Ausstellungen 2001

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Sei stark und mutig! Jüdische Jugendbewegungen

7. März - 6. Mai 2001

Die am Anfang des 20. Jahrhunderts entstandenen Jugendbewegungen waren Teil eines gesamtgesellschaftlichen Phänomens. Ursprünglich waren Gruppen wie die 1896 und 1906 gegründeten „Wandervögel“ und die „Pfadfinder“ zivilisationskritische Reaktionen auf Modernisierung und Urbanisierung. Mit der Zivilisationskritik war im Allgemeinen eine Romantisierung der Natur und einer „natürlichen“ Lebensweise verbunden.
Dies führte nicht selten zu einem deutschnationalen „Blut- und Bodenmythos“ und in letzter Konsequenz zum Ausschluss von Juden in vielen Gruppen. Jüdische Jugendbewegungen entwickelten daher eine „jüdische“ Gegenwelt, wobei aber wesentliche Elemente der Ideologien nichtjüdischer Jugendgruppen erhalten blieben. Wie das jüdische Leben in der Diaspora insgesamt, waren auch die jüdischen Jugendbewegungen politisch heterogen. Im zionistischen Umfeld war es zunächst der „Blau-Weiß“, der 1912 in Deutschland und Österreich entstand. Eine bürgerliche und zunächst unpolitische Wanderbewegung, die sich im Laufe der Zeit der „Chaluz“ (Pionier)-Idee anschloss. 1916 entstand aus der in Polen gegründeten Zierei Zion und der Shomer Bewegung in Wien der HaShomer HaZair. Eine linkssozialistische zionistische Bewegung, die vielen Jugendlichen aus eher ärmlichen Verhältnissen als „Zuhause“ diente. Während des Ersten Weltkrieges und nach den Wirren des Zusammenbruchs der k. u. k. - Monarchie war Wien mit Tausenden jüdischen Flüchtlingen aus Osteuropa konfrontiert. Die Entwurzelung, die materielle Armut und die feindselige Umwelt waren ein fruchtbarer Boden für Jugendliche sich zionistischen Gruppen anzuschließen.
Der Holocaust stellte einen fundamentalen Bruch im Leben der Jugendlichen dar. Jugendbewegungen beteiligten sich an allen Formen des Widerstands, waren aber hauptsächlich an der Organisation der Flucht nach Palästina beteiligt. Diese Ausstellung würdigt im Besonderen Aaron Menczer als eine der wichtigsten „Leitfiguren“ in Wien in der Zeit nach 1938. Jüdische Überlebende und Flüchtlinge nach 1945 in Europa waren entwurzelt und traumatisiert. In DP-Camps und Flüchtlingslagern entstanden 1945 wieder die ersten Jugendgruppen um den dort lebenden Jugendlichen Halt und Identität zu vermitteln und sie zur Auswanderung nach Palästina zu bewegen. Schon 1949 entstand wieder das erste „Ken“ (Nest) in Wien und langsam kam jüdisches Leben nach Österreich zurück. Die heute in Wien existierenden jüdischen Jugendbewegungen zeigen einerseits Kontinuität, andererseits die neue Identität von Jugendlichen in einer modernen Gesellschaft.

