Das Jüdische Museum Wien präsentiert
Beste aller Frauen
Weibliche Dimensionen im Judentum
16. Mai 2007 bis 18. November 2007
Palais Eskeles
Dorotheergasse 11
1010 Wien
Von 16. Mai bis 18. November 2007 setzt sich das Jüdische Museum Wien mit der Rolle der jüdischen Frau im religiösen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Kontext im Rahmen einer umfassenden Ausstellung auseinander. Dabei soll gezeigt werden, wie der weibliche bzw. der männliche Blick oft zu völlig unterschiedlichen Wahrnehmungen von Geschichtsbildern führt. Ein zentrales Objekt und zugleich auch Namensgeber der Ausstellung ist der Toravorhang (Parochet), den Zwi Hirsch Todesco im Jahr 1833 anlässlich der Vermählung seiner Tochter Manina dem Wiener Stadttempel gestiftet hat. In der Widmungsinschrift bedenkt er neben seinen Schwiegereltern und seinem Schwager im Besonderen seine Frau Fanny, der er in einer Standardformel als "Beste aller Frauen" huldigt. Textilien stehen seit jeher für die weibliche Sphäre innerhalb der bürgerlichen Welt. Toratextilien wurden oft von Frauen selbst gefertigt oder wie im Fall des Toravorhangs der Familie Todesco aus dem Hochzeitskleid der Tochter hergestellt. Andererseits stellte gerade die professionelle Ausbildung im textilen Gewerbe eine der ersten Möglichkeiten für Frauen dar, wirtschaftliche Unabhängigkeit zu erlangen.
Weibliche Wohltätigkeit, wie sie von den Frauen der Wiener jüdischen Bourgeoisie ab der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts organisiert wurde, stand am Anfang einer konsequenten Weiterentwicklung, die letztlich zum Aufbau eines modernen Sozialstaates, aber auch zum Bildungszugang für Frauen führte. Dass dieser Weg nicht immer leicht war, zeigt das Bespiel der Bertha Pappenheim: Sie ging als viel besprochene hysterische Patientin "Anna O." in die Geschichte der Psychoanalyse ein. Weniger bekannt ist die Tatsache, dass Bertha Pappenheim nach ihrer Genesung als bedeutende Sozialarbeiterin und Feministin tätig war. Sie wagte sich an Tabuthemen wie Prostitution und Mädchenhandel heran, unter deren Opfern um die Jahrhundertwende viele arme jüdische Mädchen aus Osteuropa waren. In ihrem Heim in Neu Isenburg bot Bertha Pappenheim den so genannten "gefallenen Mädchen" und ihren Kindern Zuflucht und ermöglichte ihnen eine Berufsausbildung und die Rückkehr in eine bürgerliche Existenz.
Ein aktuelles Thema ist das Bestreben von orthodoxen und nichtorthodoxen Frauen eine Neudefinition ihrer Aufgaben im religiösen Bereich zu erwirken. 1936 wurde in Deutschland mit Regina Jonas erstmals eine Frau zur Rabbinerin ernannt. Seither haben vor allem liberale und konservative Gemeinden in den USA Frauen als Rabbinerinnen akzeptiert. Engagierte HistorikerInnen haben jedoch herausgefunden, dass es im Laufe der Geschichte immer wieder Frauen gegeben hat, die die Grenzen der von den Männern vorgegebenen weiblichen Sphäre übertreten haben. Was wäre die Geschichte des Chassidismus ohne die Jungfrau von Ludomir, die als weibliche "Zaddekes" eine Anhängerschaft um sich scharte und im Ruf einer großen Gelehrten stand? Wer weiß, dass das Anlegen von Tefillin nicht eine feministische Mode im ausgehenden zwanzigsten Jahrhundert darstellt, sondern dass es im Laufe der Geschichte immer wieder Frauen gab, die Tefillin trugen, so zum Beispiel Brune aus Mainz im 14. Jahrhundert oder auch die als sehr gebildet geltenden Töchter Raschis.
Diese thematischen Längsschnitte sind Beispiele für die Aufarbeitung aller wesentlichen Aspekte des Rollenverständnisses jüdischer Frauen und sollen dem Publikum Zugänge zu bisher verborgener Frauengeschichte ermöglichen. "Beste aller Frauen. Weibliche Dimensionen im Judentum" ist von 16. Mai bis 18. November 2007 im Jüdischen Museum Wien (Wien 1, Dorotheergasse 11) zu sehen. Kuratorinnen sind Gabriele Kohlbauer-Fritz und Wiebke Krohn. Zur Ausstellung erscheint ein reich illustrierter Katalog im Eigenverlag des Museums mit Beiträgen von zahlreichen FachautorInnen zum Preis von € 29,-. Das Museum ist von Sonntag bis Freitag von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Ein Begleitprogramm ist in Vorbereitung, Details unter www.jmw.at. Der Eintritt beträgt € 6,50 / € 4,- ermäßigt. Schulklassen haben freien Eintritt, Führungen und pädagogische Programme: Tel.: +43-1-535 04 31-311, 312 bzw. kids.school@jmw.at.
