Chronologie der Wiener jüdischen Gemeinde
903 – 906
Die Präsenz von Juden auf heutigem österreichischen Gebiet ist erstmals in der Zollordnung des oberösterreichischen Raffelstetten belegt.
1194
Herzog Leopold V. setzt Schlom als Münzmeister des Wiener Münzamtes ein. Schlom ist der erste Jude, dessen Ansiedelung in Wien belegt werden kann.
1204
Erste Erwähnung einer Synagoge („Schule der Juden“) in Wien.
1238
Kaiser Friedrich II. nimmt die Juden Wiens als „Kammerknechte“ unter seinen Schutz.
um 1240
Isak Ben Moses, nach seinem Hauptwerk „Or Sarua“ (Lichtsaat) genannt, Rabbiner und berühmter Gelehrter, in Wien.
1244
Privileg Herzog Friedrichs des Streitbaren schützt die Judenschaft und die Ansprüche des Landesherrn auf ihre Abgaben.
1267
Provinzialsynode in St. Stephan verbietet gesellschaftlichen Verkehr von Christen und Juden, schreibt Juden eine Kleiderordnung vor.
1268
Przemysl Ottokar bestätigt das fridericianische Privileg. In den folgenden Jahrzehnten Ansiedlung der Wiener Juden im Bereich des heutigen Judenplatzes.
1338
Mit angeblicher Hostienschändung in Pulkau begründete Pogrome.
1420/21
Die durch einen Großbrand in der „Judenstadt“ und Plünderungen verarmten Wiener Juden sind entbehrlich geworden. Albrecht V. lässt die Juden Wiens und Niederösterreichs vertreiben. Die Wohlhabenderen unter ihnen werden zwecks Erpressung gefangengesetzt und zuletzt auf der Erdberger Lände verbrannt. Ein Teil der Gefangenen gibt sich schon vorher selbst den Tod.
1495/99
Vertreibung der Juden aus der Steiermark, Kärnten und Salzburg. Den aus der Vertreibung resultierenden Steuerverlust lässt Maximilan I. sich von den Ständen ablösen. Überdies lässt er die wohlhabenden unter den Vertriebenen im Burgenland siedeln, womit er die Steuern teilweise doppelt einnehmen kann.
ab 1584
Einzelne „hofbefreite“ Juden lassen sich in Wien nieder. „Hofbefreiung“ bedeutet vor allem Befreiung von Mauten, Zöllen und kommunalen Abgaben, wodurch der Hofkammer die Finanzkraft der Privilegierten reserviert werden soll.
1603
Die Ernennung Veit Muncks zum Vorsteher der „ganzen von uns befreydten Judenschaft“ deutet darauf hin, dass sich ein funktionierendes jüdisches Gemeinwesen etabliert hat.
1624/25
Die Juden werden in ein aus 14 Häusern bestehendes Getto im „Unteren Werd“ verwiesen. Mit Jomtov Lipmann Heller kommt wieder ein bedeutender Rabbiner nach Wien, ihm folgt der gelehrte Schabtai Scheftel Horowitz. In den nächsten Jahrzehnten wächst die neue Judenstadt auf 132 Häuser.
1670
Kaiser Leopold I beschließt aus hauptsächlich religiösen Gründen die zweite Vertreibung der Juden aus Stadt und Land. Die ehemalige Judenstadt wird zur Leopoldstadt.
um 1680
Samuel Oppenheimer samt Haushaltung und danach Samson Wertheimer erhalten das Privileg, als „Hoffaktoren“ wieder nach Wien zu kommen. Sie sind vor allem als Heereslieferanten und Mittler internationaler Darlehensgeschäfte für das Kaiserhaus tätig. Um 1700 leben zehn privilegierte jüdische Familien in Wien.
1722
Der Marrane Diego D’Aguilar wird nach Wien geholt, um das Tabakmonopol neu zu organisieren. Mit 300.000 Gulden finanziert er den Bau von Schloss Schönbrunn mit.
1727
Die Hoffaktoren Markus und Meier Hirschl haben wegen Erneuerung ihrer Privilegien „zu der Caroli-Boromaei-Kirchen und Bibliothekgebäu 150.000 fl. anticipirt und wollen noch 100.000 fl. Darlehen geben“.
1718 – 1736
Aufgrund der Friedensverträge mit dem Osmanischen Reich muss sefardischen Juden, die Untertanen des Sultans sind, Freizügigkeit im Habsburgerreich gestattet werden. Sie können in Wien im Gegensatz zu den Aschkenasim eine rechtlich anerkannte Gemeinde gründen.
