Museums-Geschichten

In einem Museum gibt es Ausstellungen. In Ausstellungen gibt es Dinge, Museumsobjekte. Die stehen oder liegen nicht nur einfach nur so da, sondern inspirieren zu Geschichten. Junge MuseumsbesucherInnen sind herzlich eingeladen, im Rahmen unseres Vermittlungs-Specials „Museums-Geschichten“ kreativ drauf los zu erfinden, was die Dinge in der Vitrine so tun - tagsüber, nachts, in den Sommerferien, ob sie vielleicht ausbrechen wollen?
 
  

„Wie man Freunde findet“

Eines Abends, es war noch nicht dunkel und nicht mehr hell, ist ein Ring aus dem Jüdischen Museum weggelaufen. Vielleicht war ihm langweilig, vielleicht wollte er einfach mal raus an die frische Luft. Jahre lang in der Vitrine, keine Action, nichts los, immer dasselbe, sehr langweilig.
Der Ring sprang einfach aus der Vitrine – die ließ sich von innen öffnen – und spazierte hinaus. Die Alarmanlage hat nicht funktioniert, so dass es gar nicht aufgefallen ist, dass ein Ring aus dem Museum verschwunden ist. Auffallen kann das nur jemandem, der ganz genau schaut. Der Ring ist nämlich nicht sehr groß, ein ganz normaler Ring einfach. Nein, das stimmt auch nicht, denn es ist ein Ring mit einem Haus drauf, wie man ihn bei jüdischen Hochzeiten verwendet. Haus, weil die zwei, die heiraten, in einem Haus oder unter einem Dach wohnen werden, ganz einfach.

An einem anderen Abend, es war schon richtig dunkel und sehr spät, verließ eine Krone das Museum. Diese Krone war ziemlich groß und ganz silbern. Sie verließ das Museum und ging auf ein Eis, das hatte sie schon lange einmal tun wollen. In der Früh war natürlich sofort das Fehlen dieser Krone bemerkt worden: die Polizei wurde angerufen, hat aber nichts genützt, denn die haben die Krone nicht finden können. Wer sucht schon eine Krone im Eisgeschäft?

Etwas später ist ein Leuchter geflüchtet – ein Leuchter für 9 Kerzen, wie man sie zu Chanukka verwendet. Diesem Leuchter war so unglaublich fad im Museum, dass es kaum zum Aushalten war. Seit 15 Jahren hatte er keine Kerzen mehr an sich gehabt, so dass er Chanukka fast schon vergessen hatte. Er ging am nächsten Tag – die im Museum haben natürlich wieder nichts gemerkt – in ein Kerzengeschäft, kaufte 9 Kerzen und zündete alle 9 Lichter an. Das war wahrscheinlich ein bisschen zu viel für den Anfang, denn der arme Leuchter lief durch den ersten Bezirk und rief: „Mir ist heiß, mir ist so heiß, Hilfe, mir ist heiß!“ Die Polizei kam sofort angelaufen, was heißt angelaufen, angefahren, mit drei dicken Autos. Wenn etwas Komisches, Ungewöhnliches passiert, kommen die gleich daher. Die Polizisten pusteten die Kerzen aus und der Leuchter ging wieder ins Museum zurück.

Die Museums-Dinge hatten nun schon gemerkt, dass es ziemlich einfach war, das Museum zu verlassen. Die Alarmanlage reagiert, wenn jemand etwas stehlen oder sonst einen Blödsinn anstellen will. Die Museums-Dinge wohnen im Museum, es ist ihr Zuhause und daheim ist die Alarmanlage ja auch nicht an.
Der nächste Ausbrecher war ein ganz Schlauer: er dachte, das beste Versteck für ihn wäre der Stephansdom, denn einen Teller, den man bei einem jüdischen Fest verwendet, wird man ganz bestimmt nicht in der Kirche suchen. Logisch. Außerdem dachte der Teller, dass er in der Kirche bestimmt andere Teller treffen würde. Neue Freunde finden, ist immer super. Man kann sich Dinge erzählen und gemeinsam etwas unternehmen, man fühlt sich mit Freunden einfach besser.