Ausstellung bietet Anlass zu einem wichtigen Ankauf für die Sammlungen des Museums
Die Ausstellung ist auch der Anlass für die Erwerbung des eingangs erwähnten Tora-Vorhanges, der 1833 von Zwi Hirsch Todesco dem Stadttempel gestiftet wurde. Der Ankauf und Restaurierung durch das Museum wurde von UNIQA maßgeblich unterstützt. Der Stammvater der Wiener Todescos war der 1792 in Pressburg geborene Großhändler Hermann Chaim Todesco. Anfangs im Seidenhandel tätig, verlegte er sich später auf das Baumwollgeschäft und richtete in Marienthal bei Wien die erste maschinell betriebene Baumwollfabrik der Monarchie ein. In Folge stieg er zum wichtigsten Baumwoll-Fabrikanten Europas auf. Vom enormen Wohlstand und bürgerlichem Engagement der später geadelten Familie zeugen neben dem Palais Todesco vis-à-vis der Staatsoper zahlreiche Stiftungen: Todesco selbst war Mitbegründer des Wiener Stadttempels und Stifter von Schulen, Spitälern und Kindergärten. Seine Nachfahren führten dieses philanthropische Engagement fort. So geht etwa die Grillparzer-Stiftung auf die Todescos zurück. Das Jüdische Museum verfügt über eine große Zahl von spannenden Objekten zur Geschichte der Familie Todesco und der von UNIQA geförderte Ankauf samt Restaurierung stellt einen wichtigen Beitrag für die Ergänzung der Sammlungen des Museums dar.
Hintergrundinformationen zur Ausstellung
Die Ausstellung arbeitet anhand von Themenkreisen die Rolle der jüdischen Frau im religiösen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Kontext auf: Am Beispiel von Biografien herausragender Frauenpersönlichkeiten werden unter anderem Positionen und Leistungen von Frauen in der Religion, ihr soziales Engagement (Zedaka), die Salonkultur oder die ersten Frauen im Wissenschaftsbetrieb ebenso dokumentiert wie ein Aspekt, der sich wie ein roter Faden durch die Ausstellung zieht - das textile Element als eine "ureigene weibliche Dimension". So waren Frauen seit jeher mit der Produktion von sakralen Textilen befasst. In mühevoller Handarbeit fertigten sie Tora-Vorhänge und Tora-Mäntel. Manchmal diente auch ein Hochzeitskleid als Grundlage für die Herstellung eines Tora-Vorhangs, so im Fall des prächtigen Parochets, den Herman Todesco stiftete. Auch in der Sozialarbeit spielten die textilen Fertigkeiten des Webens, Stickens und Nähens eine wichtige Rolle. Für Frauen stellten sie eine Möglichkeit dar, sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Der Mädchenunterstützungsverein, der 1867 von einer Gruppe engagierter jüdischer Frauen nach dem Vorbild des Wiener Frauen-Erwerbvereins gegründet worden war, bot zunächst Kurse für Schneiderinnen, Weißnäherinnen und Stickerinnen an. Erst später kamen andere Fächer wie Buchhaltung, Französisch oder Pädagogik hinzu.
Von großer Bedeutung für die Professionalisierung der Frauenarbeit in Österreich war die Journalistin, Fachschullehrerin und Direktorin der "Fachschule für Kunststickerei" Emilie Bach, die gemeinsam mit ihrer Tochter das Prachtbett der Maria Theresia restaurierte. Eine Lisene des Bettes bildet auch ein Prunkstück der Ausstellung "Beste aller Frauen." Emilie Bach war eine der ersten Unternehmerinnen Österreich-Ungarns, deren Ruf weit über die Landesgrenzen hinausging. Nach dem Vorbild ihrer Stickereischule wurden ähnliche Institutionen in Zagreb, Graz, Laibach, Prag und Brünn gegründet. Für ihre Verdienste erhielt Emilie Bach vom österreichischen Unterrichtsministerium den Titel einer definitiven k.k. Staatsbeamtin, eine Auszeichnung, die für eine Frau zu der Zeit ganz außergewöhnlich war.
Diese Beispiele zeigen den Zugang der Themenaufarbeitung der von zahlreichen bisher wenig bekannten biografischen Details interessanter und vielschichtiger Frauenpersönlichkeiten jüdischer Herkunft bestimmt ist und dem Besucher einen bisher weniger beachteten Bereich der Auseinandersetzung mit dem Judentum anschaulich vermitteln soll.
