Jüdisches Museum Wien widmet Friedrich Torberg eine Ausstellung zum 100. Geburtstag

Friedrich Torberg

Die Gefahren der Vielseitigkeit


17. September 2008 bis 01. Februar 2009

Palais Eskeles
Dorotheergasse 11
1010 Wien

Mit einer umfassenden Dokumentation feiert das Jüdische Museum den 100. Geburtstag Friedrich Torbergs. Unter dem Titel "Die Gefahren der Vielseitigkeit" wird im Palais Eskeles in Zusammenarbeit mit der Wienbibliothek im Rathaus, die über wesentliche Teile des Nachlasses von Friedrich Torberg verfügt, von 17. September 2008 bis 1. Februar 2009 eine umfassende Dokumentation des Schriftstellers, Kritikers und Übersetzers gezeigt. Torberg, der vor allem literarisch und auch als Kritiker politisch polarisierte, wäre am 16. September 100 Jahre alt geworden, 2009 jährt sich sein Todestag zum 30. Mal: "Auf dem Papier war er ein böser Mensch, in Fleisch und Blut ein lieber." So schrieb Günter Nenning 1979 in seinem Nachruf auf Friedrich Torberg. Derart gespalten sind bis heute auch die Meinungen: Seinen Freunden ist Torberg seit jeher ein geistreicher Schriftsteller und pointierter Kritiker, ein stets bewusster Jude und Zionist, der nach seiner Rückkehr aus dem Exil in den Anekdoten seiner Tante Jolesch die "gute alte Zeit" wie kein anderer literarisch wiedererstehen lässt. Seinen Feinden ist er der Initiator des "Brecht-Boykotts" und ein antikommunistischer kultureller Scharfrichter des Kalten Kriegs. Die Aus-stellung im Jüdischen Museum Wien versucht, ein differenziertes Bild zu zeichnen. Sie begibt sich - ausgehend von der noch heilen Vorkriegswelt der Tante Jolesch - auf Torbergs Spuren und widmet sich den zahlreichen Facetten in den Kapiteln Literatur, Exil, Kalter Krieg, Judentum, Israel, Sport und Auf-arbeitung der NS-Vergangenheit. Auch die Konflikte um die in Österreich stets umstrittene öffentliche Person kommen zur Sprache.

Torberg, der als Friedrich Ephraim Kantor geboren wurde, trat als Kind dem jüdischen Sportverein Hakoah in Wien bei, wo er als Schani Kantor reüssierte, mit dem Prager Parallelverein Hagibor  wurde er 1928 Staatsmeister im Wasserball. Mit Der Schüler Gerber hat absolviert legte Torberg 1930 eines der ful-minantesten literarischen Erstlingswerke vor, in dem er zeitlos die Alpträume so manchen Schülers gestaltete. Er führte das Leben eines Bohemiens und freien Journalisten, pendelnd zwischen Wien und Prag. Mit dem Buch Die Mannschaft begründete er 1935 die Gattung des Sport-Romans mit. 1938 flüchtete Torberg von Prag über Zürich nach Paris, wo er sich zur tschechischen Exilarmee meldete. Nach der Besetzung Frankreichs durch die Nazis folgte die Flucht über Spanien und Portugal in die USA. Als einer von zehn "Outstanding Anti-Nazi-Writers" erhielt er 1940 einen Arbeitsvertrag bei den Warner Brothers in Hollywood. 1944 zog er nach New York, wo er enge Freundschaften zu anderen Exilanten pflegte. 1943 publizierte er mit Mein ist die Rache sein einziges Buch im Exil. Die kunstvolle Novelle thematisiert die Frage von Schuld und Sühne angesichts des Massenmordes in den Konzentrationslagern.

1945 erhielt Torberg zwar die US-Staatsbürgerschaft, er kehrte jedoch 1951 nach Wien zurück. 1948 publizierte er seinen umstrittenen Roman Hier bin ich, mein Vater, die Lebensbeichte eines jüdischen Nazi-Spions. Nach seiner Rückkehr nach Wien war er lange Zeit durch seine Vielseitigkeit eine dominierende Figur im österreichischen Kulturbetrieb: Die von ihm im Auftrag des Kongresses für Kulturelle Freiheit seit 1954 herausgegebene Zeitschrift FORVM war so umstritten wie prägend für ihre Zeit. Daneben entstanden zahllose Theaterkritiken, Filmdrehbücher und Übersetzungen, jene der Werke von Ephraim Kishon sind nicht nur amüsant, sondern zudem Werbung für den Staat Israel. Als Herausgeber von bis dahin vergessenen Autoren wie Peter Hammerschlag und Fritz von Herzmanovsky-Orlando, sorgte er für deren neuerliche Popularität. 1965 trat er als Herausgeber des FORVMs zurück, um an seinem letzten Roman Süßkind von Trimberg (1972) zu arbeiten. Er fand im Ausseerland bis zu seinem Tod 1979 seinen bevorzugten Aufenthaltsort.