Kuratorin: Naomi Lassar

Palais Eskeles
Dorotheergasse 11
1010 Wien

Auschwitz Poems. Eine Installation im Alten Stiegenhaus

30. März - 1. Juli 2001

Lily Brett ist, wie die meisten Kinder von Überlebenden der Schoa, außerhalb von Europa aufgewachsen, auf Kontinenten, wo ihre Familien versuchten, neue, im Sinne des jeweiligen Landes, ganz normale Leben zu führen. Bretts Gedichte, deren Sprache sich im Haushalt von Überlebenden inmitten der australischen Gesellschaft geformt hat, sind für Europa neu und fremd. Und nicht zufällig sind die 1986 in Australien auf Englisch verlegten, und 1987 mit dem Victorian Premier’s Literary Award ausgezeichneten Gedichte, erst in diesem Jahr auf deutsch erschienen. Mit diesen Gedichten tritt in Europa eine neue und ungewöhnliche Stimme in den Diskurs um die literarische Darstellung von Auschwitz ein, in der Adornos Gedanke von Lyrik nach Auschwitz als Barbarei inzwischen modifiziert, verteidigt, widerrufen, in jedem Fall aber noch immer mitklingt, sobald wir einen Titel wie Auschwitz Poems hören. Bretts Sprache ist direkt, spart mit Bildern, ist nüchtern und prosaisch, verschlüsselt nicht und gibt nichts zum Rätseln auf. Ein Grund für das Jüdische Museum Wien, die Gedichte von Lily Brett und die Bilder von David Rankin, die mit den Gedichten in ihrem rauen, naturalistischen Stil in Dialog treten, zum Thema einer Installation zu machen.
Die Installation
Eine Auswahl von dreizehn Gedichten und Bildern aus dem Band Auschwitz Poems bildet die Grundlage für eine Installation im alten Stiegenhaus, einem bisher unbetretenen Raum im Jüdischen Museum Wien. Die Installation besteht im wesentlichen aus zwei Teilen: Der erste Teil im oberen Stiegenbereich ist ein schwieriger und zugleich interessanter architektonischer Raum. Mit seinen hohen Wänden und dem von oben einfallenden Licht ist seine Stimmung der einer Galerie ähnlich. Hier sehen die BesucherInnen einige mit Siebdruck direkt an die Wand angebrachte Bilder von David Rankin und zwei Gedichte von Lily Brett. Das Museum als Ausstellungsraum ist hier noch erkennbar. Der zweite Teil verunsichert diese Erfahrung. An den Wänden finden sich kleine Monitore, die die Atmosphäre des Stiegenhauses als Durchhaus bzw. Fluchtweg verstärken. Wie in anderen Durchhäusern, beispielsweise U-Bahnpassagen, Kaufhäusern, Eingängen von Botschaften etc. übertragen die Monitore live Aufnahmen aus unterschiedlichen Abschnitten des Stiegenhauses. Die Besucher sehen sowohl Räume, die sie bereits betreten haben, als auch solche, die noch vor ihnen liegen, und schließlich auch jenen Raum, in dem sie sich gerade selbst befinden. Der Monitor bietet als Assoziationen sowohl Unsicherheit als auch Sicherheit.

Kurator: Werner Hanak

Palais Eskeles
Dorotheergasse 11
1010 Wien

Sie werden lachen! Die Welt des Karl Farkas

4. April - 1. Juli 2001

Vor nunmehr 30 Jahren ist eine der bedeutendsten Persönlichkeiten der österreichischen Kabarettgeschichte gestorben - Karl Farkas. Das Jüdische Museum Wien nimmt dies zum Anlass für eine umfassende Ausstellung zu Leben und Werk jenes Mannes, der als das ”Lachen des Jahrhunderts” bezeichnet wurde.
Der Sohn eines aus Ungarn zugewanderten jüdischen Schuhhändlers machte bereits in jungen Jahren Karriere. Nach seiner Wehrdienstzeit im Ersten Weltkrieg, die er hochdekoriert beendete, engagierte er sich mit großem Erfolg in der Wiener Theaterszene und wurde bald zum Star der Wiener Revueszene: Er gestaltete mit Marischka, Grünbaum, Benatzky, Katscher und anderen Revuen wie „Wien lacht wieder”, „O, du mein Österreich” oder die Operetten-Revue „Im weißen Rössl”. Daneben trat er in den verschiedensten Kabaretts auf, wobei er als „Blitzdichter” begann und mit seinem kongenialen Partner Fritz Grünbaum die legendären Doppelconférencen kreierte. Das Multitalent Farkas war auch im eben erst gegründeten Radio zu hören und engagierte sich beim Stummfilm und bei den ersten Tonfilmen. Der Zweite Weltkrieg und die Annexion Österreichs durch Nazideutschland bedeuteten auch in seinem Leben eine tiefe Zäsur. Er selbst konnte in die USA fliehen, sein legendärer Partner Fritz Grünbaum wurde, wie viele andere Unterhaltungskünstler jüdischer Herkunft, im KZ ermordet.
Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrte Farkas als einer der wenigen bedeutenden jüdischen Künstler nach Österreich zurück und startete neuerlich eine fulminante Karriere, die ihn bis zum heutigen Tage im Bewusstsein einer breiten Öffentlichkeit hielt, vor allem mit seinen legendären TV-„Bilanzen”. Darüber hinaus leitete er von 1950 bis 1971 das Kabarett Simpl. Weniger bekannt ist, dass Farkas auch die Drehbücher zu 23 Nachkriegsfilmen beisteuerte.
Die Ausstellung bietet einen dokumentarischen Querschnitt aus allen Zeiten und allen Bereichen des Schaffens dieser interessanten Persönlichkeit. Dabei werden auch viele wenig bekannte Details aus seinem privaten Leben präsentiert, das Farkas weitgehend von der Öffentlichkeit fernhielt. Briefe, Dokumente, hunderte Fotografien, Programmhefte, Kinoplakate und vieles andere mehr bieten ein eindrucksvolles Bild dieses bewegten Lebens. Besonders attraktiv sind die Ton- und Videodokumente, die in der Ausstellung zu sehen sein werden. In einem eigenen Videoraum wird bisher nur Insidern bekanntes Material aus frühen Filmen mit Karl Farkas sowie ein Querschnitt aus den besten Sketches der TV-„Bilanzen” geboten.

