Palais Eskeles
Das „fürstlich Kaunitzsche - jetzt Arnsteinisches Haus“. Das Palais in der Dorotheergasse 11, seine Besitzer und Bewohner
Legende und Wirklichkeit
Die Geschichte des Hauses Dorotheergasse 11, in dem sich das Jüdische Museum der Stadt Wien seit 1993 befindet, war wie bei vielen Häusern der Inneren Stadt sehr wechselhaft: Häufige Besitzerwechsel lassen keine kontinuierliche, an eine Institution oder Familie gebundene Hausgeschichte erkennen. Gerade dieser Umstand der häufig wechselnden Besitzer bietet aber zahlreiche Möglichkeiten der Legendenbildung rund um die Geschichte dieses Hauses.
Bereits im Häuserverzeichnis von Anton Behsel wird 1829 Bernhard Freiherr von Eskeles als Besitzer des Hauses Dorotheergasse 11 genannt. Wohl auf diese nur zu einem Teil zutreffende Angabe sich stützend, wird von späteren Autoren das Gebäude als Wohnsitz des Freiherrn bezeichnet. Wilhelm Kisch, der 1883 ein topografisches Werk verfaßte, ortete den berühmten Salon der Cäcilie von Eskeles in diesem Haus, was nun in allen späteren Veröffentlichungen übernommen wurde. In der Folge diente der angebliche Bezug des Hauses zum Bankier Eskeles nicht unwesentlich dem Renommee des Hausbesitzers: Als das Dorotheum 1982 den Einzug in sein frisch renoviertes „Kunstpalais“ feierte, wurde der Salon der Eskeles nicht nur hier lokalisiert, sondern seine größte Bedeutung um gut ein Jahrzehnt in die zwanziger Jahre des 19. Jahrhunderts vorverlegt. Als schließlich 1993 das Palais als künftiger Standort des Jüdischen Museums Wien bekannt wurde, wurde aus ihm das „Palais des Hofjuden“. „Im Palais Eskeles in der Dorotheergasse 11“, so konnte man damals der Presse entnehmen, „wurde die vornehme Welt Wiens empfangen, die Hochfinanz, Künstler und Wissenschaftler.“
Ein Blick in die, freilich weit verstreuten, Akten zur Geschichte dieses Hauses und der Menschen, die es besaßen und bewohnten, zeigt ein etwas anderes Bild.
Die Dorotheerhöfe
Seit dem 14. Jahrhundert bestand in der damals so bezeichneten „Färbergasse“ eine der Hl. Dorothea geweihte Kapelle, in deren unmittelbarer Nachbarschaft 1414 ein Augustiner-Chorherren-Stift, das Dorotheerstift gegründet wurde. Den Augustiner-Chorherren gelang es, durch kontinuierlichen Ankauf benachbarter Objekte, ihr Kloster ständig zu erweitern: Im frühen 16. Jahrhundert umfaßte der bis in die heutige Spiegelgasse reichende Stiftskomplex in der Dorotheergasse die Front vom heutigen Haus Nr. 11 bis über die Plankengasse hinaus zum Haus Dorotheergasse 15. Nun überstiegen aber die Erhaltungskosten die finanziellen Kräfte des Stiftes, das nun einen Teil des Komplexes (ungefähr im Bereich des Hauses Nr. 11) vermietete und teilweise verkaufte.
1782 wurde, durch ein Dekret Josephs II., das Stift St. Dorothea unter die Verwaltung des Stifts Klosterneuburg gestellt und 1786 schließlich aufgehoben. Der Klosterneuburger Konvent wurde so auch Grundherr über alle ursprünglich zum Dorotheerstift gehörenden Grundstücke einschließlich des Gebäudes Dorotheergasse 11. Die Klosterneuburger Chorherren vermieteten die entweihte Kirche und weitere Teile des Komplexes an ein Versatzhaus. Die Kirche diente als Auktionshalle des später nach eben dieser Kirche so benannten „Dorotheums“.