Zusammenfassung ausgewählter Begleittexte in der Ausstellung:
Der französische Philosoph Emmanuel Lévinas sieht im "Weiblichen" das "wesenhaft andere" und definiert so den männlichen Blick auf die Frau, einen Blick, der verzerrt und doch die gesellschaftliche Realität der vergangenen Jahrtausende widerspiegelt. So wird auch die Rolle der jüdischen Frau im religiösen, wirtschaftlichen, sozialen, politischen und kulturellen Kontext aus weiblicher bzw. männlicher Sicht unterschiedlich wahrgenommen und bewertet. Bei den Wurzeln ihrer Religion setzte die aus ultraorthodoxem Hause stammende amerikanisch-jüdische Künstlerin Helène Aylon in ihrem "Die Befreiung G´ttes" genannten Projekt an. Sie untersuchte die Tora nach Aussagen oder Auslassungen, die sie mit ihrem feministischem Bewusststein nicht in Einklang bringen konnte. Ihre Sichtweise reflektiert das berühmte Talmudzitat aus Berakhot 31b: "Die Tora spricht die Sprache der Menschen". Ein Aspekt, der sich wie ein roter Faden durch die Ausstellung zieht, ist das textile Element, als ureigene weibliche Dimension. Die in der Ausstellung angeschnittenen Frauenbiographien stehen beispielhaft für weibliche Lebenswege im Judentum. Ob säkular oder orthodox, rebellisch oder angepasst, der Sozialdemokratie, dem Kommunismus, dem bürgerlichen Lager oder dem Zionismus in seinen verschiedenen Varianten nahestehend, die "Beste aller Frauen" war oft eine Grenzgängerin, die die von den Männern vorgegebene weibliche Sphäre überschritt.
Raum Lilith
Beste aller Frauen: Lilith
Geboren unmittelbar nach Adam, war Lilith vor allem die Erste aller Frauen. Das Alphabet des Ben Sira, ein mittelalterlicher Text (vor 1000 n.u.Z.), gibt Auskunft darüber, dass Lilith sich Adam nicht sexuell unterordnen wollte und ihn deshalb im Streit verließ. Gott ließ sie durch drei Engel suchen, um sie zur Rückkehr zu überreden. Sie lehnte jedoch ab und wurde deshalb dazu verurteilt, als Kinder-mordender Dämon weiter zu existieren. Von ihrer Höhle aus unternimmt sie nächtliche Flüge, um die Menschen zu plagen. Neugeborene haben sie dem Mythos nach besonders zu fürchten, weshalb die Zimmer von Wöchnerinnen mit Schutzamuletten, so genannten Kimpetsetln oder Kimpetbrivln (Kindbettzettel) ausgestattet wurden. Auch Männern wird Lilith durch nächtliche Heimsuchungen gefährlich: sie raubt ihnen den Samen zwecks Zeugung weiterer Dämonen. Erst im 20. Jh. verbesserte sich Liliths schlechter Ruf, als Feministinnen begannen, ihre Unabhängigkeit positiv zu bewerten. Sogar ein jüdisch-feministisches Magazin trägt seit den 1970er Jahren ihren Namen. Dennoch fasziniert vor allem Liliths dunkle Seite und regt bis heute unterschiedlichste Fantasien an...
Raum Religion
In Moses 1,27 heißt es, dass Frau und Mann nach dem Ebenbild Gottes erschaffen sind. Zwar war die rechtliche Stellung der jüdischen Frau in biblischer und talmudischer Zeit Einschränkungen unterworfen, doch im Vergleich zur nicht-jüdischen Umwelt genoss sie auch besonderen Schutz und ökonomische Absicherung. An vielen Stellen der Bibel wird von Frauen berichtet, die sich durch ihre Persönlichkeit, besondere Fähigkeiten, Klugheit und Mut hervortaten und Führungspositionen übernahmen.
Zu den traditionellen religiösen Pflichten jüdischer Frauen gehören das Anzünden der Schabbatkerzen, die Einhaltung der Vorschriften zur Menstruation (Nidda) sowie das Absondern der Challa vom Teig. All diese Gesetze beziehen sich auf die Privatsphäre: das Haus, die Sexualität und die Nahrung. Von den meisten zeitgebundenen Geboten wie dem Anliegen der Tefillin zum Morgengebet, dem Besuch des Gottesdienstes am Schabbat und an den Feiertagen und anderen sind Frauen befreit. Viele orthodoxe und nichtorthodoxe jüdische Frauen engagieren sich heute für eine Neudefinition ihrer religiösen Aufgaben und beziehen neue weibliche Aspekte in die religiöse Praxis ein.