Es dauerte nicht mehr lange und die Museums-Dinge bekamen alle Lust auf ein wenig Abwechslung. Der goldene Gürtel hatte es ausprobiert und es funktionierte: die ausgestellten Objekte konnten ganz einfach von innen die Türen der Vitrinen öffnen und aus dem Museum verschwinden. Der Gürtel und alle anderen Museums-Dinge verließen an diesem Abend das Museum. Gut, dass nicht viele Leute in der Dorotheergasse unterwegs waren, es wäre wahrscheinlich aufgefallen, wenn plötzlich Kronen, Teller, Becher, Textilien, Besteck, Kerzenhalter, Gemälde und die verschiedensten Dinge, die man sich in einem Museum vorstellen kann, auf der Straße herum gehen. Die Objekte machten das aber sehr schlau, sie gingen zu zweit oder zu dritt oder zu viert, nie zu viele, aber auch nie zu wenig, ist ja nicht ganz ungefährlich in der Stadt. Die Museums-Dinge waren neugierig auf die Welt außerhalb der Museumsmauern und machten alle möglichen lustigen Sachen. Eine Pizza kaufen und im Gehen essen, ein bisschen U-Bahn fahren, spazieren, in die Luft schauen, zu C&A gehen oder zu Deichmann und natürlich ins Kino. Das war alles sehr aufregend, aber noch nicht ganz perfekt.

Das Problem der Museums-Dinge: sie waren so lange unter sich gewesen, dass sie sich ein bisschen langweilten miteinander, nicht viel, aber ein bisschen. So ein bisschen, dass sie gerne neue Freunde gefunden hätten. Aber wo sucht man die? Wo sucht man neue Freunde?
Eigentlich keine schwierige Frage: neue Freunde findet man in den anderen Museen in der Stadt und weil es da genug Auswahl gibt, waren die Objekte eine ganze Weile beschäftigt. Das Kunsthistorische Museum, das Naturhistorische Museum, das mit der vielen Technik, das mit den Uhren, das Wien Museum, das Völkerkunde Museum, das Sisi Museum, das Mozart Haus, das Schokolade Museum, das Museum Moderner Kunst, die Albertina und noch viele andere interessante Adressen.
Inzwischen war in der Dorotheergasse nichts mehr zu sehen – die Besucher mussten vor den leeren Glasschränken stehen, natürlich keine gute Lösung und nichts auf Dauer. Auf der Museumswebsite und in allen Zeitungen konnte man lesen: „Helfen Sie bitte mit, die verschwundenen Objekte des Jüdischen Museums wieder zu finden. Ein Finderlohn erwartet Sie!“

Es dauerte ein bisschen, bis die Museums-Dinge das erfahren hatten. Oh je, das Museum ohne Besucher, das war auch keine gute Idee. Man musste also wieder zurück. Damit es in Zukunft nicht so langweilig sein würde, könnten die neuen Freunde ja einfach mitkommen? Wer Lust hat, kann ja einige Zeit bleiben, ein bisschen wie Urlaub, länger oder kürzer, amüsant und sehr entspannend…
Die Gegenstände aus dem Jüdischen Museum nahmen nur wenige Freunde mit und nur manchmal, so dass es nicht sofort auffallen konnte, dass sich etwas verändert hatte.
Das ist das große Geheimnis in allen Museen, die Dinge hinter Glas haben früher viel erlebt, als sie noch in Verwendung waren, bevor sie ins Museum gekommen sind. Sie erleben aber auch im Museum viel, sie gehen weg, sie kommen wieder und wer ganz genau hinschaut und ganz gut zuhört, erfährt alle ihre Geschichten. Phantasie braucht man auch, aber sonst nichts.

Museumsgeschichte, erzählt und gemalt von Kindern aus der VS Herzmanovsky Orlando Gasse, 1210 Wien am 21.10.2010 im Jüdischen Museum Wien

Die Wannen-Story


Der Schaukelbadewanne in Meran ist es fad, richtig fad, total langweilig. Deshalb haut sie ab und geht in die Berge. Sie geht auf den Arlberg und nach St. Anton, um Schi zu fahren. Eine Badewanne hat 4 Füße und braucht daher auch 4 x Schi, weil sie zwei Arme hat, reichen aber zwei Stöcke völlig aus.

Sie fährt ziemlich oft den Arlberg runter und ist anschließend natürlich sehr müde. Deshalb geht sie in ein Café und trinkt heiße Schokolade mit Schlagobers. Wieder gestärkt geht sie ein bisschen in der Stadt spazieren. Auf ihrem Weg kommt sie bei einem Geschäft vorbei und kauft ein Krokodil. Kein Babykrokodil, sondern ein erwachsenes großes Krokodil. Die beiden gehen nun zu zweit spazieren. Das Krokodil möchte baden – nichts leichter als das. Es nimmt ein Vollbad mit viel Schaum und trinkt das ganze Badewasser aus. Natürlich wird dem Krokodil davon schlecht, wegen des Badeschaums, ganz klar.

