Jüdisches Museum Wien setzt Ausstellungsserie fort: “Musik des Aufbruchs” (kuratiert von Michael Haas):

Die Korngolds

Klischee, Kritik und Komposition


28. November 2007 bis 18. Mai 2008

Palais Eskeles
Dorotheergasse 11
1010 Wien

Eine Wiener Musikerfamilie steht im Zentrum der nächsten Ausstellung aus der Serie "Musik des Aufbruchs": Julius und Erich Wolfgang Korngold. Unter dem Titel "Die Korngolds. Klischee, Kritik und Komposition", wird von 28. November 2007 bis 18. Mai 2008 ein bedeutendes Kapitel der Wiener Musikgeschichte in einer umfassenden Dokumentation aufgearbeitet. Im Dezember 1909 gab Julius Korngold, einflussreichster deutschsprachiger Musikkritiker der Tageszeitung "Neue Freie Presse", eine private Ausgabe einer Anzahl von Kompositionen seines Sohnes Erich Wolfgang in Druck. Gustav Mahler, Alexander Zemlinsky und Eduard Hanslick hatten ihm zwar längst versichert, dass das Talent seines Sohnes außergewöhnlich sei, doch Julius wollte auch eine objektive Beurteilung von prominenten Musikern, die nicht in Wien, und daher außerhalb seines direkten Einflussgebiets, lebten.

Die Empfänger dieser Privateditionen erhielten die Noten mit der Auflage, Herkunft und Alter des Komponisten - Erich Wolfgang war gerade 12 Jahre alt - nicht preiszugeben. Doch August Beer aus Budapest lüftete das Geheimnis in einem großen Artikel im "Pester Lloyd". Aber auch ohne Enttarnung hätte Julius Korngold die von ihm gewünschte, vorurteilsfreie Beurteilung erhalten. Schließlich antworteten Richard Strauss, Engelbert Humperdinck, Max von Schillings, Arthur Nikisch, Erich Hornborstel und viele andere, dass es ziemlich unvorstellbar wäre, dass ein Kind die ihnen unterbreiteten Werke verfasst hätte. Wunderkinder waren zwar nicht unbekannt, doch selbst solch außergewöhnlich begabte Komponisten wie Mozart hatten traditionellerweise nie die tonalen und harmonischen Grenzen überschritten.

Das Außergewöhnliche an den von Julius Korngold publizierten Noten war die fortgeschrittene musikalische Sprache seines Sohnes. Strauss' "Elektra", 1909 in Dresden uraufgeführt, war zu dieser Zeit der Gipfel musikalischen Wagnisses, doch die Kompositionen Korngolds zeigten bereits ein starkes Bewusstsein dafür, wie weit man bei der Tonalität gehen konnte. Daher war es für die Musikwelt schwer zu glauben, dass diese Werke von einem Jüngling verfasst worden waren. Dass dieser auch noch der Sohn Julius Korngolds sein sollte, war als gösse man Öl ins Feuer. Diese Tatsachen und Ereignisse hatten nicht nur tiefgreifende Auswirkungen auf das musikalische Leben in Wien, sondern auch auf den Rest Europas und Amerikas. Erich Wolfgang Korngold hatte bereits im Alter von 25 Jahren eine umfangreiche künstlerische Biografie aufzuweisen: So wurde seine Oper "Die tote Stadt" 1921 zur meist aufgeführten Oper eines lebenden Komponisten. Sein Vater Julius hielt ihn für den wichtigsten musikalischen Vertreter seiner Generation und Nachfolger von Gustav Mahler. Mit den Umständen, die diese Entwicklung jedoch verhinderten, beschäftigt sich die Ausstellung im Jüdischen Museum Wien.