Beste aller Frauen: Fanny und Nina
Fanny Todesco, geborene Hirschmann, heiratete 1812 den Großhändler und Unternehmer Hermann Zwi Todesco, dem sie 7 Kinder gebar. Bei der Geburt des letzten verstarb die erst achtundzwanzigjährige, ein typisches Frauenschicksal jener Zeit. Nach der Hochzeit ihrer gemeinsamen Tochter Nina mit Efraim Porges am 4.11. 1832 im Wiener Stadttempel ließ der inzwischen in zweiter Ehe mit Johanna Kaulla verheiratete Hermann Todesco einen Toravorhang aus dem Brautkleid Ninas für das Bethaus fertigen. In der Widmungsinschrift gedenkt er seiner verstorbenen Schwiegereltern und seines Schwagers und im besonderen seiner Gattin Fanny, genannt "die Beste aller Frauen."
Beste aller Frauen: Miriam
Miriam, die Prophetin und Schwester von Moses und Aron, ist eine der zentralen Frauenfiguren der Bibel. Sie sorgte dafür, dass der laut einem Befehl des Pharaos in einem Schilfkörbchen ausgesetzte und von der Pharaonentochter gerettete Moses, wieder seiner leiblichen Mutter als Amme zugeführt wurde. Beim Auszug aus Ägypten zog sie den Frauen mit Paukenschlag und Tanz durchs Schilfmeer voran (Ex. 15/20). Im weiteren Verlauf der Wüstenwanderung strafte G´tt sie mit Aussatz, da sie verleumderische Reden gegen Moses und seine kuschitische Frau geführt hatte. Durch das Gebet Moses' wurde sie jedoch wieder geheilt. Im Laufe der Zeit entstand die Legende vom Miriam Brunnen, dessen Wasser besondere Kräfte habe. Ausgehend von dieser Tradition führten jüdische Feministinnen den Brauch ein, neben den mit Wein gefüllten Elias-Becher einen mit Wasser gefüllten Miriam Becher in die Seder Zeremonie zu integrieren.
Beste aller Frauen: Adele und Sonja (Sara)
Adele Mises, geborene Landau und Sonja Diskin, geborene Ratner, stammen beide aus frommer Familie - ihr gemeinsamer Urgroßvater war der berühmte Gelehrte Jecheskiel Landau - und doch schlugen sie ganz unterschiedliche Lebenswege ein. Adele zog mit ihren Eltern vom galizischen Brody nach Wien, wo sie das, von Eleonore Jeiteles gegründete, erste öffentliche Mädchenlyzeum besuchte. Sie war eine der wichtigsten Sponsorinnen des Alten Jüdischen Museums, dem sie ihre Sammlung an ostjüdischem Frauenkopfputz vermachte. Während Adele als Vertreterin der Aufklärung agierte, war ihre Kusine Sonja eine glühende Verteidigerin der Ultraorthodoxie und ging als Brisker Rebbetzen, die viele Männer an Tora- und Talmudgelehrsamkeit übertraf, in die Geschichte ein. Als Gegengewicht zur Lämel-Schule, wo auch säkulare Fächer unterrichtet wurden, gründete sie gemeinsam mit ihrem Mann Joshua Leib Diskin das Diskin Waisenhaus, um Knaben eine streng religiöse Erziehung zu ermöglichen.
Raum Salonkultur
Die Salonkultur mit ihrem klassen-, religions- und geschlechtsübergreifendem Charakter wurzelte in der französischen Aufklärung. Sie markierte das Erstarken des Bürgertums und seines Anliegens der politischen Teilhabe. Das Interesse in den jüdischen Salons war überdies auf Emanzipation und bürgerliche Gleichstellung gerichtet. Die Blüte der klassischen jüdischen Salonkultur in Wien ist eng mit den Namen Fanny von Arnstein und Cäcilie von Eskeles verbunden. Nach ihnen machten sich hier noch Josephine von Wertheimstein um die Mitte des 19. Jahrhunderts und Bertha Zuckerkandl nach der Wende zum zwanzigsten Jahrhundert als Salonnièren einen unvergessenen Namen.
