Ausstellungen 2005

«Übersicht

Zähler / Nenner. Beate Passow

16. März - 4. September 2005

„Ich trage auf meinem linken Unterarm die Auschwitz-Nummer … Wenn ich mir und der Welt sage: ich bin Jude, dann meine ich damit die in der Auschwitz-Nummer zusammengefassten Wirklichkeiten und Möglichkeiten.“ So brachte Jean Améry die unauslöschliche Wirkung, die Nazi-Folter und Auschwitz auf seine weitere Existenz gehabt haben, auf einen Nenner. Die Gesamtzahl der in Auschwitz und seinen Nebenlagern Ermordeten wird auf 1,1 bis 1,5 Millionen geschätzt. Über 400.000 Gefangene wurden bei ihrer Ankunft zunächst als arbeitsfähig eingestuft und mit einer Registriernummer zwangstätowiert. Nur etwa 65.000 von ihnen sind dem industriellen Morden entgangen. Beate Passow hat Mitte der 1990er-Jahre Überlebende mit ihrer Kamera besucht. Dabei entstand ihre bewusst dokumentarisch gehaltene Fotoserie „Zähler/Nenner“, die unmissverständlich das Grauen der Gefangenschaft von Auschwitz verdeutlicht.
Bei ihrem Projekt „Zähler/Nenner“ fotografierte Beate Passow tätowierte Unterarme von Menschen, die Gefangene des ehemaligen Konzentrationslagers Auschwitz waren. Die Gezählten sind namenlos. Sie leben heute in vielen Ländern Europas und in Israel. Es sind alt gewordene Menschen, die ihre Arme und Hände zeigen. Es sind Menschen, die überlebten und die allein durch ihre Existenz zu uns sprechen. Sie sagen durch ihre in den Unterarm tätowierte Nummer, was mit ihnen geschehen ist: Von den Nationalsozialisten zu zählbarem Material reduziert und mit diesem Menetekel behaftet, sind sie durchs Leben gegangen. Auf Beate Passows Fotografien werden allein die aufgebreiteten Arme der Menschen sichtbar, im Querformat mehr oder weniger mittig aufgenommen, die Wendung des Arms so, dass jeweils die Tätowierung erkennbar ist. In der Aneinanderreihung von 40 Aufnahmen wird so der gemeinsame Nenner ablesbar. Dieser Nenner führt uns auf den Grund der Entmenschlichung: Unmittelbarer noch als im Judenstern werden der Zwang, die Unterdrückung und Mechanisierung anschaulich gemacht, was hier zu sehen ist, vermittelt etwas vom Unglaublichsten.

