Das Jüdische Museum Wien trauert um Leonard Cohen

Leonard Cohen ist tot und wir trauern. Der Mann mit der Stimme so tief wie souverän ist von nun an nur noch auf Tonträgern zu hören. Mitsamt seiner Stimme und seinen Liedern war er eine der Säulen unserer Ausstellung Stars of David. Der Sound des 20. Jahrhunderts, die bis zum 16. Oktober im Jüdischen Museum Wien zu sehen war. Gleich im Aufgang zur Ausstellung begrüßte uns der Text der ersten Strophe aus seinem Halleluja. Obwohl nichts zu hören war, gesellte sich die Melodie in Gedanken wie von selbst dazu:

Now I've heard there was a secret chord
That David played, and it pleased the Lord
But you don't really care for music, do you?
It goes like this
The fourth, the fifth
The minor fall, the major lift
The baffled king composing Hallelujah

Mit Leonard Cohens Tod ist uns das 20. Jahrhundert mitsamt seinem Sound noch ein Stück weiter abhanden gekommen. Cohen war bibelfest und in der Kabbala bewandert, er war auch sonst von einer unglaublichen Neugier auf die Welt und ihren Geist getrieben, erkundete den Buddhismus, die Liebe und den Humor. Seine Ironie ließ er bei seinen Konzerten immer wieder zwischen den Liedern aufblitzen. Seinen Hit There ain’t no cure for love kündigte er bei einem Auftritt in London mit den Worten an: „I have also studied deeply in the philosophies and the religions, but cheerfulness kept breaking through.”

Cohen war auch ein profunder politischer Künstler mit einem klaren demokratischen Auftrag. Die letzte Strophe seines Liedes Democracy klingt nach der US-Wahl vom 8. November tief- und abgründiger, und nicht zuletzt, ganz im Sinne Cohens, eben auch optimistischer denn je:

I'm sentimental, if you know what I mean
I love the country but I can't stand the scene.
And I'm neither left or right
I'm just staying home tonight,
getting lost in that hopeless little screen.
But I'm stubborn as those garbage bags
that time cannot decay,
I'm junk but I'm still holding up
this little wild bouquet:
Democracy is coming to the U.S.A.

Auch in Wien verewigte Leonard Cohen sich in politischer Hinsicht. 1976, vor genau 40 Jahren, besuchte er die besetzte Arena und gab nach einem Konzert in der Stadt hier noch ein weiteres. Mit seiner legendären Auszeichnung der Arena als „Best place in Vienna“ spendete er den BesetzerInnen ein unbezahlbares Quantum an Selbstbewusstsein, das den jungen WienerInnen half, die einst vibrierende Metropole aus ihrem versteinerten Grau zu befreien. Ein Grau, das die Ablagerungen des Faschismus, der Vertreibung und Ermordung der jüdischen Bevölkerung sowie des kleingeistigen ‚Wiederaufbaus‘ der Nachkriegszeit und das über allem liegende, selbstverordnete Schweigen versinnbildlichte.

20 Jahre später brachte Cohen mit Take this Walz ein Lied über Wien heraus. Das dem Werk zugrundeliegende Gedicht Pequeno Vals Vienes stammt vom spanischen Dichter Federico García Lorca, das dieser um 1930 in New York verfasst hatte.
Die Faszination für das morbide Wien hatte bei Cohen wieder Oberwasser gewonnen, in einer Art jedoch, die an Coolness auch in Zukunft schwer zu überbieten sein wird.

There’s a concert hall in Vienna
where your mouth had a thousand reviews.
There’s a bar where the boys have stopped talking,
they’ve been sentenced to death by the blues.
Ah, but who is it climbs to your picture
with a garland of freshly cut tears?
Ay, ay ay ay
Take this waltz, take this waltz,
take this waltz, it’s been dying for years.

Leonard Cohen, der Prophet aus der Vergangenheit des 20. Jahrhunderts ist tot. Aber wir hören seine Stimme. Sie lebt weiter.

 

Werner Hanak-Lettner