Beste aller Frauen: Fanny, Henriette und Cäcilie
Fanny von Arnstein war nicht nur die bekannteste der Wiener Salonnièren, sondern auch eine Philantropin und Mäzenin. So unterstützte sie das Krankenhaus der Elisabethinerinnen und das Israelitische Spital, sie gründete die Gesellschaft der Musikfreunde und sie organisierte die Pflege der in den napoleonischen Kriegen verwundeten Soldaten. Als Fanny im Sommer 1818 starb und am Währinger Jüdischen Friedhof begraben wurde, stiftete ihr hinterbliebener Gatte Nathan dem Bethaus in der Dempfingergasse einen Tora-Vorhang. Die Widmungsinschrift erwähnt auch ihre Tochter Henriette, obwohl sich diese bereits Jahre vorher hatte taufen lassen. Der Vorhang bildet ein Set mit dem Tora-Mantel, den Fannys Schwester Cäcilie von Eskeles zu Ehren ihres Schwagers Nathan "aus Anlass des Tages, da er zum Ruhme seines Volkes geboren wurde" dem Bethaus darbrachte. Auch Cäcilies Kinder Marianne und Daniel (später Denis) nahmen wenige Jahre später die Taufe an.
Beste aller Frauen: Hilde
Die 1911 in Wien geborene Schriftstellerin, Journalistin und "Grande Dame der österreichischen Literatur" Hilde Spiel setzte der berühmten Salonnière in ihrem Buch "Fanny von Arnstein oder Die Emanzipation" ein Denkmal. Mit Fanny von Arnstein verband Hilde Spiel mehr als bloß historisches und literarisches Interesse. In der Auseinandersetzung mit der Biographie Fanny von Arnsteins versuchte sie Antworten auf ihre eigenen Identitätskonflikte zu finden. Hilde Spiel war 1936 nach London emigriert und kehrte nach zehn Jahren erstmals als Korrespondentin des "New Statesman" in ihre alte Heimat zurück. Anfang der sechziger Jahre ließ sie sich endgültig wieder in Österreich nieder, wiewohl ihr bewusst war, "daß die Kluft zwischen den Daheimgebliebenen und den Ausgewanderten sich nie wieder völlig schließt."
Beste aller Frauen: Eleonore
Johann Wolfgang von Goethe schätzte an Eleonore Fliess, die er 1808 in Franzensbad kennen gelernt hatte, ihren Geist und ihre Unabhängigkeit. In der Tat führte Eleonore Fliess ein für ihre Zeit ungewöhnliches Leben. Als ältere Schwester von Bernhard Eskeles geboren, heiratete sie den Berliner Geschäftsmann Moses Fliess, ließ sich wieder scheiden, kehrte nach Wien zurück und lebte in wilder Ehe mit dem Hofbeamten und engen Vertrauten Joseph II. Valentin Günther. Auf Grund einer Intrige wurden sie und Günther 1882 der Spionage für Preußen verdächtigt und des Landes verwiesen. Erst nach Jahren kehrte die rehabilitierte Eleonore Fliess wieder nach Wien zurück. Ihr Salon war bescheidener als der ihrer Schwägerinnen Cäcilie Eskeles oder Fanny Arnstein, doch war er vor allem in intellektuellen Kreisen beliebt.
Raum Zedaka
Der Anspruch auf soziale Gerechtigkeit ist als Grundprinzip der jüdischen Religion in der Tora fest verankert. Sozialarbeit ermöglichte den Frauen, sich in der Öffentlichkeit zu engagieren. 1816 gründeten Judith Ofenheimer und Judith Lewinger den "Israelitischen Frauenwohltätigkeitsverein" in Wien. 1847 folgte der "Theresien-Kreuzer Verein zur Unterstützung armer israelitischer Schulkinder" und 1867 der "Mädchen-Unterstützungs-Verein". Was als philanthropische Tätigkeit begann, trug bald dazu bei, das Selbstbewusstsein der Frauen zu stärken. So bildeten wohltätige Frauenorganisationen eine Vorstufe zu politischen Frauenvereinen, in denen Frauen auch um ihr Stimmrecht kämpften. Auslösendes Moment für ihre politische Bewusstseinsbildung war für viele Frauen der Erste Weltkrieg mit seinen verheerenden Folgen. Enttäuscht von antisemitischen Tendenzen in der bürgerlichen Frauenbewegung wandten sich einige jüdische Feministinnen der zionistischen Bewegung zu, so Annitta Müller Cohen, die zuvor die Flüchtlingshilfe der Gemeinde Wien organisiert hatte. Andere schlossen sich der Sozialdemokratie an, unter ihnen Therese Eckstein und Käthe Leichter, die 1942 in Ravensbrück ermordet wurde.
Beste aller Frauen: Josephine und Franziska
Um die Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich der Salon von Josephine von Wertheimstein zum kulturellen Zentrum Wiens, wo so bekannte Persönlichkeiten wie Ferdinand von Saar, Eduard von Bauernfeld, Hugo von Hofmannsthal, Heinrich Gomperz, Joseph Dessauer und andere ein und ausgingen. Im Unterschied zum Salon der Fanny von Arnstein war der Josephine von Wertheimsteins ausschließlich schöngeistiger Natur. Durch ihre nicht sehr glückliche Ehe mit dem um 18 Jahre älteren Leopold von Wertheimstein und den frühen Tod ihres Sohnes erkrankte Josephine an einer schweren Depression. Auch ihre Tochter Franziska konnte sich nicht aus dem Korsett großbürgerlicher Konventionen befreien. Sie litt unter einer Berührungsneurose und wurde von Joseph Breuer behandelt. Nach ihrem Tod im Jahr 1907 vermachte sie die Familienvilla mit allen ihren Kunstschätzen und dem Park der Gemeinde Wien.