Im ausgehenden 18. Jahrhundert planten die Klosterneuburger Patres eine großzügige Neuerrichtung der Dorotheerhöfe mit dem Ziel, den so entstehenden Wohnraum zu vermieten. 1803 wurde mit der Errichtung des neuen Komplexes (zu dem aber das Haus Nr. 11 nicht gehörte) nach Plänen des späteren Hofarchitekten Johann Amann begonnen. Die Baukosten übertrafen die vorhergehenden Schätzungen – nicht zuletzt aufgrund der Sicherung von Nachbargebäuden: So hatte das Nachbarhaus Dorotheergasse 11, wie aus dem Rechtsstreit des 17. Jahrhunderts hervorgeht, eine gemeinsame Wand mit dem Stiftshof. Das Klosterneuburger Stift mußte nun zur Deckung der Baukosten Darlehen aufnehmen. Zu den Kreditgebern gehörte auch das Bankhaus Herz und Uffenheimer.
Die Geschichte des Hauses im 19. und 20. Jahrhundert
Auch im frühen 19. Jahrhundert kam es in rascher Folge zu Besitzerwechseln: Bereits 1804 war das Gebäude im Besitz eines August Edlen von Holzmeister, der es ein Jahr später an Anna Maria von Dietrichstein veräußerte. Das Haus diente den meist adeligen Besitzern nicht für eigene Wohnzwecke, wohl eher als Kapitalanlage und um von den Mieteinnahmen zu profitieren. In der Ära Dietrichstein bewohnten zahlreiche Mietparteien das Haus. Zwischen 1805 und 1807 sind unter den Mietern die Witwe nach Wolfgang Amadeus Mozart, Constanze und ihre Söhne Wolfgang und Carl genannt. Das Haus dürfte in dieser Zeit auch baufällig geworden sein und war ab 1808 möglicherweise nicht mehr bewohnbar.
1812 war das Haus im Besitz des Nikolaus Fürst Esterhazy von Galantha, der es wiederum ein Jahr später an Alois Fürst Kaunitz-Rietberg, einem Sohn des Staatskanzlers Kaunitz, veräußerte. Fürst Kaunitz besaß das Objekt zehn Jahre. Ob in dieser Zeit bauliche Maßnahmen durchgeführt wurden und ob das Gebäude überhaupt bewohnt war, scheint zweifelhaft. 1823 mußte der offenbar verschuldete Kaunitz dieses Objekt auf dem Exekutionswege einem seiner Gläubiger, dem Bankhaus Arnstein und Eskeles abtreten. Das Stiftgericht erließ daraufhin am 3. September 1823 folgende Bekanntmachung:
Vom Stiftgerichte Klosterneuburg wird hiermit bekannt gemacht: Es sey in Folge Ersuchschreiben des löblichen kk: noe: Landrichters auf bewirken der kk. privelegierten Großhändler Arnstein und Eskeles wider Herrn Aloys Fürsten von Kaunitz Rittberg Gunstenberg in die Vornahme der exekutiven Feilbietung des zum hiesigen Grundbuche dienstbaren in der Stadt Wien in der Dorotheergasse N. 1110 gelegenen, und auf 130000 f in Cono: Münz geschätzten Hauses gewilliget, und hiezu drey Termine nähmlich für den ersten, den 15. Oktober den zweyten, den 12. November und für den dritten den 15. Dezember d.J. mit dem Beysatze bestimmt worden, daß wenn gedachte Realitaet weder bey dem ersten noch zweyten Termin um die Schätzung oder darüber an Mann gebracht werden würde, solche bey der dritten auch unter der Schätzung hindann gegeben werde solle.
Kauflustige haben demnach an obbestimmten Tagen jedes mahl Vormittag um 9. Uhr in der hiesigen Amtskanzley zu Klosterneuburg zu erscheinen, wo auch die Bedingungen vorläufig eingesehen werden können.
Stiftgericht Klosterneuburg den 3. September 1823.
Zum ersten Termin fand sich offensichtlich kein „Kauflustiger“ ein, denn das Stiftgericht erneuerte seine Bekanntmachung am 15. Oktober und kam etwaigen Interessenten entgegen, in dem sich diese nun nicht mehr in die Klosterneuburger Amtskanzlei begeben sollten, sondern „in der Behausung No. 1110 in der Stadt in der Dorotheergasse zu erscheinen“ hatten. Dennoch fanden sich keine Interessenten für das Kaufobjekt, das nun in den Besitz des Gläubigers, des Bankhauses Arnstein und Eskeles gelangte. 1825 scheinen im Grundbuch „Arnstein et Eskeles, Banquiers“ als Besitzer auf. Im gleichen Jahr beantragte der Advokat Dr. Hornuker als Vertreter der Bankiers Arnstein und Eskeles beim Stiftgericht Klosterneuburg die Löschung einer Hypothek auf das Haus zu Gunsten des Franz von Müller zu Müllegg. Im Akt, der diesen Vorgang dokumentiert, wird das Gebäude als „fürstl. Kaunitzsches – jetzt Arnsteinisches Hause“ bezeichnet.