1763
Gründung der Wiener Chewra Kaddischa (Beerdigungsbruderschaft).
1764
Restriktive Judenordnung Kaiserin Maria-Theresias, starke Einschränkung von Aufenthaltsgenehmigungen und Privilegsgewährungen.
1781
Ein Hofdekret Josephs II. verbietet die Einhebung der Leibmaut, einer seit dem Mittelalter gültigen Passiergebühr für Juden.
1782
Joseph II. erlässt das Toleranzpatent, das zahlreiche diskriminierende Verordnungen aufhebt. Den Juden als Gemeinschaft werden jedoch keine Rechte zugestanden.
1792
Die Wiener Judenschaft wählt erstmals „Vertreter“, die als ihre Organe anerkannt werden. Einrichtung eines „Judenamtes“ bei der Polizei-Ober-Direktion in Wien zur Kontrolle der Anzahl der jüdischen Bevölkerung.
1812
Unter Eindruck der antinapoleonischen Loyalität und Kontributionsbereitschaft der Wiener Juden gestattet Franz I. die Eröffnung von Bethaus und Schule im Dempfingerhof (Seitenstettengasse). Erhebung einzelner Juden in den Adelsstand. Salons wie der der Fanny von Arnstein oder der Cäcilie von Eskeles sind kulturelle Mittelpunkte.
1826
Einweihung des von Josef Kornhäusel gebauten sog. Stadttempels, dessen Errichtung durch die „Herren Tolerierten“ mit der Baufälligkeit des Dempfingerhofes begründet worden ist. Als Prediger wird Isak Noah Mannheimer nach Wien berufen, der gemeinsam mit dem Kantor Salomon Sulzer bezüglich der Liturgie einen für Orthodoxe und Reformanhänger akzeptablen Kompromiss findet.
1848
Juden sind unter den Aktivisten der bürgerlichen Revolution stark repräsentiert. Zahlreiche judenfeindliche Pamphlete erscheinen, in denen je nach ideologischem Hintergrund Juden entweder für die Revolution (Adolf Fischhof, L.A. Frankl, Karl Spitzer) oder für ihr Scheitern (Rothschild) verantwortlich gemacht werden. Der Sieg der Konterrevolution macht die Hoffnungen auf Emanzipation vorläufig zunichte.
1849
Kaiser Franz Joseph I. spricht in einer Audienz irrtümlich von der „israelitischen
Gemeinde von Wien“, womit der erste Schritt zu einer offiziellen Gemeindegründung getan ist.
1852
Konstituierung der „Israelitischen Cultus-Gemeinde“ mit provisorischem Gemeindestatut. Zunehmende jüdische Einwanderung nach Wien aus den Provinzen der Monarchie.
1858
Einweihung des unter Adolph Jellinek eher fortschrittlich geführten Leopolstädter Tempels im II. Bezirk. Übersiedlung der orthodoxen Gemeinde aus einem kleinen Bethaus in die nachmalig berühmte „Schiffschul“.
1867
Staatsgrundgesetz: Völlige bürgerliche Gleichstellung aller Österreicher, damit auch der Juden. Gleichzeitig erstarkender Antisemitismus.
1884
Der Floridsdorfer Rabbiner Dr. Joseph Bloch, der in der Öffentlichkeit erfolgreich gegen den Antisemitismus des Theologieprofessors Rohling aufgetreten ist, wird in den Reichsrat gewählt.
1890
„Israelitengesetz“ zur Regelung der „äußeren Rechtsverhältnisse der israelitischen Religionsgemeinschaft“.
1893
Eröffnung der Israelitisch-theologischen Lehranstalt.
1896
Mit der Publikation seiner Broschüre „Der Judenstaat“ begründet Theodor Herzl den politischen Zionismus.
ab 1897
Bürgermeister Karl Lueger spricht seine kleinbürgerlichen Wähler mit wirtschaftlich begründetem Antisemitismus an.
1889 –1909
Houston Stewart Chamberlain, nachmaliger Schwiegersohn Richard Wagners, lebt in Wien. 1899 publiziert er seine „Grundlagen des 19. Jahrhunderts“, ein Hauptwerk des Rassenantisemitismus und Pangermanismus.
1909
Gründung des Sportclub Hakoah. Foundation of the Hakoah Sport Club.
1906 – 1911
Adolf Hitler lebt in Wien.
1914
Ausbruch des I. Weltkrieges. Jüdische Flüchtlinge aus den östlichen Kriegsgebieten kommen in großer Zahl nach Wien.
nach 1918
Großes Elend unter der Masse der Juden. Die Gemeinde erreicht zeitweilig ihren zahlenmäßig höchsten Stand.