Beste aller Frauen: Julie
Julie Schlesinger wurde am 24. März 1815 geboren. Nach dem Tod von Therese Meyer im Jahr 1850 übernahm sie die Leitung des Theresien-Kreuzer-Vereins und führte ihn bis 1862. Dieser Verein ermöglichte armen jüdischen Kindern eine Schulbildung. 1853 wurde sie als erste Frau in den Vorstand des Israelitischen Taubstummen-Instituts berufen. 1874 errichtete sie gemeinsam mit Cäcile Adler und Dr. Kühn die erste koschere Volksküche. 1881 wurde sie zur Ehrenpräsidentin des Allgemeinen Österreichischen Taubstummen-Instituts ernannt. Sie starb am 18. Juli 1902.
Beste aller Frauen: Anna
Anna O. wurde am 27. Februar 1859 in Wien geboren. Sie besuchte trotz ihres jüdisch-orthodoxen Familienhintergrunds eine katholische Schule und erhielt außerdem Fremdsprachenunterricht in Englisch, Französisch, Italienisch, Hebräisch und Jiddisch.
1880 erkrankt Annas Vater an einer Brustfellentzündung, die ein Jahr später zu seinem Tode führte. Aufgerieben durch die anstrengende Pflege und durch die Trauer entwickelte Anna schwere körperliche und psychische Störungen wie Lähmungen, zeitweilige Blindheit und Gehörlosigkeit, Sprachverlust etc. Ihr Zustand wurde unter dem damaligen Sammelbegriff für psychische Krankheiten vor allem weiblicher Patientinnen als "Hysterie" diagnostiziert und von Dr. Josef Breuer behandelt. Zusätzlich zu seiner Therapie mit Hypnose und der eigentlich von ihr selbst erfundenen "Redekur" wurde sie mehrfach ins Sanatorium Inzersdorf eingewiesen. Nach langer Behandlungszeit bei Dr. Breuer unter Verdacht einer zweifelhaften Arzt-Patientinnen-Beziehung stellte sich 1887 im Sanatorium endgültig ihre Heilung ein. 1895 beschrieben Sigmund Freud und Josef Breuer ihren Fall in den "Studien über Hysterie". Anna O. erlangte somit Weltberühmtheit als Beispiel-Hysterikerin und verhalf Breuer und Freud zur Begründung ihrer Thesen zur Psychoanalyse. Nach ihrer Genesung zog sie mit ihrer Mutter nach Frankfurt am Main, später nach Neu-Isenburg. Dort starb sie am 18. Mai 1936.
Beste aller Frauen: Bertha
Als an Bertha Pappenheim keine Versuche mehr zur Heilung der Hysterie unternommen wurden und sie ihre später unter dem Pseudonym "Anna O." veröffentlichte Krankengeschichte hinter sich ließ, begann sie zunächst, Märchen für Kinder zu veröffentlichen. Ab 1893 leistete sie in Frankfurt Wohlfahrtsarbeit und erhielt 1895 die Leitung eines Waisenhauses für jüdische Mädchen. Mit deren Schicksal konfrontiert, begann sie sich mit Frauenfragen auseinanderzusetzen und beschäftigte sich vor allem mit der Situation ärmerer Jüdinnen in Galizien, die häufig Opfer international agierender Mädchenhändler wurden. 1904 gehörte sie mit zu den Begründerinnen des Jüdischen Frauenbundes, der 1907 ein Mädchenheim in Neu-Isenburg initiierte. 1909, 1914, 1923 und 1930 hielt sie bedeutende Vorträge auf Weltkongressen zur Bekämpfung des Mädchenhandels und prangerte die Vorverurteilung von Prostituierten an. In ihren bis heute erschreckend aktuellen Reden wies sie deutlich auf die Verantwortung der Freier hin, die Kriminalität und Elend des Milieus durch ihre Nachfrage begünstigten.
Sie betonte die Wichtigkeit, armen Frauen eine Ausbildung zu geben, um sie vor unkontrollierbaren Abhängigkeitsverhältnissen zu bewahren. Diese Schulungen hatten einen starken Schwerpunkt im Textilhandwerk.
