Auschwitz verladen, wo er und die meisten anderen ermordet wurden.
Die Handlung der Oper ist eine typische Geschichte über Gut und Böse, Stark und Schwach. Am Anfang stehen die Geschwister Aninka und Pepicek, die ihrer kranken Mutter helfen wollen, dem Leierkastenmann Brundibár gegenüber. Während Brundibár ein um das andere Geldstück von den Vorüberziehenden sammelt, bleibt der Hut von Pepicek leer. Dem Geschwisterpaar gelingt es einfach nicht, gegen den Lärm des Leierkastens anzusingen. Hinzu kommt, dass Brundibár keine lästige Konkurrenz duldet und die beiden Kinder davonjagt. Erst nachdem ein Hund, eine Katze, ein Spatz und schließlich auch noch viele andere Kinder sich mit Aninka und Pepicek solidarisieren, gelingt es allen gemeinsam, Brundibár zu besiegen und ihn zu vertreiben.
Für die Ghettobewohner beinhaltete diese Oper eine eindeutige Botschaft: Gemeinsam sind wir stark. Und weil die Melodie harmonisch und einfach zu lernen war, wurde Brundibár an allen Ecken gesungen und gepfiffen. Kaum eines der in Theresienstadt eingesperrten Kinder hat Brundibár nicht gehört. Wegen der unwahrscheinlichen Popularität wurde Brundibár, neben den offiziellen Aufführungen, unzählige Male heimlich in Hinterhöfen, auf Gängen und Dachböden dargeboten.
Kurator: Marcus G. Patka
Wiener Kammeroper
Fleischmarkt 24
1010 Wien