Kurator: Reinhard Geir

Museum Judenplatz
Judenplatz 8
1010 Wien

Jetzt ist er bös, der Tennenbaum. Die Zweite Republik und ihre Juden

20. April - 4. Juli 2005

Als Beitrag zum Republik-Jubiläum soll diese kritische Bestandsaufnahme nicht eine reine Anhäufung wissenschaftlicher Fakten sein, sie soll vielmehr neuralgische Punkte aufzeigen und Diskussionen einfordern, die bis dato gar nicht oder nur höchst mangelhaft geführt wurden.
„Jetzt ist er bös, der Tennenbaum“ ist ein Zitat aus Helmut Qualtingers und Carl Merz’ „Der Herr Karl“, einem satirischen Ein-Personen-Stück, das den österreichischen Kleinbürger als dauerhaften Opportunisten entlarvt und zeigt deutlich das spezifisch österreichische Selbstbild nach 1945, das in der Ausstellung thematisiert wird. Dabei wird nicht nur auf individuelle Borniertheit und eine antisemitische Grundhaltung in der österreichischen Gesellschaft verwiesen, sondern auch auf jahrzehntelange parteipolitische ideologische Unaufrichtigkeit, historisches Unbewusstsein beziehungsweise bewusste Verdrängung der Geschichte sowie auch auf sprachliche Inkonsequenzen und Mehrdeutigkeiten.
Dieses nicht vorhandene Bewusstsein kommt gerade in der heutigen sozio-politischen Landschaft Österreichs immer wieder sehr deutlich zu Tage. Sie ist allerdings kein Produkt der gegenwärtigen politischen Konstellation, und auch die unverhohlene Hetze gegen Mitglieder der Israelitischen Kultusgemeinde ist keine Innovation der FPÖ. Man braucht nur in die Schublade der Geschichte zu greifen, um „bewährte“ Stereotype hervorzuholen: Xenophobie, Antisemitismus und gleichzeitiger Kommunistenhass waren nie das Monopol der politisch Konservativen, sondern wurden auch von liberaler und sozialistischer Seite je nach politischen Zwecken und Zielen eingesetzt. Die gegenwärtige politische und atmosphärische Situation steht lediglich dahingehend im Vordergrund, als sie im Extremen verdeutlicht, wohin jahrzehntelanges parteipolitisches Machtstreben, ideologische Unaufrichtigkeit und Geschichtsverdrängung oder gar Geschichtsverdrehung führen.
An ihr lässt sich quasi „idealtypisch“ demonstrieren, was die Konsequenz davon ist, dass sich ein guter Teil der politischen, wirtschaftlichen, wissenschaftlichen und kulturellen Eliten nach 1945 aus den Eliten von vor 1945 rekrutierte.
Die Einforderung einer Auseinandersetzung der Zweiten Republik mit der eigenen Geschichte wird in Form einer „interaktiven“, dialogischen Art präsentiert. Der Raum Museum wird als Raum des aktiven Streitgesprächs und der Mobilisierung genutzt, in dem die Besucher weniger Konsumenten als Akteure sind.

KuratorInnen: Felicitas Heimann-Jelinek, Gerhard Milchram, Nico Wahl

Palais Eskeles
Dorotheergasse 11
1010 Wien

Burekas oder ¼ Huhn? Wie man jüdisch heiratet

5. Mai - 10. Juli 2005

Das Hochzeitsfest zählt zu den bedeutendsten Familienfesten in allen Kulturen und Religionen. Über die Besonderheiten des jüdischen Hochzeitsfestes erzählt diese Ausstellung.
Bei einem Hochzeitsmahl in Israel wird den Gästen meist die Frage gestellt, was die Gäste lieber essen wollen: Burekas - gefüllte Blätterteigtaschen - oder ¼ Huhn. Die Eheschließung gilt als Weiterführung der göttlichen Schöpfung. Das Feiern einer Hochzeit ist so wichtig, dass dafür sogar das Studium der Tora unterbrochen werden muss, um mit den Brautleuten fröhlich zu sein. Mann und Frau sind erst vollkommen, wenn sie zusammen leben, um „ein Fleisch“ zu sein (Gen 2,24). Ein Mann, der keine Frau hat, lebt ohne Freude, ohne Segen und ohne Güte.
Die unterschiedlichsten Hochzeitsbräuche sind durchwoben vom Volksglauben, für den häufig eine religiöse Legitimation gefunden wurde. Ein venezianischer Schleier erzählt in der Ausstellung vom „Bedecken“ der Braut. Dieser Brauch entstand vermutlich, um den bösen Blick abzuwenden und die Dämonen glauben zu machen, die Braut sei in Trauer. Ein ähnliches Ritual gab es auch für den Bräutigam: Er streute, als vorgetäuschtes Zeichen der Trauer, Asche auf sein Haupt.
Am offensichtlichsten wird der Dämonenglaube jedoch beim Zerbrechen des Glases. Nach dem Verlesen der Eheurkunde, der Ketubah, zertritt der Bräutigam ein Glas. Die ursprüngliche Zeremonie, ein Gefäß mit Wein gegen einen so genannten Chuppa-Stein zu werfen, erfüllte eine doppelte Funktion: Den Dämonen wurde ein Trankopfer gebracht und durch den Lärm wurden sie zusätzlich erschreckt. Der Brauch wurde geändert, als sich die rabbinischen Autoritäten entschieden gegen eine Opfergabe an die Dämonen aussprachen - die Geister nur zu erschrecken war wohl theologisch ein wenig unbedenklicher. Im 16. Jh. entstand eine neue Interpretation für das Zerbrechen des Glases - jetzt wurde es zum Symbol für die Trauer über die Zerstörung des Tempels von Jerusalems.
Ohne die Ausstellung einer Ketubah ist eine jüdische Hochzeit nicht rechtsgültig. Ganz besonders interessant sind die illustrierten Ketuboth. Sie kamen im 16. Jh. zu voller Blüte. Obwohl immer wieder versucht wurde, Illustrationen zu unterbinden, wurden die Ketuboth, ähnlich den christlichen Bildgeschenken bei Hochzeiten, immer phantasiereicher gestaltet, wobei die Formensprache der italienischen Ketuboth von der engen Verbindung zwischen christlicher und jüdischer Kunst spricht.

