Hanns Eisler. Mensch und Masse
25. Februar – 12. Juli 2009 (verlängert bis 13. September 2009)
In der Reihe “Musik des Aufbruchs” zeigt das Jüdische Museum Wien eine Ausstellung, die dem Komponisten Hanns Eisler gewidmet ist. Eislers Leben und Werk und sein besonderes Verhältnis zur Stadt Wien wird im Spannungsfeld der europäischen Zeitgeschichte beleuchtet. Der Komponist erlebte hier mehrere Epochen: Von den letzten Jahren des Kaiserreichs, dem Ersten Weltkrieg, dem roten Wien der 1920er Jahre über den Beginn des Austrofaschismus und folgender Exilzeit bis hin zu den Nachkriegsjahren begannen für Eisler mit jedem Aufenthalt auch neue Lebens- und Schaffensphasen – die Stadt wurde zum Dreh- und Angelpunkt in seiner Biographie. Der 1898 in Leipzig geborene Komponist verbrachte ab dem 4. Lebensjahr in Wien seine Jugend. Die Grundlagen zu allen wichtigen Aspekten seines Werkes wurde hier gelegt: Aus seiner Schulzeit auf dem k.u.k. Staatsgymnasium Nr. 2 sind erste Kompositionsversuche bekannt. Sein politisches Engagement begann als Mitglied des “Sprechklubs” der sozialistischen Mittelschüler; er beschäftigte sich schon als 14-Jähriger mit sozialistischer und anarchistischer Theorie. Nach dem Abbruch seines Studiums am Neuen Wiener Konservatorium begann er ein Privatstudium bei Arnold Schönberg. In dessen Kreis, teilweise auch als Schüler Anton Weberns, gehörte er zur Avantgarde der Musikszene. Seinen beruflichen Weg begann er als Notenkorrektor bei der Wiener Universal Edition, die ihm später einen 10-Jahresvertrag anbieten sollte. Einflüsse aus jener Zeit lassen sich bis in seine letzten Werke verfolgen. Somit wurde Wien zur Startposition seiner Karriere. 1925 ging Eisler zwar nach Berlin, hielt sich jedoch durch familiäre Bindungen noch häufig in seiner Heimatstadt auf. Daher kam es, dass er im Januar 1933 gerade in Wien weilte, als Hitler in Deutschland an die Macht kam. Seine enge Zusammenarbeit mit der kulturellen Linken, insbesondere Ernst Busch und Bert Brecht, sowie seine öffentlich bekannte kommunistische Gesinnung und seine jüdische Herkunft machten eine Rückkehr unmöglich. Die Heimatstadt wurde erster Ort seines langjährigen Exils. Nach Aufenthalten in verschiedenen europäischen Ländern gelang dem unter austrofaschistischer Regierung auch in Österreich nicht mehr erwerbsfähigen Eisler die Ausreise in die USA.
Dort und in Mexiko überlebte er die folgenden Jahre, die Nazizeit und den Zweiten Weltkrieg. Gleich vielen seiner Zeitgenossen verdiente Eisler seinen Lebensunterhalt im Exil mit “angewandter Musi”, wie er es ausdrückte, schrieb für Bühne und Film und beschäftigte sich eingehend mit der Ästhetik dieser Gattungen. 1948 kehrte der auch in den USA inzwischen politisch verfolgte Kommunist ins Nachkriegs-Wien zurück. Auch jetzt schrieb er für das Theater. Sein Einsatz für den Frieden und seine künstlerische wie politische Orientierung führten jedoch konsequent zu einer Rückkehr in den Ostteil der Stadt Berlin. Hier etablierte er seinen endgültigen Wohnsitz, behielt aber bis zu seinem Lebensende den österreichischen Pass samt österreichischem Wohnsitz, was ihm ermöglichte, “Weltbürger” zu bleiben, neben Berlin und Moskau auch in Paris und Wien zu arbeiten. 1960 erlitt er in Wien einen Herzinfarkt, an dessen Spätfolgen er 1962 in Berlin verstarb.
KuratorInnen: Michael Haas, Wiebke Krohn
Palais Eskeles
Dorotheergasse 11
1010 Wien
Being Shylock. Ein Experiment am Yiddish Art Theatre New York 1947
18. März – 6. September 2009
1947/48 entsteht eine Serie faszinierende Backstage- und Probenfotos am Yiddish Art Theater in New York. Gegeben wird „Shylock and his Daughter“, eine Komödie von Ari Ibn Zahav in der Regie des Großmeisters des jiddischen Theaters, Maurice Schwartz.