Nebenher beschäftigte sich Bertha Pappenheim mit jüdischer Frauengeschichte, sie übersetzte 1910 die "Memoiren der Glückel von Hameln" und 1930 die Frauenbibel "Zeena uReena".
Sie entspannte sich beim Fädeln von Glasperlenketten und beim Sammeln von Spitzen, die eine besondere Bedeutung für sie hatten.
Raum Arbeit und Bildung
Die Erwerbstätigkeit der Frau ist im traditionellen Judentum fast eine Selbstverständlichkeit. Aus dem Mittelalter und der frühen Neuzeit sind einige jüdische Geschäftsfrauen bekannt, aber auch Ärztinnen, Hebammen, Mathematikerinnen, Dichterinnen, Kopistinnen und Druckerinnen. Im 19. und zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts engagierten sich jüdische und nichtjüdische Frauen für einen freien Zugang zum Bildungswesen. Sie kämpften für eine Berufsausbildung der Mädchen, den Zugang zur Mittelschulbildung und zur Matura und die Öffnung der Universitäten. Eines der ersten Mädchenlyzeen in Wien wurde 1888 von Eleonore Jeiteles gegründet und später von Eugenie Schwarzwald, der bekannten Pädagogin und Schulreformerin, übernommen. Auch an den Universitäten spielten Jüdinnen eine Vorreiterrolle. Elise Richter war die erste Frau, die 1901 an der Wiener Universität ihr Doktorat abschloss, sich 1904 habilitierte und in der Folge zur außerordentlichen Professorin ernannt wurde. Sie starb 1943 in Theresienstadt.
Beste aller Frauen: Marie
Marie Pappenheim wurde am 4. November 1882 in Wien geboren. Sie steht als Beispiel für den Weg der Frau aus behütetem bürgerlichem Elternhaus ins öffentliche Leben in die Bereiche Kultur, Politik und Beruf. Sie studierte ab 1903 Medizin in Wien, promovierte 1909. Nebenher schrieb sie Gedichte, die zuerst in "der Fackel" veröffentlicht wurden. Der Komponist Arnold Schönberg wurde auf ihre Texte aufmerksam und bat sie um ein Libretto. 1909 schrieb sie das Monodram "Erwartung" für ihn.
1918 heiratete Marie den Psychiater Hermann Frischauf, mit dem sie eine Praxis eröffnete. 1919 trat sie der KPÖ bei. Obwohl Freunde wie Arnold Schönberg sie ermutigen wollten, weiterhin zu dichten, engagierte sie sich lieber als Ärztin und in zahlreichen linken Sozialprojekten. 1927 geriet sie aufgrund antifaschistischer Aktionen kurz in Haft. 1928 gründete sie mit Wilhelm Reich die "Sozialistische Gesellschaft für Sexualberatung und Sexualforschung." Die Erfahrungen hieraus flossen in das 1930 zusammen mit Annie Reich veröffentlichte Buch "Ist Abtreibung schädlich?". Die brisante Schrift löste Empörung aus. Autorinnen und Verlag mussten polizeiliche Hausdurchsuchungen erdulden. Nach Repressalien durch das austro-faschistische Regime ließ sie sich zum Schutz ihres Mannes scheiden und emigrierte 1934 nach Paris. Sie arbeitete dort für die Exilkreise. 1940 wurde sie von den Nazis ins Lager Gurs gebracht, konnte jedoch fliehen. Sie emigrierte nach Mexiko und setzte sich auch hier für Exilszene und KP-Projekte ein. 1947 kehrte sie nach Wien zurück und war bis 1955 als Ärztin und Schriftstellerin tätig. 1949 erschien "der graue Mann", eine Auseinandersetzung mit der jüngsten Vergangenheit. Marie starb am 24. Juli 1966.
Beste aller Frauen: Emilie
Von großer Bedeutung für die Professionalisierung der Frauenarbeit in Österreich war die Journalistin, Fachschullehrerin und Direktorin der "k.k. Fachschule für Kunststickerei" Emilie Bach, geboren am 2. Juli 1840, die gemeinsam mit ihrer Tochter Hermine das Prachtbett der Maria Theresia restaurierte. Sie war eine der ersten Unternehmerinnen Österreich-Ungarns, deren Ruf weit über die Landesgrenzen hinausging. Nach dem Vorbild ihrer Stickereischule wurden ähnliche Institutionen in Zagreb, Graz, Laibach, Prag und Brünn gegründet. Für ihre Verdienste erhielt Emilie Bach vom österreichischen Unterrichtsministerium den Titel einer definitiven k.k. Staatsbeamtin, eine Auszeichnung, die für eine Frau zu der Zeit ganz außergewöhnlich war. Sie starb am 30. April 1890.