Kuratorin: Evi Fuks

Palais Eskeles
Dorotheergasse 11
1010 Wien

Eine Zeit zum Bauen. Jüdische Identität in der zeitgenössischen Architektur

13. Juli - 4. September 2005

Die Ausstellung geht der Frage nach, ob Architektur jüdischer Identität Form verleihen kann. Sie zeigt einen internationalen Überblick über Architekturprojekte für jüdische Einrichtungen am Ende des 20. und zu Beginn des 21. Jahrhunderts, darunter weltweit Aufsehen erregende Entwürfe und Bauten von Architekten wie Frank O. Gehry, Moshe Safdie, Mario Botta, Daniel Libeskind und Adolf Krischanitz. Im Blickpunkt der Ausstellung stehen Museen, Synagogen, Gemeinde-zentren und Schulen in Europa, Israel und den USA. Modelle, Skizzen und Fotografien führen die Besucherinnen und Besucher auf die Spuren jüdischer Identität in der zeitgenössischen Architektur.
Ein besonderer Schwerpunkt ist den Bauten gewidmet, die in den letzten Jahren in Wien entstanden sind: dem Umbau des Jüdischen Museums und dem Museum auf dem Judenplatz. Außerdem präsentiert das Jüdische Museum Zeichnungen, Fotos und Texte von SchülerInnen der Wiener Lauder Chabad Schule, die von Adolf Krischanitz geplant wurde, anhand derer das breite Spektrum an Wahrnehmungs- und Nutzungsmöglichkeiten von Architektur deutlich wird: Schulfeste, Lieblingsplätze und die Auseinandersetzung mit dem Gebäude selbst sind die Themen dieser Arbeiten.
Die chronologische Übersicht der bedeutendsten historischen Bauten - vom Tempel in Jerusalem bis zum Washingtoner Holocaust Museum - verdeutlicht, aus welchen Quellen sich Architekten heute inspirieren lassen. Bauen für jüdische Institutionen bedeutet auch ein Bauen an der jüdischen Identität. Die Gründe dafür liegen in der jüdischen Kultur und Religion ebenso wie in den Brüchen der jüdischen Geschichte. Die Spannung zwischen den Polen fortdauernden oder wiedererwachenden jüdischen Lebens und der stets präsenten Erinnerung an die Auslöschung jüdischer Kultur und jüdischen Lebens durch den Holocaust spiegelt sich in der Architektur wider.