Kuratoren: Alfred Stalzer, Marcus G. Patka

Palais Eskeles
Dorotheergasse 11
1010 Wien

Reise an kein Ende der Welt. Judaica aus der Gross Family Collection

23. Mai - 23. September 2001

Die umfassende kulturgeschichtliche Ausstellung, die sich mit den unterschiedlichen Formen jüdischen Kultur- und Geisteslebens in der Diaspora auseinandersetzt, versammelt Judaica-Objekte aus Gemeinden aus (beinahe) der ganzen jüdischen Welt unterschiedlichster Entstehungszeit und setzt diese durch Gegenwartsfotografien von den Herkunftsorten in ihren jeweiligen lokalen Kontext.
Der Judaica-Sammler William L. Gross war beim Aufbau seiner Sammlung bemüht, diese als eine global-jüdische anzulegen, um die prinzipielle Einheit jüdischer Religion und Tradition gerade durch die Vielfalt zu demonstrieren. Insofern handelt es sich um eine idealtypische Sammlung für die Ausstellung „Reise an kein Ende der Welt“, die 33 Orte jüdischen Lebens von Frankfurt bis nach Cochin, von Wien bis nach Aleppo und von Wilna bis nach Djerba zeigt. Die Orte werden repräsentiert durch jeweils einige wenige Judaica-Objekte und hebräische Handschriften, die wohl typisch für den kulturellen Kontext ihrer Entstehungsumgebung, doch auch immer typisch für ihren traditionell jüdischen Kontext sind. So steht mit den rund 130 ausgewählten Objekten die Schnittstelle zwischen jüdischer Kultur und Umgebungskultur im Vordergrund. Jedem Ort ist ein einschlägiges literar-historisches Reisezeugnis beigegeben. Diese Zeugnisse reichen vom Mittelalter bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts, denn so orts-ungebunden jüdische Tradition ist, so unabhängig ist sie auch von der Zeit. Da die „Reise an kein Ende der Welt“ nicht in der geschichtlichen Vergangenheit erstarren soll, bildet die Basis jedes Ortes ein gegenwärtiges Foto jüdischen Lebens an diesem Ort. Damit wird eine Brücke geschlagen zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Nicht-mehr-Vorhandenem und Noch- oder Wieder-Vorhandenem. Weiters soll durch diesen Brückenschlag verdeutlicht werden, dass die Judaica-Objekte nicht Relikte eines vergangenen jüdisch-religiösen Kultes sind, sondern selbstverständliche Bestandteile auch heutigen jüdischen Lebens.

