Being Shylock
Ein Experiment am Yiddish Art Theatre New York 1947
19. März 2009 bis 6. September 2009
Museum Judenplatz
Judenplatz 8
1010 Wien
1947 brachte das Yiddish Art Theatre New York "Shylock and His Daughter" auf die Bühne. Maurice Schwartz, Großmeister des jiddischen Theaters, übernahm damals Regie und Hauptrolle. Das Stück ist ein ambitionierter Versuch, die Shakespeare’sche Figur des venezianischen Ghettobewohners, der durch die Jahrhunderte zu einer fragwürdigen bzw. antisemitischen Projektionsfläche für "den Juden" geworden ist, nach der traumatischen Erfahrung der Schoa aus jüdischer Sicht zu hinterfragen. Bei der Gründung des Archivs des Jüdischen Museums Wien 1996 wurden 350 Fotonegative dieser Bühnenproduktion entdeckt, die einen faszinierenden Einblick in diese New Yorker Theaterproduktion bieten. Der Fotograf, der sich hauptsächlich für die Arbeit hinter der Bühne interessierte, bleibt bis heute unbekannt. In der Ausstellung ist ein Teil davon zu sehen. Eine Serie macht diese Fotosession zu einem herausragenden kulturhistorischen Dokument: Auf mehr als 20 Fotografien lässt sich nachvollziehen, wie sich Hauptdarsteller Maurice Schwartz in der Garderobe in Shylock verwandelt. Die Ausstellung "Being Shylock" ermöglicht so die Sicht auf ein Theaterexperiment, in dem ein Rollentausch zur Selbsthinterfragung und Selbsterfahrung wird.
"Being Shylock - Ein Experiment am Yiddish Art Theatre New York 1947" ist von 19. März bis 6. September 2009 im der Außenstelle des Jüdischen Museums auf dem Judenplatz (A-1010 Wien, Judenplatz 8) zu sehen. Das zu den Kulturbetrieben der Wien Holding zählende Museum Judenplatz des Jüdischen Museums ist von Sonntag bis Donnerstag von 10 bis 18 Uhr, freitags von 10 bis 14 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt € 4,- / € 2,50 ermäßigt. Schulklassen haben freien Eintritt, Führungen und pädagogische Programme: Tel.: +43-1-535 04 31-311, 312 bzw.
kids.school (at) jmw.at. Weitere Informationen zum umfangreichen Begleitprogramm sind unter
www.jmw.at zu finden.
Die Ausstellung wird von einem Symposium mit dem Titel "Shylock nach 1945 - Inszenierungen und Diskurse um Shakespeares Kaufmann von Venedig" begleitet, das vom Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft der Universität Wien in Zusammenarbeit mit dem Jüdischen Museum Wien von 19. - 20. März 2009 (jeweils von 9 bis 18 Uhr) im Mozarthaus Vienna, Domgasse 5, A-1010 Wien, organisiert wird. Detailprogramm unter
tfm.univie.ac.at/veranstaltungen und
www.jmw.at/kalender/vortraege
Die Fotografien eines unbekannten Fotografen. Hintergrund zu einem sensationellen Fund
Im November 1993 eröffnete das Jüdische Museum Wien im Palais Eskeles. 1995 wurde das Haus nochmals adaptiert und eröffnete 1996 in der heutigen Gestalt. In dieser Zeit begann im "Bauch des Museums" die Arbeit an einem Museumsarchiv. Es galt, sich einen Überblick über all das Papier, die Grafiken, Archivalien und Fotografien zu verschaffen, die sich in dem neu gegründeten Museum aus den verschiedensten Quellen angesammelt hatten. Zwei vergilbte Kuverts, die inmitten der zahlreichen Dokumente "auftauchten", beinhalteten ein Konvolut mit ca. 500 Stück Schwarz-Weiß-Kleinbildnegativen. Und obwohl sie sofort die Aufmerksamkeit auf sich zogen, blieb ihre Identität lange rätselhaft. Während das Kleinbildformat darauf schließen ließ, dass es sich um Fotos jüngeren Datums handelte, deutete die Tatsache, dass neben Kodak Safety-Filmen auch einige Nitrat-Filme darunter waren, wieder auf ein frühes Produktionsdatum hin. Die erste Belichtung der Fotografien in Form von Kontaktabzügen zeigte einerseits zahlreiche betagte Menschen in einer sozialen Einrichtung, in der es auch eine Synagoge gab, andererseits konnten zahlreiche Bilder, ca. 350 Stück, identifiziert werden, die eine Theaterproduktion dokumentierten. Neben Bühnen- und Rollenfotos stach dabei eine Serie hervor, die die Verwandlung eines Schauspielers in eine eindeutig "jüdische" Rolle zum Inhalt hatte.
Der Schauplatz der Bilder mit den betagten Menschen konnte mithilfe eines Fotos als Bialystock Home for the Elderly bestimmt werden, ein Altersheim für Menschen, die aus der Region Bialystock in Polen stammten. Der Verdacht, dass die Fotos eine amerikanische, wahrscheinlich New Yorker Lebenswelt zeigten, bestätigte sich mit einer Fotografie, die das Theater von außen abbildete. Auf der Nachtaufnahme erkennt man zwei amerikanische Autos vor einem Theaterportal mit Leuchtschrift: "Shylock’s Daughter / Maurice Schwartz / Yiddish Art Theatre / By Ari Ibn Zahav / Music J. Rumshinsky / Zayenda Halpern"