Neben den Schauspielern in ihren Umkleideräumen sowie den Technikern und den Produzenten hinter der Bühne sticht unter den kontrastreichen Schwarzweißbildern vor allem eine Serie mit über 20 Bildern heraus: Maurice Schwartz, Theaterprinzipal und Darsteller des Shylock, der gerade noch mit der in den 40er Jahren üblichen Kurzhaarfrisur vor dem Spiegel gesessen ist, verschwindet hinter Bart, Schläfenlocken, Hut und Kaftan, um als Shylock ins Rampenlicht treten.
In den späten 1990er Jahren werden die Negative bei der Gründung des Archivs des Jüdischen Museum Wien entdeckt. Der Fotograf, der nur auf einem Foto im Spiegel zu erkennen ist, bleibt bis heute unbekannt. Der sensationelle Fotofund dokumentiert ein wichtiges theaterhistorisches Ereignis. Mit Shylock and His Daughter versuchte Maurice Schwartz, den Shylock-Stoff nach der Schoa für ein jüdisches New Yorker Theater Ensemble wieder spielbar zu machen.
Die Ausstellung wird in Zusammenhang mit einem Symposium zum Thema „Shylock“, das vom Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft der Universität Wien organisiert wird, eröffnet. Das Symposium findet vom 19.-20. März im Mozarthaus Vienna statt.
KuratorInnen: Werner Hanak-Lettner, Brigitte Dalinger
Museum Judenplatz
Judenplatz 8
1010 Wien
typisch! Klischees von Juden und Anderen
1. April – 11. Oktober 2009
“typisch! Klischees von Juden und anderen” ist eine Ausstellung über das Sehen, die Wahrnehmung, Ordnung und Zuordnung von Bildern und Dingen vom Fremden und vom Eigenen. Sie zeigt Gegenstände, Bilder, Fotografien und audiovisuelle Objekte, die Menschen darstellen oder etwas über Menschen aussagen sollen. Das heißt, sie beschäftigt sich mit Stereotypen.
Stereotype entstehen im Allgemeinen aus der Unkenntnis und der Angst vor dem Anderen, aus Unvorstellbarkeiten, Unerklärlichkeiten, Unverständlichkeiten, kurz: aus Furcht vor dem Nicht-Eigenen und in Abgrenzung zum Nicht-Eigenen. Stereotypen helfen, die Welt zu ordnen, sich selbst zu verorten, den Anderen einzuordnen. Positiv genutzt sind sie Hilfsmittel zur Charakterisierung des Anderen im Prozess der Positionierung des Selbst. Negativ genutzt sind sie Hilfsmittel zur Dämonisierung des Anderen im Prozess der Überhöhung des Selbst. Vor diesem Hintergrund stellt die Ausstellung “typisch!” zur Diskussion, wie sich Darstellungen typisierender Motive aus der bildenden Kunst zu Objekten aus der Trivialkunst verhalten und konfrontiert sie mit Arbeiten, die durch das Herausarbeiten von Paradoxien oder mit kritischer Ironie das Klischee in Frage stellen.
Stereotype bewegen sich in der Ambivalenz zwischen der Notwendigkeit zur Klassifizierung und Einordnung von Ein-drücken aus der Umwelt und dem Bedürfnis urteilender Kontrolle. Die Ausstellung will aber auch Auswege zeigen, Möglichkeiten, die Klassifikation und Zuschreibung zu sub-vertieren. Denn so wie das Stereotyp nicht nur ein oktroy-iertes, eine von Außen wie auch immer gestaltete oder formulierte Klassifizierung ist, so ist das Stereotyp auch eine Eigendefinition, ein Binnenbild vom Selbst, entstanden um sich in seinen als prägnantest angenommenen Charakteris-tika selbst zu versichern oder aber auch als Reaktion auf das Fremdbild. Und beide Stereotype, das von Außen sowie das von Innen geprägte werden in zunehmendem Maße immer wieder von Mitgliedern der Gruppe hinterfragt. Diese Hinterfragung erfolgt auf subversive Weise, indem das jeweilige Stereotyp radikal überzogen oder durch ein Gegenstereotyp konterkariert wird. In vielen Fällen kann sich aber auch die Subversion nicht vom Vorwurf der Überlieferung von Stereotypen freisprechen; sie verhilft lediglich, den Sachverhalt anders zu bewerten.
