Sei stark und mutig! Jüdische Jugendbewegungen

Sei stark und mutig! Jüdische Jugendbewegungen

Die am Anfang des 20. Jahrhunderts entstandenen Jugendbewegungen waren Teil eines gesamtgesellschaftlichen Phänomens. Ursprünglich waren Gruppen wie die 1896 und 1906 gegründeten „Wandervögel“ und die „Pfadfinder“ zivilisationskritische Reaktionen auf Modernisierung und Urbanisierung. Mit der Zivilisationskritik war im Allgemeinen eine Romantisierung der Natur und einer „natürlichen“ Lebensweise verbunden.

Dies führte nicht selten zu einem deutschnationalen „Blut- und Bodenmythos“ und in letzter Konsequenz zum Ausschluss von Juden in vielen Gruppen. Jüdische Jugendbewegungen entwickelten daher eine „jüdische“ Gegenwelt, wobei aber wesentliche Elemente der Ideologien nichtjüdischer Jugendgruppen erhalten blieben. Wie das jüdische Leben in der Diaspora insgesamt, waren auch die jüdischen Jugendbewegungen politisch heterogen. Im zionistischen Umfeld war es zunächst der „Blau-Weiß“, der 1912 in Deutschland und Österreich entstand. Eine bürgerliche und zunächst unpolitische Wanderbewegung, die sich im Laufe der Zeit der „Chaluz“ (Pionier)-Idee anschloss. 1916 entstand aus der in Polen gegründeten Zierei Zion und der Shomer Bewegung in Wien der HaShomer HaZair. Eine linkssozialistische zionistische Bewegung, die vielen Jugendlichen aus eher ärmlichen Verhältnissen als „Zuhause“ diente. Während des Ersten Weltkrieges und nach den Wirren des Zusammenbruchs der k. u. k. - Monarchie war Wien mit Tausenden jüdischen Flüchtlingen aus Osteuropa konfrontiert. Die Entwurzelung, die materielle Armut und die feindselige Umwelt waren ein fruchtbarer Boden für Jugendliche sich zionistischen Gruppen anzuschließen.

Der Holocaust stellte einen fundamentalen Bruch im Leben der Jugendlichen dar. Jugendbewegungen beteiligten sich an allen Formen des Widerstands, waren aber hauptsächlich an der Organisation der Flucht nach Palästina beteiligt. Diese Ausstellung würdigt im Besonderen Aaron Menczer als eine der wichtigsten „Leitfiguren“ in Wien in der Zeit nach 1938. Jüdische Überlebende und Flüchtlinge nach 1945 in Europa waren entwurzelt und traumatisiert. In DP-Camps und Flüchtlingslagern entstanden 1945 wieder die ersten Jugendgruppen um den dort lebenden Jugendlichen Halt und Identität zu vermitteln und sie zur Auswanderung nach Palästina zu bewegen. Schon 1949 entstand wieder das erste „Ken“ (Nest) in Wien und langsam kam jüdisches Leben nach Österreich zurück. Die heute in Wien existierenden jüdischen Jugendbewegungen zeigen einerseits Kontinuität, andererseits die neue Identität von Jugendlichen in einer modernen Gesellschaft.

Kuratorin: Naomi Lassar