KuratorInnen: Angeli Sachs, Edward van Voolen

Palais Eskeles
Dorotheergasse 11
1010 Wien

Elias Canetti (1905 - 1994). Das Jahrhundert an der Gurgel packen

24. Juli - 25. September 2005

Der hundertste Geburtstag Elias Canettis am 25. Juli 2005 gibt dem Jüdischen Museum Wien einen willkommenen Anlass, Leben und Werk dieses altösterreichischen Jahrhundert-Schriftstellers und Literaturnobelpreisträgers zu würdigen. Die Hälfte seines Lebens war er ein Geheimtipp. Nach seinem Roman Die Blendung und dem Theaterstück Hochzeit schrieb er fast nur noch an seiner großen ethnographisch-psychologischen Untersuchung Masse und Macht, die 1960 erschien und zunächst kaum zur Kenntnis genommen wurde. Erst mit der dritten deutschsprachigen Ausgabe des Romans Die Blendung 1963 im Münchner Hanser Verlag, mit der Uraufführung der Hochzeit, die 1965 in Braunschweig einen Theaterskandal entfachte, und mit der dreibändigen Autobiographie („Die gerettete Zunge“, 1977; „Die Fackel im Ohr“, 1982; „Das Augenspiel“, 1985) wurde er einer breiteren Öffentlichkeit bekannt - sein Ruhm wuchs in der Folge stetig und 1981 erhielt er den Nobelpreis für Literatur.
Dennoch: Bei aller Begabung, persönliche Beziehungen zu knüpfen, blieb Canetti ein eigensinniger und widersprüchlicher Einzelgänger. Sein Werk steht quer zu den großen Strömungen der Literatur des
20. Jahrhunderts. Seinen Nachlass hat er der Zentralbibliothek in Zürich übergeben. Seit 2002 hat die Forschung Zugang zum schriftstellerischen Teil dieses Nachlasses (Entwürfe, Varianten, Aufzeichnungen), jedoch nicht zu den Tagebüchern und zu der privaten Korrespondenz, die bis 2024 gesperrt bleibt.

Kurator: Sven Hanuschek

Palais Eskeles
Dorotheergasse 11
1010 Wien

So einfach war das. Jüdische Kindheiten und Jugend seit 1945 in Deutschland, Österreich und der Schweiz

13. September 2005 - 19. Februar 2006

Die Dokumentation setzt sich damit auseinander, was es bedeutet, nach 1945 in Österreich, Deutschland oder der Schweiz als Jüdin, als Jude aufzuwachsen. Was hat es bedeutet, hier - nach dem Holocaust - groß zu werden, oder anzukommen als Flüchtling, Migrant oder Nachkomme von Überlebenden?
Im Rahmen der Ausstellung werden Schriftstellerinnen und Geschäftsleute, Journalisten, Intellektuelle und Künstlerinnen, Hausfrauen und Hausmänner, ältere und jüngere, gläubige und weniger gläubige, bekannte und weniger bekannte Menschen mit einem Foto und einer kurzen Geschichte aus ihrer Kindheit und Jugend porträtiert: Erlebnisse und Verstörungen des Alltags, kurze Momente des Glücks, der Fremdheit und der Zugehörigkeit, Einblicke in die Vielfalt jüdischer Lebenswelten nach 1945. Zusammen entfalten sie ein Panorama jüdischer Existenz in der Schweiz, in Österreich und in Deutschland heute: pointiert und widersprüchlich. Die Ausstellung umfasst insgesamt 43 Hörstationen, die 43 individuelle Kindheitserinnerungen von Juden in Deutschland, der Schweiz und Österreich präsentieren, von bekannten Autoren wie Wladimir Kaminer, Vladimir Vertlib, Hazel Rosenstrauch, Doron Rabinovici, Ruth Beckermann, Michael Brenner oder Richard Chaim Schneider bis hin zu unbekannten Menschen mit interessanter Geschichte.

Eine Ausstellung des Jüdischen Museums Hohenems in Zusammenarbeit mit dem Jüdischen Museum Berlin.