Wie der Titel schon verrät, beschäftigt sich die Ausstellung “typisch! Klischees von Juden und Anderen” nicht nur mit antisemitischen Vorurteilen. Da Antisemitismus und Philosemitismus nur eine Facette von Rassismus als “Konstruktion des anderen nach eigenen Wünschen und Vorstellungen” sind, wie es der Afrikanist Walter Schicho formulierte, werden in der Ausstellung durchwegs Parallelen aufgezeigt. So kommen auch Stereotype von Native Americans, African Americans, Aborigines, etc. vor. Diese weder systematisch erfassten noch umfassenden Parallelen sollen sowohl zeigen, dass jüdische und antijüdische Stereotype keine Ausnahmeerscheinungen sind, als auch den Besucher für das Thema Stereotyp, Fremdbild und Vorurteil in einem globaleren Sinne sensibilisieren. Besonders mit der Einbeziehung antiislamischer Stereotype wird auf die Aktualität unser aller Klischeedenken verwiesen und einmal mehr verdeutlicht, inwieweit wir sowohl in historisch gewachsenen als auch in tagespolitisch motivierten Vorurteilen gefangen sind.
Ausstellung des Jüdischen Museums Berlin in Zusammenarbeit mit dem Jüdischen Museum Wien und dem Spertus Museum in Chicago
KuratorInnen: Felicitas Heimann-Jelinek, Hannes Sulzenbacher, Miriam Goldmann, Thorsten Beck
Palais Eskeles
Dorotheergasse 11
1010 Wien
Tel Aviv. Hot City Cool
10. Juni – 28. Oktober 2009
Knapp 39 Jahre vor der Staatsgründung Israels wurde 1909 nördlich der Jahrtausende alten Siedlung Jaffo der Grund¬stein für die Stadt Tel Aviv gelegt. In der Zwischenkriegszeit enstand hier ein Juwel moderner Stadtplanung mit gerad-liniger Straßenführung und mehr Bauhaus-Architektur als in jeder anderen Stadt der Welt. Heute ist der Großraum Tel Aviv eine pulsierende Metropole voller Gegensätze, in der sich Orient und Okkzident begegnen. Seine Bewohner haben ihre Wurzeln in mehr als 80 Ländern Europas, Asiens und Afrikas. Tel Aviv vereint Diamantenbörse und levantini¬schen Bazar, eine florierende Szene von Elektronik-Musik und Informatik – und in anderen Stadtvierteln orthodoxe Juden in ihrer traditionellen Gewandung. Das besondere Flair ergibt sich durch die Lage am Meeresstrand, dem eigentlichen Zentrum der Stadt. Mit Blick in den Sonnen¬untergang findet die Alltagshektik hier oft ihre Entspannung.
Die Ausstellung im Jüdischen Museum Wien präsentiert Werke von Studenten der von Erez Golan geleiteten Minshar of Art-Kunsthochschule, die ihre Blick auf ihre Heimatstadt verewigen.
Kurator: Marcus G. Patka
Palais Eskeles
Dorotheergasse 11
1010 Wien
Teofila Reich-Ranicki. Bilder aus dem Warschauer Ghetto
17. September 2009 – 13. Jänner 2010
Die deutschen Besatzungsbehörden richteten seit 1940 in Warschau wie in anderen polnischen Städten Ghettos ein, in denen jeweils alle Juden der Stadt zusammengetrieben wurden. Das Warschauer Ghetto wurde mit einer hohen Mauer umgeben und im November 1940 endgültig vom Rest der Stadt abgeriegelt.
Auf engstem Raum und ohne ausreichende Nahrung mußten hier über 400 000 Menschen leben. Jeden Monat starben Tausende durch Hunger, die katastrophalen sanitären Zustände und Terror. Im Juli 1942 begannen die Deportationen in die Vernichtungslager. Die endgültige „Auflösung“ des Ghettos im April 1943 traf auf den Wider-stand der letzen verbliebenen Bewohner, deren verzweifelter Aufstand erst nach vier Wochen von deutschen Truppen niedergeschlagen werden konnte.