Das Krokodil kann sich kaum auf den Beinen halten, so schlecht ist ihm. Gut, dass sie an einer Apotheke vorbeikommen. Da sind ziemlich viele Leute drin, die stehen herum und warten und stehen und warten und warten und schlafen dann irgendwann ein. Auch die Badewanne und das Krokodil. Auf geheimnisvolle Weise wachen alle nach einer Weile – niemand weiß, wie lang eine Weile wirklich dauert – wieder auf. Das Krokodil bekommt eine Medizin und es ist schon fast ganz gesund. Ein bisschen müde sind die beiden nach den aufregenden Erlebnissen. Sie spazieren noch ein bisschen herum, es ist dunkel und irgendwo müssen die beiden schlafen. Sie checken im Hotel Edelweiß ein, überall in den Bergen gibt es Hotels mit diesem Namen. Sie buchen die Familiensuite, gehen hinauf in den ersten Stock, ruhen sich kurz aus und machen sich fürs Abendessen zurecht.


Im Speisesaal nehmen sie an einem weiß gedeckten Tisch Platz. Das Krokodil bindet sich eine Stoffserviette um den Hals und ordert die Weinkarte. Die Badewanne bestellt Schweinsbraten. Ganz ohne Beilagen, ohne Knödel, ohne Kraut, nur Schweinsbraten. Die beiden essen und trinken, bis sie ganz müde sind. Sie gehen dann hinauf in ihr Zimmer, putzen sich die Zähne und gehen ins Bett. Sie geben sich ein Gutenachtküsschen, ziehen die Decke bis zur Nasenspitze hoch und sind schon im nächsten Moment eingeschlafen.

Erzählt am 2. März 2010 von SchülerInnen der VS Notre Dame de Sion in der Ausstellung „Hast du meine Alpen gesehen?“
Illustrationen: Judith Jelinek

 
  

OK. Dobro. Tamam. Beseder. Objekte und Geschichten aus aller Welt

Debbies Perlenkette ist eine Handarbeit der Cousine ihres Vaters. Sie heißt Chedva, lebt in Israel und fertigt aus winzigen Perlen Schmuck an. Debbie hat mehrere solcher Schmuckstücke, so ist Chedva immer irgendwie in Wien, auch wenn sie in Holon/Israel wohnt.
Valerie brachte einen Fisch aus Venedig. Einen Fisch aus Murano-Glas, der zuhause auf einem Regal steht, wo sich auch andere Souvenirs befinden. Valerie war in der berühmten Glasbläserei in Murano und hat sich angesehen, wie aus Glas Kunstwerke werden.
Allessandras Objekt ist in einem Holzbehälter versteckt und kommt aus Bulgarien. Das wertvolle Innenleben des Holzbehälters ist ein kleines Fläschchen mit Rosenöl. Riecht wunderbar und ist sehr, sehr teuer. Ein Liter von diesem tollen Öl kostet 5000,-!!! Das Öl stammt eigentlich aus der Sammlung von Allessandras Großmama, die ganz viele bulgarische Dinge hat und sogar ein Museum einrichten will.
Svetoslav, der Bruder von Allessandra, brachte auch etwas aus Bulgarien. Sein Mitbringsel bringt Glück. Zwei Figuren aus rot-weißem Garn, Marteniza genannt, das bedeutet März. Rot für rote Wangen, weiß für weißes Haar – man soll gesund sein und alt werden. Damit das mit dem Glück auch wirklich klappt, hängt man die beiden Figuren in einen Baum. Dazu gibt es noch ein rot-weißes Band, das man unter einen Stein legt – bringt auch Glück!
Jana hatte eine Münze mitgenommen. Eine kleine unscheinbare Münze. Ein wichtiges Stück, denn die Münze gehört ihrer Oma, die vor dem Krieg geflüchtet ist. Jana hat erzählt, dass die Münze sehr wichtig ist, weil sie an etwas Wichtiges erinnert – an die Oma und daran, dass sie flüchten könnte. Kleines Objekt, große Geschichte.
Veronika brachte eine Kappe aus Hamburg. Nicht einfach irgendeine Kappe, sondern eine vom FC St. Pauli in Hamburg. Veronika ist ein großer Fan dieses Fußball-Teams, ihr Vater stammt aus Hamburg und bringt ihr immer wieder etwas aus seiner Stadt mit. Vom FC St. Pauli hat Veronika schon sechs Sachen.
Philippa und Clarissa sind Schwestern. Die beiden hatten ein gemeinsames Objekt gebracht. Ihre Oma lebt in Schweden und weil die Mädchen große Pippi Langstrumpf-Fans sind, hat sie ihnen eine Pippi Langstrumpf Puppe geschenkt. Dass Pippi auch aus Schweden kommt, wie ihr Pferd und ihr Äffchen heißen, das wissen die beiden natürlich!
 
 
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