Kurator: Hanno Loewy

Museum Judenplatz
Judenplatz 8
1010 Wien

Mahleriana. Vom Werden einer Ikone

21. September 2005 - 8. Jänner 2006

Diese Ausstellung würdigt die Arbeit einer wissenschaftlichen Forschungsgesellschaft, die wesentlich dazu beigetragen hat, dass Gustav Mahler heute die internationale Anerkennung und Aufmerksamkeit auch einer breiteren Öffentlichkeit zuteil wird, die seiner Bedeutung für das Musikleben entspricht: Vor fünfzig Jahren wurde die Internationale Gustav Mahler Gesellschaft (IGMG) gegründet, zu einer Zeit, als der Antisemitismus der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts noch weiterhin wirksam und die Akzeptanz von Mahlers Musik auch aus ästhetischem Unverständnis sehr schwierig war. Ziel der Mahler-Gesellschaft war der Kampf für die Anerkennung und Verbreitung der Musik Gustav Mahlers, u. a. auch durch eine Kritische Gesamtausgabe seiner Werke. Mit viel Mühe und Aufwand gelang es ihr, Mahlers drei Komponierhäuschen am Attersee, am Wörthersee und in Südtirol zu retten und als Gedenkstätten zugänglich zu machen. Heute ist die IGMG die weltweit führende Forschungsstelle zu Leben und Werk Mahlers.
Die Ausstellung dokumentiert aber nicht nur das Engagement der IGMG für die Anerkennung von Mahlers Musik, sie zeichnet auch anhand ausgewählter, großteils noch nie gezeigter Dokumente aus ihrem Archiv die wichtigsten Momente aus dem Leben Mahlers nach. Ein Audioguide macht sein Schaffen nachvollziehbar und lässt auch Familienangehörige zu Wort kommen. Wie sehr Mahler heute als Ikone wahrgenommen wird, verdeutlichen neben der künstlerischen Auseinandersetzung eines Anton Hanak oder Fritz Wotruba vor allem die Büsten von Auguste Rodin, von denen Studien in Gips und Terrakotta und die Marmorbüste Mozart, Porträt Gustav Mahler erstmals in Wien gezeigt werden.

Kuratoren: Reinold Kubik, Erich Wolfgang Partsch

Palais Eskeles
Dorotheergasse 11
1010 Wien

Minhag Styria. Jüdisches Leben in der Steiermark

9. November 2005 - 30. Juni 2006 (verlängert bis 5. Juli 2006)

Anlässlich des fünfjährigen Jubiläums der Wiedereröffnung der Grazer Synagoge am 9. November 2000, die genau am Jahrestag der Zerstörung der Synagoge aus der Gründerzeit in den Novemberpogromen 1938. stattfand. Mit dem neuen Bethaus wurde vielen zum ersten Mal bewusst gemacht, dass jüdisches Leben und jüdischer Glaube ein Teil der steirischen Geschichte und Kultur ist.
Die Ausstellung erzählt von einer 500-jährigen wechselvollen Beziehung, zwischen Ablehnung und Akzeptanz, Gemeinschaft und Trennung, Vertreibung und Rückkehr. Diese der Steiermark gewidmete Ausstellung zeigt eine bislang unbeachtete Kultur- und Diasporageschichte jüdischer Tradition im Süden Österreichs. Durch kulturelle Veranstaltungen, Vorträge, Führungen und Familiensonntage werden jüdische Feste, Kunst, Literatur und Geschichte erlebbar gemacht.
So betonte auch Staatssekretär Morak in seiner Eröffnungsrede, dass die Ausstellung „ein wichtiger Beitrag zum Gedenken an das Novemberpogrom ist“ und mit dieser Ausstellung „ein wichtiger Schritt für ein besseres Verständnis und friedliches Miteinander gesetzt werde.“

Eine Ausstellung der Israelitischen Kultusgemeinde Graz in Zusammenarbeit mit dem Jüdischen Museum Wien und dem Jüdischen Kulturzentrum Graz.