Obwohl Torbergs Archiv 1938 verloren ging, birgt sein in der Wienbibliothek befindlicher Nachlass mehr als 50.000 Briefe, die wohl größte Sammlung von Korrespondenzen der österreichischen Nachkriegszeit. Diese bildet auch einen wesentlichen Teil des wissenschaftlichen Hintergrunds für die Ausstellung, die von Marcus G. Patka (Jüdisches Museum Wien) und Marcel Atze (Wienbibliothek im Rathaus) erarbeitet wurde, die Architektur der Ausstellung stammt von Bernhard Denkinger. Atze und Patka sind auch die Herausgeber des umfangreichen und intensiv illustrierten Begleitbuchs zur Ausstellung mit Beiträgen von Evelyn Adunka, Marie-Theres Arnbom, Marcel Atze, David Axmann, Anne-Marie Corbin, Michael Hansel, Ilse Kantor, Oliver Matuschek und Marcus G. Patka, das von Markus Reuter gestaltet wurde und im Verlag Holzhausen zum Preis von € 24,- erscheint (ISBN: 978-3-85493-156-0).

"Die Gefahren der Vielseitigkeit. Friedrich Torberg zum 100. Geburtstag" ist von  17. September 2008 bis 1. Februar 2009 im Jüdischen Museum (1010 Wien, Dorotheergasse 11) zu sehen. Das zu den Kulturbetrieben der Wien Holding zählende Jüdische Museum ist von Sonntag bis Freitag von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt € 6,50 / € 4,- ermäßigt. Schulklassen haben freien Eintritt, Führungen und pädagogische Programme: Tel.: +43-1-535 04 31-311, 312 bzw. kids.school@jmw.at. Weitere Infor-mationen zum umfangreichen Begleitprogramm sind unter www.jmw.at und unter www.wienbibliothek.at zu finden.


Zur Ausstellung über Friedrich Torberg - Ein Kurzrundgang


Die Ausstellung beginnt mit einer Hörinstallation im Kaffeehaus: Während die Besucher in den Original-möbeln des ehemaligen Café Museum aus den 1930er Jahren sitzen, lauschen sie Torbergs Lesung aus seiner Tante Jolesch. Bei der Lebenschronik und im Kapitel "Sport" im folgenden Raum stechen insbe-sondere einige bislang unbekannte Kindheits- und Jugendfotos hervor, die das Jüdische Museum Wien anlässlich der Ausstellung von seinen letzten, in Israel lebenden Verwandten als Geschenk erhalten hat. Dazu gehören auch zwei kolorierte, humoristische  Porträtzeichnungen, die Peter Hammerschlag von Torbergs Schwester Ilse anfertigte. Dominiert wird dieser Raum von einer Fotoinstallation und zwei Prunkwimpeln des jüdischen Sportvereins Hakoah, dem Torberg den ganzen Eifer seiner Jugend widmete. Hierbei werden auch weitere Prunkstücke aus der Hakoah-Sammlung des Jüdischen Museums zu sehen sein, wie etwa das Zigarettenetui von Arthur Baar in leuchtendem Hakoah-Blau, in das alle Spieler seiner Fußballmannschaft ihre Namen eingraviert haben.

Die Kapitel zu Torbergs Büchern werden von Erstausgaben sowie Dokumenten zu Genese und Rezep-tion der Werke geprägt. Hierzu gehören Briefe von und an Friedrich Torberg, zu seinen Korrespondenz-partnern zählten Hermann Broch, Max Brod, Martin Buber, Fritz Grünbaum, Michael Guttenbrunner, Peter Handke, Hermann Hesse, Ephraim Kishon, Walter Landauer (Allert de Lange Verlag), Alexander Lernet-Holenia, Soma Morgenstern, Robert Neumann, Marcel Reich-Ranicki, Arnold Schoenberg, Nelly Sachs, Manès Sperber, Franz Werfel, Alma Mahler-Werfel, Simon Wiesenthal oder auch Paul von Zsolnay. Hinzu kommen bibliophile Raritäten wie Verlagsankündigungen und Übersetzungen sowie persönliche Dokumente der Exilstationen Paris, Hollywood und New York. Der dem literarischen Werk gewidmete Ausstellungsraum wird an den Wänden durch große Gemälde des zeitgenössischen Künstlers Richard Jurtitsch eingerahmt. Diese Bilder stammen aus seiner Serie "Zu Gast bei ..." und zeigen Torbergs Arbeitszimmer in Breitenfurt und Altaussee in künstlerischer Brechung.

