Geschichte
Das erste Jüdische Museum in Wien
Das Wiener Jüdische Museum, nach zweijährigen Vorarbeiten im Jahr 1895 gegründet, war weltweit das erste seiner Art. Träger war die "Gesellschaft für Sammlung und Konservierung von Kunst- und historischen Denkmälern des Judentums". Initiatoren der Gesellschaft waren zehn Wiener jüdische Intellektuelle verschiedener beruflicher Qualifikation. Wenig später wurden internationale Kapazitäten aus dem Bereich der jüdischen Wissenschaften als beratende Mitglieder eingeladen. Ab 1897 wurden stiftende Mitglieder geworben und ab 1898 die "Mitteilungen der Gesellschaft" publiziert. Mit der Ankunft des Rabbiners Max Grunwald in Wien gab es einen Experten für jüdische Volkskunde, der die Tätigkeit des Museums in relevanten Sammlungs- und Ausstellungsrichtungen beeinflussen sollte.
In den ersten Jahren seines Bestehens wechselte das jüdische Museum häufig seinen Standort, bis es 1913 mehrere Räume in der Talmud-Thora Schule in der Malzgasse im 2. Wiener Gemeindebezirk beziehen konnte. Zu diesem Zeitpunkt umfasste die Sammlung bereits 3.400 Objekte. Bereits 1906 war der erste "Führer durch das Jüdische Museum" herausgegeben worden. Der rasche Objektzuwachs erforderte bald eine kontinuierliche personelle Betreuung. Seit 1910 widmeten sich nebenamtliche Kustoden der Sammlung: Zuerst der Philosophiestudent Maurice Bronner, während des Ersten Weltkriegs folgte ihm sein nach mehrjährigem Aufenthalt aus Eretz Israel zurückgekehrte Bruder Jakob Bronner nach, der das Amt neben seiner Tätigkeit als Religionslehrer am Gymnasium Wasagasse bis 1938 innehatte.
Neben dem Auf- und Ausbau seiner Dauerausstellung bemühte sich das Wiener Museum mit Vortragsreihen, der Teilnahme an etlichen österreichischen Großausstellungen, sowie mit attraktiven Sonderausstellungen und -einrichtungen, das öffentliche Interesse zu wecken. So wurde beispielsweise der renommierte Maler Isidor Kaufmann beauftragt, einen Schabbat-Raum, die sogenannte "Gute Stube" für das Museum zu entwerfen und einzurichten. Mit der Sammlung von Zionistika und Objekten aus Palästina reflektierte das Museum die politische Diskussion um den Zionismus und richtete schließlich eine eigene Palästina-Abteilung ein. 1927 wurden diese Bemühungen mit der Aufnahme des Jüdischen Museums in das Verzeichnis der Sehenswürdigkeiten Wiens belohnt. Die finanzielle Situation der privat erhaltenen Einrichtung war allerdings aller Öffentlichkeitsarbeit zum Trotz immer äußerst angespannt.
Unmittelbar nach dem "Anschluss" im März 1938 wurde das Museum zwangsweise geschlossen. Der letzte geschäftsführende Vorsitzende der "Gesellschaft für Sammlung und Konservierung von Kunst- und historischen Denkmälern des Judentums", Sigmund Stiassny, gab im Juni 1938 die erzwungene Vereinsauflösung bekannt und ersuchte, die Sammlungsbestände dem Volksbildungsamt der Israelitischen Kultusgemeinde übergeben zu dürfen. Das Amt des "Stillhaltekommissars für Vereine, Organisationen und Verbände" verlangte jedoch zuerst eine Inventarliste. Jakob Bronner fertigte ein solches Kurzinventar der im Museum befindlichen Objekte für die Gestapo an. Am 30. August 1938 gingen die Bestände offiziell in das Eigentum des Volksbildungsamtes über, womit die Enteignung abgeschlossen war.
1939 wurden die Museumsobjekte ins Völkerkundemuseum überführt und in der Folgezeit hier inventarisiert. Für die antisemitische Propagandaausstellung "Das körperliche und seelische Erscheinungsbild der Juden" wurden Teile der Sammlung von der anthropologischen Abteilung des Naturhistorischen Museums verwendet. Eine Reihe von Objekten gelangte auch ins Volkskundemuseum, in die Österreichische Nationalbibliothek sowie in die Universitätsbibliothek. Zu Beginn der 50er Jahre wurde der Großteil der Bestände an die IKG Wien restituiert, Etliches aber auch erst in den 90er Jahren. Und schließlich blieb Vieles verschollen - ob mutwillig zerstört, gestohlen oder auf Grund der Zeitumstände verloren, ist nicht mehr rekonstruierbar.
Im letzten Jahr seines Bestehens wies das Inventarbuch des Museums 5414 Einträge auf. Die maschinenschriftliche Liste Bronners für die Gestapo wies jedoch erheblich mehr, nämlich 6474 im Museum vorhandene Objekte auf. Als der restituierte Bestand 1992 dem neu gegründeten Jüdischen Museum der Stadt Wien von der Kultusgemeinde als Dauerleihgabe überantwortet wurde, war dieser auf 3517 Objekte reduziert. Das heißt, dass mehr als die Hälfte des Bestandes des ersten jüdischen Museums der Welt verloren gegangen ist. Das heißt aber auch, dass fast die Hälfte des Bestandes des ersten jüdischen Museums der Welt erhalten geblieben ist - ein Wunder, blickt man auf vergleichbare europäische Einrichtungen und das Schicksal ihrer Sammlungen.
Das heutige Jüdische Museum Wien
Am 7. März 1990 wurde die erste Ausstellung des neuen Jüdischen Museums im Provisorium in den Räumen der Israelitischen Kultusgemeinde in der Seitenstettengasse eröffnet. Ein grundlegender Bestand war die von der Stadt Wien damals neu erworbene Judaika-Sammlung Max Berger. 1992 wurde der heutige Museumsstandort im Palais Eskeles in der Dorotheergasse 11 fixiert. Nach der Adaptierung des historischen Hauses fand 1993 die Neueröffnung statt. Seit 1994 ist die im Gebäude der Israelitischen Kultusgemeinde untergebrachte Bibliothek öffentlich zugänglich. 1995-96 wurde das Palais durch einen Umbau an die Erfordernisse eines modernen Museumsbetriebs angepasst. Im Zuge dieser Neugestaltung erhielt das Museum seine noch immer gezeigte Dauerausstellung mit der "Installation der Erinnerung" im Auditorium, den Hologrammen und dem Schaudepot. Seit 1998 ist auch das Archiv mit seiner stetig wachsenden Sammlung von Materialien zur Geschichte des jüdischen Wien öffentlich zugänglich. Am 25. Oktober 2000 wurde zusammen mit der Enthüllung des auf Anregung von Simon Wiesenthal errichteten Mahnmals für die 65.000 ermordeten österreichischen Juden der britischen Künstlerin Rachel Whiteread auf dem Judenplatz als Dependance das Museum Judenplatz eröffnet.