Teofila Reich-Ranicki (geb. 1920 in Lodz) hat noch im Ghetto mit einer Serie grafischer Blätter begonnen, die den alltäglichen Schrecken darstellen: Hunger, Terror, Warten auf die Deportation. Die meisten Zeichnungen entstanden im Sommer 1942, einige Blätter wurden in der Zeit nach der Flucht Teofila und Marcel Reich-Ranickis aus dem Ghetto am 3. Februar 1943 hinzugefügt. Die Mappe mit den Blättern konnten die Reich-Ranickis vor ihrer Flucht aus dem Ghetto herausschmuggeln und verstecken lassen.
Koordination: Gabriele Kohlbauer-Fritz
Museum Judenplatz
Judenplatz 8
1010 Wien
“Cher ami …” Marcel Proust im Spiegel seiner Korrespondenz
30. September – 22. November 2009
“Mon cher petit, es ist traurig, es zu sagen, aber wir sind fast die Einzigen […], die noch einen literarischen Geschmack haben.”
(Marcel Proust an Lucien Daudet)
Die Bibliotheca Proustiana Reiner Speck beherbergt eine der wichtigsten privaten Sammlungen von Briefen, Manuskripten, Fotos und Büchern von Marcel Proust. Der Bestand an Briefen ist mittlerweile auf über 80 Originale angewachsen, viele von ihnen bisher unpubliziert und unübersetzt. Zum ersten Mal werden sie jetzt in einer großen Ausstellung im Literaturhaus München gezeigt, ergänzt um viele weitere Exponate von Marcel Proust und seinen Briefpartnern – Familie, Freunde, Kollegen, Kritiker. Aus ihnen entsteht ein Bild des großen Romanciers, das sein ganzes Leben und Wirken umspannt und durch seine Unmittelbarkeit besticht.
Koordination Marcus G. Patka
Palais Eskeles
Dorotheergasse 11
1010 Wien
Fritz Schwarz-Waldegg. Maler-Reisen durchs Ich und die Welt
4. November 2009 – 25. April 2010
Fritz Schwarz-Waldegg (1889–1942) zählt zu den Pionieren der expressionistischen Malerei Österreichs nach 1918. Im Bann der Neukunstgruppe um Egon Schiele und Oskar Kokoschka sahen viele junge Wiener Maler in der dynami-schen Ausdruckskunst eine adäquate künstlerische Reaktion auf die turbulente Zeit rund um das Ende des Ersten Welt-kriegs. Ihre Plattform war die Künstlervereinigung “Hagen-bund”, die bis zu ihrer Auflösung durch die Nationalsozialis-ten 1938 das wichtigste Forum für expressive und bald auch für neusachliche Kunst der Zwischenkriegszeit bot. Fritz Schwarz-Waldegg zählt neben Josef Floch, Georg Merkel und Franz Lerch zu den zentralen Persönlichkeiten des Ha-genbundes, als dessen Präsident er 1925/26 wirkte. Nach dem “Anschluss” 1938 aus seinem Atelier vertrieben, arbei-tete er bis zu seiner Deportation und Ermordung 1942 im Untergrund. Die Ausstellung des Jüdischen Museums der Stadt Wien ist die erste Retrospektive dieses weitgehend vergessenen, bedeutenden Wiener Malers der Zwischen-kriegszeit.
Die Ausstellung bietet mit ca. 25 Ölbildern sowie ca. 70 Aquarellen und Zeichnungen einen repräsentativen Quer-schnitt durch das Oeuvre des Künstlers und dokumentiert in einem umfassenden Katalog erstmals sein malerisches Werk und seine Biographie. Vom Frühwerk vor dem Ersten Weltkrieg, das deutlich vom Stimmungsimpres¬sionismus des Kreises um Emil Jakob Schindler geprägt ist, über packende und lebendige Schilderungen vom Kriegsalltag an der russi¬schen Front bis zu den ersten Eruptionen expressionisti¬scher Malerei spannt sich der Bogen der ersten Phase im Oeuvre des Künstlers. Leihgaben aus Privatbesitz und dem Heeresgeschichtlichen Museum in Wien dokumentieren die vitale, bewegte Handschrift des Malers in den Kriegsjahren. Stark von Oskar Kokoschka und Max Oppenheimer beein¬flusst, schuf er unter dem Eindruck des Kriegsendes großformatige Allegorien, die sich mit zeittypischem Pathos zu humanen Grundwerten bekennt. Sein bekanntestes Werk, das Öl¬bild “Bekenntnis” (1920) aus dem Besitz des Belvedere, in dem sich psychoanalytische Interessen spiegeln, bildet das Zent¬rum einer Gruppe, in der weitere Expressionismus-typische Themen wie “Ewigkeit”, “Quelle” und “Mann und Kristall” die Höhepunkte bilden.
