Jüdisches Museum zeigt umfassende Ausstellung zu Leben und Werk von Marcel Proust
Cher ami ...
Marcel Proust im Spiegel seiner Korrespondenz
30. September bis 22. November 2009
Palais Eskeles
Dorotheergasse 11
1010 Wien
Kurzfristig und außerhalb der ursprünglichen Programmplanungen zeigt das Jüdische Museum Wien von 30. September bis 22. November 2009 im Palais Eskeles eine Ausstellung der Bibliotheca Proustiana Reiner Speck in Kooperation mit der Marcel Proust Gesellschaft Köln und dem Literaturhaus München, die dem berühmten französischen Schriftsteller Marcel Proust gewidmet ist. Mit dieser Ausstellungsübernahme bietet sich dem literarisch interessierten Publikum erstmals in Österreich die Gelegenheit, einen umfassenden Einblick in Leben und Werk Marcel Prousts zu erhalten. Begleitet wird die Ausstellung von einem wissenschaftlichen Symposium über "Marcel Proust und die Musik", das von 5. bis 7. November 2009 in Wien im Institut Français de Vienne und in der Österreichischen Akademie der Wissenschaften stattfindet.
Marcel Proust (1871-1922) zählt zu den größten literarischen Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts. Sein Hauptwerk "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" (À la recherche du temps perdu) gilt als singuläres Romanmonument. Über die schriftstellerische Arbeit hinaus war der Sohn eines katholischen Vaters und einer jüdischen Mutter ein manischer, atemloser Briefschreiber. Seine umfangreiche Korrespondenz, von der er wünschte, sie möge nach seinem Tod vernichtet werden, lässt das vielfarbige Bild eines Autors entstehen, der sich Zeit seines Lebens mit Vorurteilen und schweren Krankheiten herumplagte und erst spät zu literarischen Ehren gelangte. Daher gehört die Arbeit an der "Recherche" auch immer wieder zu den Themen seiner Briefe. Den Charme und die Größe von Prousts Korrespondenz machen jedoch die persönlichen Beziehungen sowie die ausschweifenden und fein gesponnenen Freundschaftsbekundungen aus.
Die Bibliotheca Proustiana Reiner Speck in Köln hütet über 80 dieser Zeitdokumente, davon sind viele bisher unpubliziert und unübersetzt. Sie initiierte in Kooperation mit dem Literaturhaus München und der Marcel Proust Gesellschaft Köln diese Ausstellung, die weitere Proust-Autographen, seltene Fotografien, Porträtzeichnungen und -skizzen sowie Manuskripte und signierte Bücher präsentiert. Hinzu kommen persönliche Dokumente, Handschriften und Bücher der Briefadressaten - aus dem Kreis der Familie, der Freunde sowie der Kollegen und Kritiker. Wie ein Leitmotiv zieht sich auch sein Engagement für den zu Unrecht verurteilten jüdischen Offizier Alfred Dreyfus durch viele seiner Briefe.
Die Ausstellung ermöglicht dem Besucher, Marcel Proust im Spiegel seiner Korrespondenz und sein Werk im Kontext seiner Zeit kennenzulernen. Die Briefe sind in verschiedene Themenbereiche eingebettet, filmische Dokumente und Kommentare von Zeitzeugen ergänzen sie. Mit dem Audioguide können die Besucher einen Großteil der Korrespondenz in deutscher Übersetzung hören. Die Ausstellung zeigt den großen Romancier Proust in einer unmittelbaren, authentischen und vielfältigen Weise, die sein ganzes Leben und Wirken umspannt.
Jürgen Ritte, Literaturwissenschaftler, Übersetzer und Professor an der Université de la Sorbonne Nouvelle, und Reiner Speck, Arzt, Sammler, Publizist, Begründer und Präsident der Marcel Proust Gesellschaft haben die Schau kuratiert. Beide sind auch Herausgeber des begleitenden Katalogbuchs "Cher ami... Votre Marcel Proust. Marcel Proust im Spiegel seiner Korrespondenz" (Snoeck Verlag, Köln 2009, € 49,80. ISBN 978-3-936859-04-9). Für die Ausstellungsarchitektur und -gestaltung zeichnen Costanza Puglisi und Florian Wenz vom Münchner Büro "unodue", unterstützt von Yvonne Borchert und Katharina Fiddeke, verantwortlich. Zur Ausstellung ist auch ein illustrierter Kurzführer des Literaturhauses München mit Texten und Abbildungen erschienen (€ 5,-), der im Bookshop Singer im Jüdischen Museum Wien erhältlich ist.
"Cher ami ... Marcel Proust im Spiegel seiner Korrespondenz" ist von 30. September bis 22. November 2009 im Jüdischen Museum Wien (A-1010 Wien, Dorotheergasse 11) zu sehen. Das zu den Kulturbetrieben der Wien Holding zählende Jüdische Museum ist von Sonntag bis Freitag von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt € 6,50 / € 4,- ermäßigt. Schulklassen haben freien Eintritt, Führungen und pädagogische Programme: Tel.: +43-1-535 04 31-130, 131 bzw. kids.school@jmw.at. Weitere Informationen sind unter www.jmw.at zu finden.
Schätze aus der Bibliotheca Proustiana erstmals in Wien zu sehen
Reiner Speck hütet in Köln die Bibliotheca Proustiana, die unter anderem viele Briefe umfasst, die noch nicht publiziert sind. Die Ausstellung bietet also auch dem Fachpublikum wirklich etwas Neues, was bei einem Autor, dessen weltliterarischer Rang seit den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts unbestritten ist und dessen Leben und Werk vielfältig erforscht und ausgestellt wurde, kaum vorstellbar war. Da die Briefadressaten sowohl Familienmitglieder als auch Freunde, Bekannte, Kollegen, Journalisten, Literaturkritiker und Verleger umfasst, mit denen Proust über einen langen Zeitraum - zum Teil von der Jugend bis kurz vor seinem Tod - korrespondierte, lässt sich sein Leben anhand dieser Briefe nachverfolgen.