Kuratorin: Felicitas Heimann-Jelinek

Palais Eskeles
Dorotheergasse 11
1010 Wien

Kladovo. Eine Flucht nach Palästina

8. Juli - 4. November 2001

Unter dem Titel „Kladovo - Eine Flucht nach Palästina“ wird das Schicksal einer Gruppe jüdischer Flüchtlinge gezeigt, die unter besonders dramatischen Umständen stattfand: Im Dezember 1939 verließ ein Schiff mit über 1000 Flüchtlingen an Bord den Hafen von Bratislava. Zum Großteil waren sie per Bahn aus Wien gekommen. Nach zweiwöchiger Odyssee auf der Donau erreichte die Gruppe den serbischen Ort Kladovo. Alle Bemühungen um eine Weiterreise scheiterten zunächst am strengen Winter, der den Fluss zufrieren ließ, dann aber an finanziellen, organisatorischen und vor allem behördlichen Schwierigkeiten. Nur etwa 200 Jugendlichen gelang wenige Tage vor dem Nazi-Überfall auf Jugoslawien im April 1941 doch noch die Flucht nach Palästina. Die anderen wurden fast ausnahmslos von - mehrheitlich in Österreich rekrutierten - Wehrmachtseinheiten ermordet. (ist nicht ganz sicher und aus den Quellen nicht zu belegen; spricht aber vieles dafür) Ehud Nahir zählte zu den Überlebenden. Er stellte hunderte Fotos, die den Weg in die Lager von Kladovo und Šabac dokumentieren, zu dem Album zusammen, das den Ausgangspunkt für die Ausstellung bildet. Hinzu kommen Originaldokumente und ein Film von Alisa Douer, in dem der Lebensweg von Überlebenden des Kladovo-Transportes nachgezeichnet wird.

KuratorInnen: Alisa Douer, Reinhard Geir

Palais Eskeles
Dorotheergasse 11
1010 Wien

Walls of Paradix. Rauminstallation von Rivka Potchebutzky

30. September - 28. Oktober 2001 (verlängert bis 9. November 2001)

Das siebentägige Laubhüttenfest (Sukkot), das heuer mit dem 2./3. Oktober beginnt, wird vom Jüdischen Museum Wien mit der Rauminstallation „Walls of Paradix“ der israelischen Künstlerin Rivka Potchebutzky gewürdigt.
WALLS OF PARADIX“ ist eine begehbare Rauminstallation mit den Maßen 6 x 2 x 2 m. Im Kunstwort PARADIX stecken Assoziationen an Paradies und radix (Wurzel), aber auch an Paradox und Parade. Der hebräische Untertitel der Installation bedeutet „ähnlich, aber nicht identisch“. Die „Walls of Paradix“ sind inspiriert von den Laubhütten, den temporären Behausungen während der Dauer des Sukkotfestes, die ihrerseits die vierzigjährige Wüstenwanderung des Volkes Israel ins Gedächtnis rufen. Potchebutzkys Thema ist der Antagonismus von Flüchtigkeit und Beständigkeit. Stationen der eigenen wie der Familiengeschichte werden reflektiert. Die Familien der Eltern stammen aus Polen und die Künstlerin ist mit der Fluchtgeschichte ihrer Mutter aufgewachsen - über Sibirien und Paris nach Israel, wo Rivka Potchebutzky an der Kunstakademie Bezalel in Jerusalem als Malerin (1976-1980) ausgebildet wurde. Die Installation erinnert an eine Vergangenheit, die goldener und paradiesischer scheint, als sie tatsächlich war. Sie fragt nach Wurzeln, einer Heimat und dem verlassenen Paradies, nach gesicherten Fundamenten für das eigene, flüchtige Leben. Das durch den Großvater vermittelte und von Kindheit an vertraute Laubhütten-Ritual wird von der Künstlerin dahingehend befragt, als sie die eigene Existenz durch die neueren politischen Unruhen in Israel in Frage gestellt sieht. „Walls of Paradix“ ist die künstlerische Auseinandersetzung mit den Träumen und Geschichten eines Kindes und der Selbstfindung einer Erwachsenen. Benutzt werden dafür unspektakuläre, traditionelle Materialien, Papier und Holz, die genauso einfach und traditionell verarbeitet werden, durch Flechten und Weben, Stecken und Zapfen. Anders als traditionelle Laubhütten ist Potchebutzkys „Sukka“ geisterhaft weiß. Zu Gast in ihr ist schemenhaft auch die Familie aus Polen. Auf dem einzigen Foto, das vom Haus der Familie in Polen überkommen ist, ist diese vor der Ziegelei des Großvaters zu sehen. Das Bild ist nicht besonders schön oder eindrucksvoll, doch es vermag den Besucher daran zu erinnern, dass diejenigen, die dort zuversichtlich vor der Ziegelfabrik stehen, einem Symbol für Stabilität und Solidität, bald darauf vertrieben und zerstreut werden sollten.