Werke anderer Künstler finden sich im "Kalten Krieg"-Raum: unter anderem sind zwei Tuschzeich-nungen von Kurt Moldovan und eine Mikrographie von Paul Flora unter Verwendung eines Textes von Friedrich Torberg zu sehen. Alle diese Blätter wurden Torberg anlässlich seiner runden Geburtstage gewidmet. Zudem finden sich in diesem Raum als Dokumente der Zeit ein Straßenschild des Stalin-Platzes in Baden und ein Grenzschild vom "Eisernen Vorhang" an der Grenze Österreich-CSSR, der Torberg von seiner früheren "zweiten Heimatstadt" Prag abschnitt. Hinzu kommen etliche Karikaturen aus dem FORVM, welche die politischen Spannungen jener Tage pointiert, mitunter auch brachial-ideologisch verbildlichen.

Torbergs Auseinandersetzung mit der Aufarbeitung der NS-Gewaltverbrechen durch die österreichische Justiz ist ein weiterer Abschnitt gewidmet, hierin finden sich einige Zeichnungen von Georg Chaimowicz zum Prozess gegen Franz Murer sowie andere Blätter des Künstlers, die sich gegen den Geist der alten und jungen Nazis in Österreich wenden. Darüber hinaus zu sehen sind eine außergewöhnliche Fotoserie zum Prozess gegen Adolf Eichmann in Jerusalem und - in anderem Kontext - Aufnahmen des von der SS in Prag eingerichteten so genannten "Jüdischen Zentralmuseums", das Torberg in einer Novelle thematisiert.

Herausragendes Objekt im Bereich "Judentum" ist eine kolorierten Zeichnung Max Fleischers des Innenraums der von ihm erbauten Synagoge in der Müllnergasse, in der Torberg seine Bar Mizwa erhalten hatte. Der Bereich "Israel" beginnt mit einer Notenhandschrift von Arnold Schönberg für eine unvoll-endete gebliebene "Hymne", für die Torberg 1948 ein Libretto verfasst hatte. Zusätzlich gibt es zwei audiovisuelle Infostationen in denen Mitschnitte von Radio- und Fernsehsendungen präsentiert werden, die den Autor mit seiner markanten Stimme und Präsenz erlebbar machen.


Friedrich Torberg - Biografisches

1908:
Am 16. September wird Friedrich Ephraim Kantor als zweites von drei Kindern von Alfred und Therese Kantor, geborene Berg, in Wien geboren

1919-1921:
Gymnasium in Wien

1921::
Übersiedlung nach Prag, Besuch des dortigen Deutschen Staats-Realgymnasiums

1924:
Tschechoslowakische Staatsbürgerschaft

1927:
Im Juli scheitert der Schüler Kantor an der Matura

1927:
Erste Gedichte erscheinen im Prager Tagblatt unter dem Pseudonym Torberg

1928:
Der Schüler Kantor absolviert die Matura. Mit Hagibor Prag wird er tschechischer Staatsmeister im Wasserball. Beginn des Studiums der Rechtswissenschaften in Prag, das Torberg nach wenigen Semestern abbricht

1929:
Der ewige Refrain. Lieder einer Alltagsliebe (Wien: Saturn-Verl.)

1930:
Der Schüler Gerber hat absolviert. Roman (Wien: Zsolnay)

1932:
- und glauben, es wäre die Liebe (Wien: Zsolnay). Torberg erhält den Julius Reich Preis für Dichtung und wird Mitglied des österreichischen P.E.N.-Clubs.

1933:
Im November sorgt er mit dem in Wien gehaltenen Vortrag Blamage des Geistes, der sich gegen Schriftsteller richtet, die noch in Deutschland publizieren, für Aufsehen

1934:
Torberg wird für kurze Zeit Redakteur beim Prager Mittag

1935:
Die Mannschaft. Roman eines Sportlebens (Leipzig, Mährisch-Ostrau: Julius Kittl's Nachf.). Torbergs sämtliche Schriften werden auf der Liste 1 des schädlichen und unerwünschten Schrifttums (Stand Oktober 1935) indiziert

1936:
Eine Liste des Reichssicherheitshauptamts verzeichnet Torberg auf einer Liste der deutschfeindlich tätigen Journalisten und Schriftsteller

1937:
Abschied. Roman einer ersten Liebe (Zürich: Humanitas). Unter dem Pseudonym Hubert Frohn liefert Torberg das Drehbuch zum Film Der Pfarrer von Kirchfeld

1938:
Am 13. März hält sich Torberg während der deutschen Besetzung Österreichs in Prag auf und entgeht so seiner Verhaftung

1938:
Am 20. Juni verlässt Torberg Prag mit dem Flugzeug. Seine erste Emigrationsstation ist Zürich