1919
Gründung des „Deutschösterreichischen Schutzvereins Antisemiten-Bund“.
1925
Ermordung des Publizisten Hugo Bettauer durch einen Nationalsozialisten.
1933
Der Linzer Bischof Johannes Maria Gföllner bezeichnet in einem Hirtenbrief die Brechung „jüdischen Einflusses“ als „strenge Gewissenspflicht eines jeden überzeugten Christen“.
12. März 1938
Einmarsch der deutschen Truppen in Österreich. In derselben Nacht Privatraubzüge der SA in jüdischen Wohnungen und Geschäften.
März bis Juni 1938
Pogromartige antijüdische Ausschreitungen. Ausschaltung aus dem öffentlichen Dienst. Erste Deportationen in das Konzentrationslager Dachau. Einführung der Nürnberger Rassegesetze. Nach Wiederaufnahme der Amtstätigkeit der Kultusgemeinde wird eine offizielle Auswanderung möglich.
Sommer/Herbst 1938
Zahlreiche diskriminierende Erlässe und Verordnungen, so die Verpflichtung, den Vornamen „Sara“ bzw. „Israel“ anzunehmen, oder auch das Verbot, öffentliche Parkanlagen zu betreten. Schließung oder „Arisierung“ vieler Geschäfte.
9/10. November 1938
Novemberpogrom: Devastierung oder Inbrandsetzung aller Wiener Synagogen und Bethäuser. Festnahme von 6.547 Juden.
bis Mai 1939
Rund 100.000 Juden haben das Gebiet des ehemaligen Österreich verlassen.
Oktober 1941
Beginn der Massendeportationen aus Wien. Zum Jahresende 1942 gibt es hier nur mehr 8.102 Juden. 65.459 österreichische Juden werden in den verschiedenen Vernichtungs- und Konzentrationslagern ermordet. Nur 5.816 erleben die Befreiung in Österreich.
April 1945
Neugründung der Israelitischen Kultusgemeinde in Wien.
Mai 1945
Reaktivierung des Sportclub Hakoah Wien.
September 1945
Provisorische Wiedereröffnung des Stadttempels, der als einziges jüdisches Gotteshaus Wiens 1938 nicht vollständig zerstört worden ist.
Nachkriegsjahre
Halb Wien ist ein Lager für „Displaced persons“ aus dem Osten. Die meisten dieser DPs sind Juden, die nach Palästina wollen.
1966
Auf Initiative von Prof. Kurt Schubert wird das Institut für Judaistik an der Universität Wien gegründet.
ab 1970
Wien wird Brücke für sowjetische Juden, die von der UdSSR nicht direkt nach Israel auswandern können. Zahlreiche von ihnen bleiben in Wien.
1972
Gründung des Österreichischen Jüdischen Museums in Eisenstadt.
1978
Öffentlichkeitsrecht für die Talmud-Tora-Schule.
1980
Gründung des Jewish Welcome Service.
August 1981
Bombenanschlag vor dem Tempel in der Seitenstettengasse.
1984
Wiedereröffnung der nach dem ehemaligen Wiener Oberrabbiner benannten Zwi Perez Chajes Schule.
1988
Jüdisches Institut für Erwachsenenbildung.
1989
Gründung des Jüdischen Museums der Stadt Wien.
1990/91
Öffentlichkeitsrecht für die „Wiener Jeschiwa“, die Fachschule für jüdische
Sozialberufe.
1991
Eröffnung des Jüdischen Museums Hohenems.
1994
Offizielle Institutionalisierung von „Esra“ (Hilfe), einer Initiative zur psychosozialen Betreuung von Überlebenden und ihren Nachkommen sowie zur soziokulturellen Integration von Zuwanderern.
1995
Gründung des Nationalfonds für die Opfer des Nationalsozialismus.
1998
Gründung des JBBZ (Jüdisches Berufliches Bildungszentrum).
1999
Eröffnung der Lauder Chabad Schule im Augarten. Gründung der Anlaufstelle der Israelitischen Kultusgemeinde für Jüdische NS-Verfolgte in und aus Österreich.
2000
Eröffnung des Museums Judenplatz und Enthüllung des Mahnmals für die 65.000 österreichisch-jüdischen Opfer der Schoa.
2008
Eröffnung des neuen IKG-Campus’ im Wiener Prater. Die österreichische Bundesregierung beschließt die Einrichtung des „Wiener Wiesenthal Instituts für Holocaust-Studien”.