Raum Gelehrte Frauen
Obwohl das Studium von Talmud und Tora für Frauen nicht verpflichtend ist, gab es im Lauf der Geschichte immer wieder Frauen, die als gelehrt und der religiösen Schriften kundig galten: Imma Schalom und Beruria in talmudischer Zeit, die Töchter Raschis im Mittelalter und Brune aus Mainz, die wie Jakob ben Mose Halevi missbilligend schrieb "zu allen Zeiten ein Hemd mit Schaufäden" anlegte. Das Erlernen der Hebräischen Sprache war allerdings nur einer kleinen Minderheit von Frauen vorbehalten, die zumeist aus gelehrten Familien stammten, in denen es keine männlichen Nachfolger gab. Als Sprache der Frauen galt das Jiddische und so entstand eine religiöse und auch eine säkulare jiddische Literatur, die sich an ein vorwiegend weibliches Publikum wandte. Mit Regine Jonas wurde 1936 in Deutschland erstmals eine Frau zur Rabbinerin ernannt. Heute wirken in zahlreichen Reformgemeinden aber auch im konservativen Judentum Rabbinerinnen.
Beste aller Frauen: Chane Ruchele
Chane Ruchele Werbermacher, genannt die "Jungfrau von Ludomir" spielte eine wichtige Rolle im Chassidismus, einer mystischen Strömung des Judentums. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts im ukrainischen Ludomir geboren, zeichnete sie sich schon in früher Jugend durch außergewöhnliche Klugheit und tiefe Religiosität aus. In der chassidischen Überlieferung wird berichtet, dass sie wie Männer einen Gebetsschal trug und Tefillin legte. Erschüttert durch den frühen Tod ihrer Mutter, an deren Grab sie in ein Koma fiel, habe sie eine neue Seele empfangen und zeichnete sich fortan durch überirdische Fähigkeiten und Wundertaten aus. Ihrem Ruf als Zadekkes, einer weiblichen Gerechten und Wunderrabbinerin, folgend, versammelten sich ihre Anhänger in einem eigenen Bethaus, dem Gorenschtibl. Um 1860 wanderte sie nach Palästina aus. Während des Ersten Weltkriegs besuchte der russische Ethnograph und Schriftsteller Ansky Ludomir. Elemente der Geschichte von den Visionen der Jungfrau von Ludomir flossen in sein berühmtes jiddisches Drama "Der Dybbuk" ein.
Beste aller Frauen: Regina, Sally, Amy...
Regina Jonas, geboren am 3. August 1902 in Berlin, war die erste anerkannte Rabbinerin. Obwohl sie schon am 22. Juli 1930 die Abschlussprüfung des rabbinischen Studiums an der Berliner Hochschule für die Wissenschaft des Judentums bestand, wurde sie erst am 27. Dezember 1935 ordiniert. Selbst orthodox erzogen, schloss sie sich hiermit den Strömungen des liberaleren deutschen Judentums vor 1933 an. In ihrer Diplomarbeit zur Frage "Kann die Frau das rabbinische Amt bekleiden?" kommt Jonas zum Ergebnis, dass "außer Vorurteil und Ungewohntheit fast nichts" (S.95) dagegen spreche. Auch nach der Anerkennung ihres Rabbinats beschäftigte die Jüdische Gemeinde Berlin sie nur als Religionslehrerin mit der Aufgabe der Seelsorge in sozialen Einrichtungen. Sie durfte nie in der eigentlichen Neuen Synagoge vortragen, nur in Nebenräumen. Ihre Einsetzung folgte auf die Einführung der Nürnberger Rassegesetze der Nationalsozialisten 1935, vielleicht weil nicht mehr genug Männer für die Seelsorge zur Verfügung standen. Regina Jonas wurde am 6. November 1942 ins KZ Theresienstadt deportiert, von dort weiter nach Auschwitz, wo sie am 12. Oktober 1944 von den Nazis ermordet wurde.
Nach 1945 gab es lange Zeit keine Rabbinerinnen mehr. Erst im Juni 1972 erlangte Sally Priesand als erste Frau in den USA diese Würde. 1985 folgte Amy Eilberg als erste konservative US-Rabbinerin.
In Europa befasst sich seit 1998 die Vereinigung "Bet Deborah", ein Zusammenschluss jüdischer Feministinnen, Rabbinerinnen und Gelehrter mit den Anliegen der Frauen im Judentum.
Weiterführende Informationen:
» Zur AusstellungDie Verwendung dieses Pressematerials ist honorarfrei. Ein Belegstück jedes Artikels über das Museum und seine Ausstellungen wird erbeten. Für weitere Auskünfte, Fotowünsche etc. steht Ihnen das Pressebüro des Jüdischen Museums jederzeit zur Verfügung. Bitte wenden Sie sich an:
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