Kuratorinnen: Karen Engel, Evi Fuks

Grazer Synagoge
David-Herzog-Platz 1
8020 Graz

Endstation Schein-Heiligenstadt. Eric Zeisls Flucht nach Hollywood

30. November 2005 - 26. März 2006 (verlängert bis 1. Mai 2006)

Im Rahmen der Serie „Musik des Aufbruchs“ gilt die 3. Schau dem heute weitgehend vergessenen Erich Zeisl, der in der US-Emigration seinen Namen in Eric Zeisl änderte. Eric Zeisl starb am 18. Februar 1959 53-jährig in Hollywood. Zu Lebzeiten hatte er die Filmmetropole als „ein blaues sonniges Grab“ bezeichnet, oder, wie in einer Widmung einen Wiener Freund im kalifornischen Exil, - als „Schein-Heiligenstadt“.
Der Wiener Musiker steht im Mittelpunkt einer Ausstellung, die das Leben von österreichischen Musik-Exilanten in Kalifornien beleuchtet. Zeisls Adressbücher, die in der Ausstellung eine wichtige Rolle spielen und in denen sich Namen wie Erich Wolfgang Korngold, Ernst Krenek, Hanns Eisler oder Arnold Schönberg finden, kommen einer Einladungsliste für den Salon seiner Frau Gertrud gleich. Sie weisen den Weg durch ein Geflecht aus Beziehungen, das versuchte, mitten in Hollywood ein mitteleuropäisches Lebensgefühl zu kreieren.
Eric Zeisl wurde am 18. Mai 1905 in Wien als Sohn von Kaffeehausbesitzern in der Leopoldstadt geboren. Seinen Musikunterricht erhielt er gegen anfänglichen Widerstand der Familie vor allem bei Richard Stöhr, zuerst kurz an der Wiener Musikakademie, später wegen besonderer Begabung in Privatstunden. Weitere Lehrer waren der fortschrittliche Hugo Kauder und der konservative Joseph Marx. Die Zwischenkriegszeit verbrachte er als privater Musiklehrer (Klavier, Theorie) und freischaffender Komponist in Wien. Obwohl seine Kompositionen bereits unmittelbar nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten - zunächst 1933 in Deutschland und 1938 nach dem „Anschluss“ in Österreich - aus den Spielplänen verbannt wurden und damit die künstlerische Karriere zu Ende war, emigrierte Zeisl erst nach dem Novemberpogrom von 1938.
Er flüchtete zunächst nach Paris, zehn Monate später in die USA, wo er enge Kontakte zu den kalifornischen Emigrantenkreisen (u. a. Kurt Herbert Adler, Mario Castelnuovo-Tedesco, Hanns Eisler, Lion Feuchtwanger, Erich Wolfgang Korngold, Alma Mahler-Werfel, Igor Strawinsky, Alexandre Tansman, Ernst Toch) pflegte und Filmmusiken für Hollywood schrieb.
Zeisls Wiener Musik ist eine Synthese aus spätromantischer Tradition und moderat modernen Gestaltungsmitteln. Sie ist der von Schönbergs Zweiter Wiener Schule entgegengesetzt und typisch für jene jungen Komponisten, die in den 20er Jahren nicht nach Berlin übersiedelt, sondern in Wien geblieben waren. Die Musik seiner Emigrationsjahre ist hingegen von einer „inneren Rückkehr“ zum Judentum geprägt. In diesem Bruch fand Zeisl zu einem ganz persönlichen Stil. Bewegendstes Zeugnis der Auseinandersetzung mit dieser Tradition ist das Requiem ebraico (1944/45), das dem Gedächtnis an Zeisls im Holocaust ermordeten Vater (und Stiefmutter) und den „zahllosen Opfern der jüdischen Tragödie in Europa“ gewidmet ist. Zeisls Musik, die seit kurzem immer zahlreicher ihren Weg in die Konzertsäle findet, ist eine lohnende Wiederentdeckung.

KuratorInnen: Michael Haas, Karin Wagner, Werner Hanak

Palais Eskeles
Dorotheergasse 11
1010 Wien