Kurator: Heinz Thiel

Palais Eskeles
Dorotheergasse 11
1010 Wien

Im Nacken das Sternemeer. Ludwig Meidner. Ein deutscher Expressionist

5. Oktober 2001 - 20. Jänner 2002

Der Maler und Grafiker Meidner (1884 - 1966) zählt zu den bedeutenden Vertretern des deutschen Expressionismus. In Österreich ist der Zeitgenosse Kokoschkas und Oppenheimers kaum bekannt. Hierzulande war es den Nationalsozialisten vorbehalten, Meidner im Rahmen der Gräuel- und Propagandaausstellung „Entartete Kunst” prominent zu präsentieren. Das dennoch u.a. gezeigte „Selbstbildnis“ (um 1912) ist auch heute Teil der Ausstellung. Der Sohn einer jüdischen Kaufmannsfamilie aus Schlesien fühlte bereits in jungen Jahren die Berufung zur Malerei in sich. Erstmals der Öffentlichkeit präsentierte sich Meidner in der Berliner Galerie „Der Sturm” von Herwarth Walden, wo er 1912 ausstellte.
Die von Futurismus und Kubismus geprägten Arbeiten aus seiner expressionistischen Zeit zwischen 1912 und 1916 gelten als seine wichtigsten. Gemeinsam mit Jakob Steinhardt und Richard Janthur gründete Meidner 1912 die Künstlergruppe „Die Pathetiker”. Damals erregte Meidner das Interesse der „Brücke”-Maler. Mit Ernst Ludwig Kirchner, Erich Heckel und Otto Mueller entstand ein reger Kontakt. Den Italiener Amedeo Modigliani hatte Meidner schon 1906/07 in Paris während eines Studienaufenthalts kennen gelernt. Diese Eindrücke aus Paris und seine ersten Jahre in Berlin finden in den Bildern seiner expressionistischen Zeit ihren Niederschlag: Bilder apokalyptischer Landschaften und zerstörter Städte spiegeln die düstere Vorahnung einer untergehenden Gesellschaft wider. „Im Nacken das Sternemeer” verarbeitet diesen Weltsinn und die explosive Stimmung auch literarisch.
1922 brach Meidner mit seinen bisherigen politischen Idealen, suchte Trost in der Bibel. Naturalistische Darstellungen treten immer stärker in den Vordergrund, begleitet von einer Rückkehr zum Glauben, die eine Hinwendung zu Themen jüdischer und christlicher Mystik mit sich bringt. Die Nazis zwangen den Künstler in die Emigration. 1939 flüchtete er mit seiner Familie; nach bitteren Jahren des Exils in England kehrte Meidner in seine „Heimat“ Deutschland zurück, wo er 1966 in Darmstadt starb.
Im Mittelpunkt der Retrospektive im Jüdischen Museum Wien stehen neben wichtigen Ölbildern aus seiner expressionistischen Phase zahlreiche grafische Arbeiten, u.a. Städteansichten und Innenansichten aus der Berliner Metropolis, daneben weitere Arbeiten aus der Periode der Hinwendung zu religiösen Themen sowie ein repräsentativer Querschnitt aus seinem „neuen“ Schaffen.