Julius Korngold kontrollierte das musikalische Leben in Wien. Sein furchtloser, analytischer Verstand und seine musikalische Brillanz machten ihn zum Erzfeind von allem, was außerhalb der damaligen Österreichischen Tradition stand. Er machte das musikalische Leben für Schönberg, Schreker und deren Schüler so unerträglich, dass viele von ihnen nach Berlin gingen. Seine Ergebenheit gegenüber Gustav Mahler veranlasste Julius Korngold ständig gegen Richard Strauss und Felix Weingartner aufzutreten. Beide machten Julius und seine Pressekampagnen verantwortlich für ihren Rückzug von der Wiener Oper. Seine Betroffenheit über den Erfolg von Ernst Kreneks Jazzoper "Jonny spielt auf" im Jahre 1927 bewog ihn zu einer unwissentlichen Zusammenarbeit mit Österreichs erstarkender Nazipartei. Die darauf folgende, antisemitische Kampagne gegen Krenek war - angesichts der Tatsache, dass Krenek nicht jüdisch war, Julius Korngold jedoch schon - grotesk.

Mitte der 1920er Jahre war jeder Schritt, den Erich Wolfgang Korngold machte, vom Bestreben erfüllt, dem dominanten Vater auszuweichen. Seine Aversion gegen Auseinandersetzungen trieb ihn in die Welt der leichten Musik und der Operettenarrangements, durch die er nicht nur von seinem Vater finanziell unabhängig wurde, sondern wo er auch breite Zustimmung des Publikums genoss. Diese Zustimmung hat ihm zweifellos die Arbeit in Hollywood leichter gemacht. Sein nachfolgender Kontakt mit Max Reinhardt und seine Arbeit in Hollywood entstanden hauptsächlich aufgrund des Erfolgs seiner Arrangements von Johann Strauß, Leo Fall und Jacques Offenbach.

Einmal in Hollywood, eroberte er den Rest der Welt mit seinem Wiener "Sound Track". Der jüdische Komponist, den Hitler versucht hatte, zum Schweigen zu bringen, wurde plötzlich durch das neue Medium des Films von Millionen gehört. Als die Studios die Macht der Musik Korngolds erkannten, eröffnete dies neue Möglichkeiten, dessen was das Kino erreichen konnte. So erweiterte und verstärkte Korngold den emotionalen Einfluss des Films.

Das Ende des Krieges, der Tod seines Vaters und Max Reinhardts holten Erich zurück in die Realität. Die Rückkehr nach Europa war sinnlos, die Missgunst, die sein Vater verbreitet hatte, ließ sie auch nicht ratsam erscheinen. Niemand bemitleidete Korngold. Seine großen Häuser, einst der Lohn für seine Erfolge, waren nun unbewohnbar. Viele Freunde und Verwandte waren ermordet worden und die wenigen Opernhäuser und Orchester, die es wagten, seine Werke aufzuführen, lösten Tiraden des Hasses und der Feindschaft seitens der Presse aus - sowohl direkt gegen ihn als auch indirekt gegen seinen Vater. Korngold plante nie die Rückkehr nach Österreich als der siegreiche verlorene Sohn - er hoffte nur auf einen freundlichen Empfang seines Heimatlandes. Nicht das Musik- und Opernpublikum, sondern die Verlogenheit der Musikpresse und die engstirnige, versperrende Bürokratie veranlassten ihn schließlich, nach einem kurzen Aufenthalt in Wien für immer nach Amerika zurück zu kehren.

Die Ausstellung zeigt unter anderem Sammlungen des Korngold-Materials aus dem Besitz des Warner Brothers Archivs und Museums in Los Angeles, der Familie Korngold, der Pierpont Morgan Library, einiger österreichischer Archive, Brendan Carrolls sowie anderer privater Sammlungen und der "Library of Congress". Des weiteren werden persönliche Dokumente und Fotos präsentiert, von denen viele noch nie öffentlich gezeigt wurden. Korngolds erste Erfahrungen in Hollywood werden mit einem Stück von Olivia de Havillands Schmuck aus Max Reinhardts Film "Sommernachtstraum" (A Midsummer Night`s Dream)  und dem Oscar für "Anthony Adverse" illustriert. Eine Büste von Anna Mahler wird ebenso zu sehen sein, wie zahlreiche Noten und Manuskripte zu seiner Filmmusik. Die umfassende Betrachtung von Korngolds Zeit in Hollywood erfolgt anhand von Film-Trailern und begleitendem Material, wodurch Korngolds einzigartiger Beitrag zur Filmkultur deutlich wird. Seine Hollywood-Kompositionen werden dabei in Zusammenhang mit seiner von Wien beeinflussten Musik gebracht. Ton- und Filmaufnahmen aus seinem privaten Archiv erlauben es, ihn in der Ausstellung bei der Arbeit und in seiner Freizeit zu hören und zu sehen.

