Synagoge

Der Wiener Stadttempel

Die Anfänge des Wiener Stadttempels liegen in der österreichischen Biedermeierzeit. Trotz des bereits 1782 von Josef II. erlassenen Toleranzpatents, war es damals nur so genannten „tolerierten Juden“ gestattet in Wien zu leben. 1812 kauften die Vertreter der Juden das Gebäude am Kienmarkt (um die heutige Seitenstettengasse), um darin eine Schule, ein rituelles Bad und ein Bethaus einzurichten. Der Dempfingerhof, wie das Haus genannt wurde, entwickelte sich in den nächsten Jahren zum Zentrum der Wiener Juden. Die Vertreter mussten jedoch bald erkennen, dass er den Bedürfnissen der wachsenden Gemeinde nicht gerecht werden konnte und so wurde das Gebäude 1823 abgerissen.

Im gleichen Jahr wurde der renommierte Architekt Josef Kornhäusel (1782–1860) mit der Planung einer neuen und größeren Synagoge beauftragt. Der Architekt musste sich an mehrere Vorgaben halten: Das Bethaus durfte als nicht-katholisches Gotteshaus von der Straße nicht erkennbar sein und musste in ein Zinshaus integriert werde. Weiters musste er dem Einbau der Frauengalerie und der Lokalisierung des Toraschreins im östlichen Teil des Hauptraumes Rechnung tragen. Die feierliche Einweihung des neuen Bethauses, das nun zum Wiener Stadttempel wurde, fand am 9. April 1826 unter dem neuen Rabbiner Isaak Noah Mannheimer (1793–1865) statt.

Die Synagoge hat einen ovalen Grundriss und zwei Galerien, die den Raum umziehen und nur durch die Toraschreinnische unterbrochen werden. Der im östlichen Teil befindliche Toraschrein ist vergoldet und reich verziert, wodurch der Raum würdevoll wirkt. Die ersten größeren Umbauarbeiten am Stadttempel fanden Ende des 19. Jh. statt, als der Tempel elektrifiziert wurde und neue Ausgänge bekam. Als die Nationalsozialisten in der Nacht vom 9. auf 10. November 1938 im gesamten Reichsgebiet Pogrome organisierten und Synagogen in Brand setzten, war der Wiener Stadttempel eine der wenigen Synagogen, die den Flammen entging und „nur“ Verwüstungen der Innenräume erlitt. Der Grund dafür lag in seiner baulichen Verbindung mit den umliegenden Zinshäusern, die man durch die Flammen nicht gefährden wollte.

Nach der Befreiung begann man sofort mit den notwendigsten Instandsetzungsmaßnahmen, so dass am 2. April 1946 ein Gottesdienst zum
120-jährigen Jubiläum stattfinden konnte. Heute bildet der Stadttempel und mit ihm der gesamte Gebäudekomplex in der Seitenstettengasse 4 das religiöse, kulturelle und gesellschaftliche Zentrum jüdischen Lebens in Wien. Neben der Synagoge befinden sich an dieser Adresse auch das Gemeindezentrum, die gesamte IKG-Verwaltung und die Bibliothek des Jüdischen Museums der Stadt Wien.    

 Domagoj Akrap