1939:
Am 1. Juni muss Torberg die Schweiz verlassen, er geht nach Paris. Dort schließt er einen Roman über den Untergang Wiens ab, der erst 1984 unter dem Titel Auch das war Wien erscheint

1939:
Nach Kriegsausbruch im September meldet sich Torberg freiwillig zur tschechischen Exilarmee in Frankreich. Er ist sieben Monate im südfranzösischen Agde stationiert

1940:
Im Mai erfolgt die Freistellung vom Dienst wegen seiner angegriffenen Gesundheit

1940:
Am 12. Juni verlässt Torberg Paris, zwei Tage vor der Besetzung durch deutsche Truppen. Flucht nach Bordeaux. Von dort aus flieht Torberg durch Spanien nach Portugal

1940:
Am 11. September erhält Torberg mit Hilfe des Emergency Rescue Committees - auf Vorschlag von Erika Mann - ein Visum für die USA. Als einer von "Ten Outstanding German Anti-Nazi Writers" erhält er einen Jahresvertrag bei den Warner Brothers in Hollywood. Am 9. Oktober verlässt er mit dem Dampfer Exeter Lissabon. Am 18. Oktober kommt er in New York an. Mit der Bahn geht es nach Los Angeles

1941:
Im März überschreitet Torberg die Grenze nach Mexiko, um sofort als regulärer Einwanderer in die USA zurückzukehren

1941:
Am 3. November wird Torbergs Mutter von Prag ins Ghetto Litzmannstadt deportiert

1943:
Mein ist die Rache (Los Angeles: Pazifische Presse). Torberg gibt Deutschkurse für Angehörige der US-Truppen und arbeitet als Übersetzer für das Office of War Information

1944:
Torberg liefert das Drehbuch für den Film Voice in the wind, Übersiedlung nach New York, wo er vorübergehend für die Zeitschrift Time arbeitet

1945:
Torberg erhält die US-Staatsbürgerschaft

1945:
Im Dezember heiratet Torberg die aus Wien stammende Marietta Bellak

1947:
Im Herbst erscheint die erste europäische Ausgabe der Novelle Mein ist die Rache (Wien: Bermann-Fischer)

1948:
Hier bin ich, mein Vater. Roman (Stockholm: Bermann-Fischer), Zehnjahrbuch 1938-1948 (Wien, Stockholm: Bermann-Fischer)

1950:
Die zweite Begegnung (Frankfurt/M.: S. Fischer). Durch den Einsatz Torbergs erhält der Fischer-Verlag von Salman Schocken die Rechte am Werk von Franz Kafka

1951:
Im April kehrt Torberg nach Wien zurück, wo er als freier Publizist, u. a. für den Wiener Kurier und den Rundfunksender Rot-Weiß-Rot arbeitet

1953-58:
Torberg ist Wiener Kulturkorrespondent für die Süddeutsche Zeitung

1954:
Gründung der Zeitschrift FORVM

1956:
Torberg ist maßgeblich am Boykott der Stücke von Bert Brecht in Österreich beteiligt, der bis 1962 anhielt

1958:
Lebenslied. Gedichte aus 25 Jahren (München: Langen Müller). Verleihung des Professorentitels

1960:
Torberg beginnt die Werke von Ephraim Kishon zu übersetzen

1962:
Scheidung von seiner Frau Marietta. Beginn der Gesammelten Werke Torbergs im Verlag Langen Müller

1963:
Torberg schließt seine vierbändige Ausgabe der Werke von Fritz Herzmanovsky-Orlando ab

1964:
PPP. Pamphlete, Parodien, Post Scripta (München, Wien: Langen Müller). Aufnahme in die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt

1965:
Torberg gibt die Leitung der Zeitschrift FORVM ab

1966:
Preis der Stadt Wien für Publizistik

1966/67:
In zwei Bänden sind erschienen unter dem Titel Das fünfte Rad am Thespiskarren (München: Langen Müller) die Theaterkritiken Torbergs

1968:
Golems Wiederkehr und andere Erzählungen (Frankfurt/M.: S. Fischer)

1972:
Süßkind von Trimberg (Frankfurt/M.: S. Fischer)

1974:
Prozess gegen die Schriftsteller Klaus Hoffer und Alfred Kolleritsch, die Torberg in der Zeitschrift manuskripte als "CIA-Schützling" bezeichnet hatten

1975:
Die Tante Jolesch oder Der Untergang des Abendlandes in Anekdoten (München, Wien: Langen Müller)

1978:
Die Erben der Tante Jolesch (München, Wien: Langen Müller)

1979:
Am 16. Oktober erhält Torberg den Großen Österreichischen Staatspreis für Literatur

1979:
Am 10. November stirbt Friedrich Torberg in Wien



Weiterführende Informationen:

» Zur Ausstellung


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