Zwei Jahre später verkaufte das Bankhaus Arnstein und Eskeles das Gebäude an den ungarischen Adeligen Alexander Graf Nako de Szent Miklos. Bereits ein Jahr später stellte Nako ein Ansuchen um Genehmigung von Umbauarbeiten. 1830 wurden die Umbauarbeiten abgeschlossen und Graf Nako bewohnte mit seiner Familie und einer größeren Zahl von Dienstboten das Palais. Nun blieb das Gebäude für längere Zeit in Familienbesitz. Erst 1895 verkaufte Koloman Graf Nako de Szent Miklos das Haus an die beiden Baumeister Ignaz Fleischer und Salomon Stein. Auf deren Veranlassung wurde der Innenhof überdacht und die heute noch sichtbare Portalkuppel am Haupteingang angebracht.
1896 verkauften die beiden Baumeister das Palais an den Kunsthändler Hugo Othmar Miethke, der es als Kunstgalerie und Wohnsitz nutzen wollte. Noch im gleichen Jahr ließ er deshalb einen Nebeneingang auf der Seite zum Haus Dorotheergasse 15 errichten und er verlegte seinen bisher auf dem Platz Am Hof befindlichen Kunsthandel in dieses Gebäude. Um die Jahrhundertwende war die vom Maler Carl Moll geleitete Galerie die wohl bedeutendste für zeitgenössische Kunst in Wien. Hier waren u.a. Werke von Anton Faistauer, Max Oppenheimer, Egon Schiele, Auguste Renoir, Vincent van Gogh oder Henri de Toulouse-Lautrec zu sehen. 1936 verkauften die Erben des 1922 verstorbenen Kunsthändlers das Haus an das Dorotheum, das nach größeren baulichen Veränderungen hier seine Briefmarken- und Kunstauktions-Abteilung einrichtete.
1981/82 wurde das Gebäude im Auftrag des Dorotheums Wien umfassend saniert. Bei dieser Sanierung wurde auch ein (heute abgedecktes) Deckenfresko im 2. Obergeschoß angebracht. Es stammt aus dem 1970 demolierten Palais Kaunitz (Wien VI.) und wurde dem Dorotheum mit der Auflage, es zu restaurieren und im Gebäude anzubringen, geschenkt. Das von Antonio Marini (* 1788 Prato bei Florenz) gefertigte Fresko stellt Jupiter und Juno dar, denen Ganymed den Nektarkelch reicht. 1993 zog sich das Dorotheum in sein Hauptgebäude in der Dorotheergasse 17 zurück. Ins ehemalige „Kunstpalais“ zog im November 1993 das Jüdische Museum ein. In diesem Zusammenhang kam auch wieder der Name „Palais Eskeles“ ins Gespräch, der dem Haus wohl bleiben wird, auch wenn es sich nur kurze Zeit im Besitz des Bankhauses Arnstein und Eskeles befand.
Bernhard Purin
Literatur:
Dorotheum Kunstpalais neu eröffnet. In: arte factum. Journal für zeitgenössisch-klassisch-konservative Kunst und Kulturpolitik, 4. Jg., Nr. XIV (1982), 10-16.
Paul Harrer: Wien, seine Häuser, Menschen und Kultur. 6. Bd., II. Teil, (Msch. Ms. im Wiener Stadt- und Landesarchiv) 1957, 284 f.
Wilhelm Kisch: Die alten Straßen und Plätze Wiens. Bd. 1, Wien 1883, 432.
Floridus Röhrig: Die Klosterneuburger Stiftshöfe in Wien. In: Jahrbuch des Stiftes Klosterneuburg, NF Bd. 9 (1975), 21-65.<//font>