Die erste Recherche ergab, dass Maurice Schwarz, der Großmeister des jiddischen Theaters, dieses Stück 1947 und 1948 mit seinem Yiddish Art Theatre gespielt hatte. Die Datierung der Fotos war also gelungen. Wer aber war der Fotograf? Wer hatte sich im New York des Jahres 1947 sowohl für das Schicksal der alten Bialystocker Juden als auch für die Theaterproduktion "Shylock and His Daughter" interessiert? Warum fokussierte er sein Shooting auf die Arbeit hinter der Bühne und auf die Rollenbilder? Warum bildete er das Geschehen auf der Bühne nicht aus der Zuschauerperspektive ab? Und warum landeten die Negative ausgerechnet im "Bauch" des Jüdischen Museums Wien?
Bevor die erweiterte Recherche begann, fand sich die einzige Spur des Fotografens, die er auf den Fotos selbst hinterlassen hatte. Eines der Backstagefotos zeigt Dana Halpern, die sich gerade für die Rolle der Porcia (?) in ihrer Garderobe schminkt. In einem der Schminkspiegel können wir ihr Gesicht erkennen, in dem Spiegel daneben den Fotografen. Doch sein Gesicht half für eine Identifikation nicht weiter, es ist von seiner Kamera verdeckt. Alles, was wir sehen, ist ein Mann mittleren Alters mit kurzen Haaren und einem bereits zurückgewichenen Haaransatz. Wenn man davon ausgeht, dass der Fotograf im Jahr 1947 ein Mann in mittleren Jahren um die vierzig war, so war er 1996, als die Fotos entdeckt wurden, um die neunzig.
Woher kamen nun die Papiere, Fotos, Grafiken und Archivalien, die sich im neu gegründeten Jüdischen Museum Wien angesammelt hatten? Es waren zum Teil Überbleibsel aus dem alten Wiener Jüdischen Museum, das 1938 von den Nazis geschlossen wurde und dessen Bestände beschlagnahmt und in weiterer Folge auf Wiener Museen verteilt wurden. Zum anderen Teil waren es kleine Teile des Archivs der Israelitischen Kultusgemeinde aus den Jahren der Verfolgung zwischen 1938 und 1945. Dazu kamen die schon dokumentierten Bestände der Sammlung Berger, Sammlung Schlaff und Sammlung Stern. Die Fotos zählten zu einem Teil der Dinge, deren Herkunft nicht geklärt werden konnte. Da Bestände der IKG und des alten Jüdischen Museums vor der Errichtung des neuen Jüdischen Museums im Keller des Wiener Jüdischen Elternheims lagerten, lag die Vermutung nahe, der Fotograf könne auch ein ehemaliger Bewohner des Elternheimes gewesen sein, der 1947 in den USA lebte, seine Fotos wären (nach seinem Tod?) auf diese Weise in den Keller des Elternheimes gekommen und von dort in das Jüdische Museum. Doch ein Fotograf konnte unter den ehemaligen Bewohnern der Elternheimes nicht ausgemacht werden und es wäre auch verwunderlich gewesen, wenn diese Fotos aus dem Jahr 1947 das einzige Erbe eines professionellen Fotografen geblieben wären.
Während die Frage nach der Identität des Fotografen bis heute nicht beantwortet werden konnte, konzentrierten sich die Bemühungen nun auf die darauf abgebildete Theaterproduktion. Hier begann auch die Zusammenarbeit mit dem Institut für Theater- Film-, und Medienwissenschaft der Universität Wien. In der Zusammenarbeit mit Univ.-Doz. Dr. Brigitte Dalinger, einer Spezialistin für das jiddische Theater, konnten wir die Bedeutung der dargestellten Inszenierung herausarbeiten, die ein beispielloses Experiment, sich nach der Schoa von jüdischer Seite dem Shylock-Stoff zu nähern, darstellt. Die Arbeit an den Fotos brachte schließlich die Idee einer Ausstellung und eines internationalen Symposiums mit sich, auf dem die Frage nach der Darstellung des Shylock insbesondere nach 1945 breit gestellt und diskutiert werden kann.
Weiterführende Informationen:
» Zur Ausstellung
Maurice Schwartz, Star und Impressio der New Yorker jiddischen Theaterszene "schlüpft" in die Maske und Rolle des Shylock
Aus der Fotoserie eines bis heute unbekannten Fotografen. New York, 1947

Maurice Schwartz, Star und Impressio der New Yorker jiddischen Theaterszene "schlüpft" in die Maske und Rolle des Shylock
Aus der Fotoserie eines bis heute unbekannten Fotografen. New York, 1947

Maurice Schwartz, Star und Impressio der New Yorker jiddischen Theaterszene "schlüpft" in die Maske und Rolle des Shylock
Aus der Fotoserie eines bis heute unbekannten Fotografen. New York, 1947

"Shylock and His Daughter", Szenenfoto, Yiddish Art Theatre in New York, 1947
Aus der Fotoserie eines bis heute unbekannten Fotografen. New York, 1947

Dieses Bild im Spiegel ist das einzige Zeugnis des Fotografen, von dem kein Name überliefert ist. Die Fotos wurden bei der Gründung des Archivs des Jüdischen Museums Wien im Jahr 1996 entdeckt.
Aus der Fotoserie eines bis heute unbekannten Fotografen. New York, 1947
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