Kurator: Tobias G. Natter

Palais Eskeles
Dorotheergasse 11
1010 Wien

Displaced. Paul Celan in Wien 1947/1948

14. November 2001 - 24. Februar 2002

Die Dokumentation „Displaced - Paul Celan in Wien 1947/48” setzt sich mit einem wichtigen Lebensabschnitt eines der bedeutendsten Vertreter der deutschsprachigen Literatur der Nachkriegszeit auseinander. Celan kam am 17. Dezember 1947 als Flüchtling aus Bukarest zu Fuß nach Wien. Sein bürgerlicher Name war Paul Antschel, als Paul Celan sollte er mit seinem Gedicht „Todesfuge“ das unaussprechliche Grauen der Judenvernichtung in lyrische Worte fassen und dadurch weltberühmt werden. Die Ausstellung widmet sich seinem künstlerischen Umfeld in diesem bislang kaum erforschten Lebensabschnitt von sechs Monaten und zeigt damit auch ein vielfach verdrängtes Stück österreichischer Kulturgeschichte der unmittelbaren Nachkriegszeit.
Der Wiener Aufenthalt hinterließ auch Spuren in Celans Werk: einige Gedichte entstanden in der Wiener Zeit, fast alle sind direkt oder indirekt den neuen Freunden gewidmet. In seiner „Bremer Rede“ 1958 zog Celan Resümee: „Das Erreichbare, fern genug, das zu Erreichende hieß Wien. Sie wissen, wie es dann durch die Jahre um diese Erreichbarkeit bestellt war. Erreichbar, nah und unverloren blieb inmitten der Verluste dies eine: die Sprache.“ Die Ausstellung widmet sich Paul Celan und dem Wien, das er in dieser halbjährigen, bislang kaum erforschten Lebens- und Schaffensperiode erlebte. Mit Fotos, Büchern, Bildern und bibliophilen Raritäten aus Privatbesitz ersteht das kulturelle und politische Panorama einer zerrissenen Zeit in einer Stadt, die dem heimatlosen Dichter keine dauerhafte Bleibe bieten konnte. Auch sein Umfeld zerstreute sich: Der „Plan“ musste schon 1948 Konkurs anmelden, Edgar Jené und Ingeborg Bachmann verließen Wien, die Agathon Galerie wurde 1951 geschlossen, da ihrem Betreiber die Veruntreuung des Vermögens des Vorbesitzers des Geschäftslokals am Opernring 19 vorgeworfen wurde - hierbei handelte es sich um Heinrich Hoffmann, Hitlers Leibfotograf. Den Abschluss der Ausstellung bilden einige Grafiken von Gisèle Celan-Lestrange, die zuletzt 1976 in Wien ausgestellt wurden, sowie die Auseinandersetzung zweier österreichischer Künstler mit der „Todesfuge“: die filmische Adaptierung von Adolf Opel sowie der Grafik-Zyklus von Rainer Wölzl.

Kuratoren: Peter Goßens, Marcus G. Patka

Palais Eskeles
Dorotheergasse 11
1010 Wien

Projekt Mahnmal Riga

9. November 2001 - 3. März 2002

Nach dem Einmarsch der deutschen Truppen im Baltikum im Jahre 1941 wurden in Riga ein Ghetto und in der Umgebung verschiedene Arbeitslager eingerichtet. Von den im Zeitraum Dezember 1941 bis Februar 1942 rund 4.000 österreichischen Juden - Männer, Frauen und Kinder -, die nach Riga deportiert wurden, kamen die meisten in das Ghetto oder mussten im Lager Salaspils Zwangsarbeit leisten. Viele von ihnen wurden im nahe gelegenen Bikernieki-Wald erschossen. Von den insgesamt 20.000 aus dem Deutschen Reich nach Riga deportierten Juden überlebten nur 800 Personen die Selektionen, das Ghetto und die verschiedenen Konzentrationslager, unter ihnen rund 100 Österreicher.
Auf Initiative von Ing. Erich Herzl wurde 1993 der Verein „Initiative Riga“ gegründet. Die Mitglieder des Vereines waren wie Herzl Hinterbliebene oder Freunde von nach Riga Deportierten, die sich das Ziel setzten, für die Opfer des nationalsozialistischen Massenmordes in Riga ein würdiges Mahnmal zu errichten. Schließlich gelang es dem Verein mit organisatorischer Hilfe des Österreichischen Schwarzen Kreuzes die nötige Unterstützung für die Errichtung des Mahnmals zu erreichen: Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, 16 deutsche Städte, aus denen Juden nach Riga deportiert wurden, und auch die Stadt Wien trugen zur Errichtung der Gedenkstätte im Bikernieki-Wald in Riga bei, die nach den Plänen des lettischen Architekten Sergej Rysh verwirklicht wurde. Anliegen von Rysh war es, für jedes Opfer der zehntausenden österreichischen, deutschen und tschechischen Juden, für die russischen Kriegsgefangenen, die ermordeten Antifaschisten und die Euthanasieopfer ein namenloses Grabmahl zu schaffen. Steine wurden auf die Anlage gesetzt, die erkennen lassen, dass der gesamte Ort ein einziger Hinrichtungsplatz war. Die Steine stehen dicht beieinander, so wie die Menschen bei ihrer Ermordung. Im Zentrum der Anlage steht eine Art Kapelle mit einem Gedenkstein, die einen Ort für das Gedenken an die Toten bildet. Am 30. November wird die gesamte Anlage eingeweiht und der Öffentlichkeit übergeben werden.

Kuratoren: Erich Herzl, Gerhard Milchram

Museum Judenplatz
Judenplatz 8
1010 Wien