Dieses einzigartige, intime Material erzählt die Geschichte einer außergewöhnlich geistreichen, klugen und kreativen Wiener Familie. Korngold unterstützte viele seiner Mitemigranten, darunter Max Reinhardts Witwe. Die Ausstellung illustriert nicht nur diese engen Beziehungen, sondern dokumentiert auch den Umgang durch sein Heimatland während und nach der NS-Zeit. Dass Erich Wolfgang Korngold eines der dynamischsten Talente seines Jahrhunderts war, steht nun außer Frage. Die Ausstellung stellt die Klischees und Vorurteile, die einst der Wertschätzung seiner Musik entgegenstanden, bloß. Sie bringt das Werk seines angesehenen Komponisten in einen kulturellen Kontext, in dem der Film nicht länger nur ein blasses Abbild der "hohen Kunst" ist - Korngold verfasste sein Leben lang "hohe Kunst", ob er nun in Hollywood oder Wien komponierte. 50 Jahre nach seinem Tod soll diese Ausstellung die große Bedeutung dieses einzigartigen Wiener Komponisten zeigen und der Öffentlichkeit den vorurteilsfreien Genuss seiner Musik ermöglichen.

"Die Korngolds. Klischee, Kritik und Komposition" ist von 28. November 2007 bis 18. Mai 2008 im Jüdischen Museum Wien (1010 Wien, Dorotheergasse 11) zu sehen. Die Ausstellung wird von Michaela Feurstein-Prasser und Michael Haas kuratiert, die wissenschaftliche Beratung liegt in den Händen von Brendan G. Carroll. Die Ausstellungsgestaltung und das Grafik Design stammen von maupi, Thomas Geisler, Markus Mickl und Paul Romauch, unter der Mitarbeit von Viola Stifter. Zur Ausstellung erscheint ein umfangreicher zweisprachiger Katalog mit einer CD zum Preis von Euro 24.90. Das zu den Kulturbetrieben der Wien Holding zählende Jüdische Museum ist von Sonntag bis Freitag von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt € 6,50 / € 4,- ermäßigt. Schulklassen haben freien Eintritt, Führungen und pädagogische Programme: Tel.: +43-1-535 04 31-311, 312 bzw. kids.school@jmw.at. Weitere Informationen zum umfangreichen Begleitprogramm ist unter www.jmw.at zu finden.

KuratorIn / Curators: Michaela Feurstein-Prasser (Kuratorin JMW), Michael Haas (Musikkurator JMW)
Wissenschaftlicher Berater / Music Historian: Brendan G Carroll
Idee und Konzept des Ausstellungsreihe / Concept of exhibitions series: Michael Haas
Gestaltung / design: Thomas Geisler, maupi

</LAYER>



Weiterführende Informationen:

» Zur Ausstellung


Die Verwendung dieses Pressematerials ist honorarfrei. Ein Belegstück jedes Artikels über das Museum und seine Ausstellungen wird erbeten. Für weitere Auskünfte, Fotowünsche etc. steht Ihnen das Pressebüro des Jüdischen Museums jederzeit zur Verfügung. Bitte wenden Sie sich an:

Stalzer & Partner GmbH
Medienbüro Jüdisches Museum Wien

Alfred Stalzer
Mediensprecher Jüdisches Museum Wien

Tel.: +43-1-505 31 00
Fax: +43-1-505 31 00-16
Mobil: +43-664-506 49 00

E-Mail: pr (at) stalzerundpartner.com

Pressefotos zum Download unter: ftp://ftp.jmw.at