Überwältigend ist auch die Fülle weiterer herausragender Stücke aus der Sammlung: Neben weiteren Autographen und Zeichnungen von Prousts Hand sind seltene Fotos sowie Porträtzeichnungen und -skizzen, Manuskripte und signierte Bücher (Prousts Widmungen darin sind häufig umfangreich wie Briefe) sowie zahlreiche Dokumente, Fotos, Autographen und Bücher der Briefadressaten zu sehen, sodass in der Ausstellung ein Gesamtbild von Prousts Leben und Werk entsteht, das in seiner Unmittelbarkeit, Authentizität und Vielfalt bestechend ist.
Da die Exponate fast ausschließlich in französischer Sprache gehalten sind, stellte die Übersetzung eine große Herausforderung dar. Jürgen Ritte hat diese Aufgabe auf sich genommen und mit Bravour gelöst. Damit aber all die Übersetzungen und Erläuterungen zur Ausstellung nicht auch noch - neben den Originalen - zu lesen sind, übernimmt der Audioguide diese entscheidende Rolle: Viele der Briefe sind in Übersetzungen zu hören. Und alle Briefe sind in dem Begleitband, der zur Ausstellung erscheint, sowohl in deutscher Sprache als auch im Original abgedruckt.
Nicht alle Dokumente erschließen sich aus sich selbst. Bezüge zur Zeitgeschichte sind herzustellen, Ereignisse zu erläutern, denn Leben und Werk sind bei Proust kaum zu trennen. Es helfen dabei filmische Dokumente aus der Zeit sowie Kommentare von Zeitzeugen, die für sich selbst stehend schon wieder historische Dokumente sind. Costanza Puglisi und Florian Wenz (unodue) haben dem Thema Gestalt und Aussehen gegeben und einen auratischen Raum um die Originale geschaffen, der die persönlichen und gesellschaftlichen Bezüge nicht vernachlässigt.
Marcel Proust - Leben und Werk
1871
Geboren am 10. Juli in Auteuil als Sohn von Adrien Proust, Mediziner, und Jeanne Weil
1888
Mitarbeit an den Zeitschriften "Revue verte" und "Revue lilas"
1889
Baccalauréat (Matura) am Lycée Condorcet, Paris; einjähriger Militärdienst
1890
Einschreibung an der juristischen Fakultät
1892
Gründung der Zeitschrift "Le Banquet"; erste Publikationen
1896
Erste Buchpublikation "Les plaisirs et les jours" (Freuden und Tage), Erzählungen
1898
Unterschrift einer Pro-Dreyfus-Petition (Dreyfus-Affaire)
1899
Beginn der Übersetzung von John Ruskins Werken
1903
Tod des Vaters
1604
Ruskin-Übersetzung "La Bible d'Amiens"
1905
Tod der Mutter
1906
Ruskin-Übersetzung "Sésame et le Lys"; Übersiedlung in die Wohnung 102, Boulevard Haussmann
1907
Sommeraufenthalt in Cabourg; Arbeit an den Essays "Contre Sainte-Beuve" bzw. an der "Recherche"
1908
Veröffentlichung von "Pastiches" und Essays im "Figaro"
1913
Nach mehreren Ablehnungen durch Verlage erscheint der erste Teil der "Recherche" ("In Swanns Welt") auf Kosten des Autors bei Grasset; Beginn von Céleste Albarets Beschäftigung als Prousts Haushälterin
1916
Wechsel zum Verlag Gallimard
1919
Zunehmende Geldprobleme; Umzüge in die Rue Laurent-Pichat und in die Rue Hamlin; im selben Jahr erhält Proust für "Im Schatten junger Mädchenblüte" (Band 2 der "Recherche") den Prix Goncourt
1921-22
"Die Herzogin von Guermantes" und "Sodom und Gomorrha" (Band 3 und 4 der "Recherche") erscheinen. Proust stirbt am 18. November
Posthum erscheinen die letzten Bände der "Recherche": "Die Gefangene", "Die Flüchtige" und "Die wiedergefundene Zeit"
Weitere Pressefotos unter ftp://ftp.jmw.at/press/exhibits/marcel_proust/
Weiterführende Informationen:
» Zur Ausstellung
Photographie der Mutter Jeanne Proust (1849-1905) in ihrer Wohnung
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Marcel Proust im Kreise von Jugendfreunden, 1891
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Marcel Proust, Heliogravüre nach dem Porträt von Jacques-Émile Blanche, von Proust zusammen mit "Placards" den limitierten Luxusausgaben von À l’ombre des jeunes filles en fleurs beigefügt.
BPRS 131
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Marcel Proust, Brief an Reynaldo Hahn, geschrieben in der zwischen Proust und diesem gepflegten 'Geheimsprache', mit integrierter Zeichnung
BPRS 53
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Marcel Proust, letzter Brief an Jacques Rivière (1886–1925). Wenige Wochen vor dem Tod bleiben die Gedanken zwar klar, das Schriftbild aber wird durch medikamentöse Intoxikation zunehmend konfuser. (30. Oktober oder 1. November 1922)
BPRS 80
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Die führende Köpfe der NRF:
Jean Schlumberger, Roger Martin du Gard, André Gide und Jacques Riviére
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