Seine Bilder verbleiben zunächst im Besitz der überlebenden Familienmitglieder und befinden sich heute in Privatsammlungen und Museen in ganz Europa. 1968 fand die letzte, von Georg Eisler organisierte Würdigung in der Wiener Secession statt.
KuratorInnen: Matthias Boeckl, Erich Raithel, Andrea Winklbauer
Palais Eskeles
Dorotheergasse 11
1010 Wien
Hast du meine Alpen gesehen? Eine jüdische Beziehungsgeschichte
15. Dezember 2009 – 14. März 2010 (verlängert bis 5. April 2010)
Ein ungewöhnliches Thema, das ungewöhnliche Zugänge erfordert, denn für die europäischen Juden waren die Berge in der Mitte des Kontinents von jeher Faszinosum, Heraus-forderung und Rätsel zugleich. Diese Verschwendung der Natur, diese Üppigkeit von Schönheit, Schroffheit und Ener-gie musste einen Sinn haben, den es zu entdecken galt. So begann eine wechselvolle Beziehungsgeschichte, die Ge-schichte einer oftmals enttäuschten Liebe. Die Ausstellung erzählt Geschichten von Menschen, Orten und Objekten, die der Besucher auf dieser Reise entdecken kann, assoziativ verbunden, quer durch die Zeit, mit überraschenden und irri-tierenden Bezügen. Die Geschichte der Juden im Alpenraum beginnt mit der Ausdehnung des Römischen Reiches – doch jüdische Gemeinden in den Alpentälern entstanden erst spät und blieben eine Seltenheit: Hohenems, Innsbruck und Meran, noch später kamen etwa Lugano oder Luzern hinzu oder das saisonale jüdische Leben in den Kurorten Grau-bündens und im Wallis. Die Ausstellung führt die Besucher auf eine Entdeckungsreise durch Zeit und Raum – von Hohenems aus nach Wien, von Wien bis in die Schweiz und schließlich nach Meran: eine Reise durch die Welten des jüdischen Alpinismus und die Erschließung der Berge für den internationalen Tourismus, eine Reise zu den intellek-tuellen Kindheiten und erwachsenen Träumen jenseits der Städte, durch die Widersprüche von Assimilation und Migra-tion, Verfolgung und Neubesinnung.
Die Ausstellung rückt die Bedeutung jüdischer Bergsteiger und Künstler, Tourismuspioniere und Intellektueller, For¬scher und Sammler und ihre Rolle bei der Entdeckung und Erschließung der Alpen als universelles Kultur- und Natur-erbe zum ersten Male ins Rampenlicht. Die Wahrnehmung der Berge als Ort geistiger und sinnlicher Erfahrung ist mit der jüdischen Erfahrung und dem Eintritt der Juden in die bürgerliche Gesellschaft Europas auf vielfältige Weise ver-bunden. Seit Moses, dem “ersten” Bergsteiger der Ge-schichte, haben Juden an der Schwelle von Himmel und Erde, von Natur und Geist nach spirituellen Erfahrungen und den Gesetzen und Grenzen der Vernunft gesucht. Die Aus-stellung behandelt in mehreren Kapiteln Spannungsfelder des Alpinismus. Die Themenkreise setzen sich unter ande-rem mit der Bedeutung der Alpen für die jüdische Diaspora bis zur Wahrnehmung des jüdischen Alpinismus durch die österreichische, deutsche und schweizerische Gesellschaft, mit dem Streit über die Trachten bis zur Arisie-rung des Alpenvereins und des Österreichischen Skiverbandes, mit dem Widerstreit zwischen der humanistischen Wahrnehmung alpiner Traditionen und Folklore und einer ins Extrem gesteigerten rassistischen Heimattümelei und mit der Verwandlung der Berge als Ort spiritueller Erfahrung in einen Schauplatz von Verfolgung und Flucht im Nationalsozialismus auseinander.
Eine Ausstellung des Jüdischen Museums Hohenems und des Jüdischen Museums Wien in Kooperation mit dem Österreichischen Alpenverein
Jüdisches Museum Hohenems: 26. April bis 15. November 2009
Alpines Museum München: April 2010 bis Februar 2011
Kuratoren: Hanno Loewy, Gerhard Milchram
Palais Eskeles
Dorotheergasse 11
1010 Wien






