Die Sammlung IKG

Die weitaus größte Sammlung des Jüdischen Museums Wien ist die der Israelitischen Kultusgemeinde, die ihren Bestand 1992 dem Museum als Dauerleihgabe übergeben hat. Dabei handelt es sich allerdings nur zu einem Teil um eine Sammlung im klassisch musealen Sinne, nämlich um den Restbestand des weltweit ersten Jüdischen Museums, das 1895 in Wien gegründet worden war. Als es 1938 von der Gestapo beschlagnahmt wurde, wies sein Inventar 6474 Objekte auf, die ins Völkerkundemuseum und in andere Wiener Institutionen überführt wurden. Zu Beginn der 1950er Jahre wurde der Großteil der Bestände an die IKG Wien restituiert, etliches aber auch erst in den 1990er Jahren. Heute können wir 3517 Objekte des ersten Museums in unseren Beständen identifizieren.

Der zweite Teil des IKG-Bestandes ist eher als Einsammlung denn als Sammlung zu verstehen. Es handelt sich dabei um Kultobjekte, die in den ehemals zahlreichen Wiener Synagogen und Bethäusern sowie in jüdischen Gemeinden der Bundesländer in Verwendung standen, aus der sie 1938 buchstäblich herausgerissen wurden. Sie sind daher nicht nur Zeugen der glanzvollen Geschichte des österreichischen Judentums, sondern, indem sie heute in einen musealen Zusammenhang gezwungen sind, auch Zeugen ihrer Vernichtung. Auch viele Privatpersonen gaben liturgische Objekte wie auch persönliche Memorabilien vor ihrer Deportation in der Kultusgemeinde ab. Dieser Bestand gemahnt daran, was diese Objekte jenseits aller Ästhetik und jenseits aller historischen Sensation auch sind: Dokumente von Zerstörung und Entmenschung.

 

Stumme Zeugen einer geraubten Sammlung


Vor 120 Jahren, am 24. 2. 1893 entstand die Sammlung des ersten jüdischen Museum der Welt. Das erste Objekt fehlt, wie die Hälfte der Sammlung.

Vor genau 120 Jahren erfolgte die erste Inventarisierung eines Objektes in einem jüdischen Museum. Das erste Wiener Jüdische Museum – es war gleichzeitig das erste jüdische Museum weltweit – verzeichnete mit 24. Februar 1893 die Schenkung des Buches „Die alten jüdischen Heiligtümer, Gottesdienste und Gewohnheiten“ von Johannes Lundius, gedruckt am Beginn des 18. Jahrhunderts. Der Stifter war der Arzt Emanuel Kolisch, der am Ende desselben Jahres verstarb. Dieses Objekt, das am Beginn der Idee „Jüdische Museen“ steht, die heute in zahlreichen Ländern integrativer Bestandteil der Kunst- und Kulturlandschaft ist, gilt bis heute als vermisst.

Das Objekt fehlt, so wie mehr als die Hälfte der Objekte dieses ersten Jüdischen Museums*. Das Museum wurde im März 1938 von den Nationalsozialisten geschlossen, seine Sammlung von der Gestapo beschlagnahmt. Teile der Sammlung wurden vom Museum für Völkerkunde, der Österreichischen Nationalbibliothek, dem Naturhistorischen Museum und anderen Institutionen einverleibt. Dieses Raubgut ist zwischen 1949 und den 1990er Jahren an die Israelitische Kultusgemeinde (IKG) als Rechtsnachfolgerin restituiert worden. Die restlichen Objekte bleiben verschollen, nur einzelne Objekte konnten am Kunst- und Antiquitätenmarkt wieder identifiziert werden.


Das Jüdische Museum Wien, vor 25 Jahren neu gegründet, betreibt umfangreiche Provenienzforschung innerhalb seiner eigenen Sammlungen. Bezüglich der Sammlung des alten Jüdischen Museums, die das Jüdische Museum Wien als Dauerleihgabe von der IKG Wien überantwortet bekam, ist es zudem auf mühevoller Suche nach Objekten, die einen Stempel oder ein Etikett des alten jüdischen Museums tragen. Das Museum ersucht anlässlich des 120jährigen Jubiläums der ersten Schenkung sowohl Institutionen als auch private SammlerInnen innerhalb und außerhalb Österreichs, ihre Bestände auf Provenienzmerkmale zu untersuchen. Mehr zu den Provenienzmerkmalen des ersten Jüdischen Museums finden Sie hier.

Das Jüdische Museum Wien begeht im November 2013 die 25jährige Gründung seiner Gesellschaft und die Eröffnung seiner Tore im Palais Eskeles in der Dorotheergasse vor 20 Jahren am 18. November 1993. Das 120jährige Gründungsjubiläum des ersten Jüdischen Museums, das 1938 geschlossen und zerstört wurde, dessen Mitarbeiter und Besucher vertrieben und ermordet wurden, bietet dahingegen jedoch keinen ungebrochenen Grund zu feiern. Das Jubiläum ist vielmehr ein Auftrag, die Anstrengungen zu intensivieren, die einst zusammengetragenen und verschwundenen Objekte wieder zu lokalisieren.

Das Jüdische Museum Wien ersucht Sie um ihre aktive Mithilfe bei der Provenienzforschung. Auch bei der Suche nach dem Fehlbestand aus dem alten Jüdischen Museum ist die Unterstützung von öffentlichen und privaten Sammlungen sowie des Kunsthandels nötig. Beispiele für Provenienzmerkmale, die darauf schließen lassen, dass ein Objekt aus dem alten Jüdischen Museum stammt, finden Sie in dieser Galerie.

*Das Eingangsbuch zählt 5.400 Eintragungen, jedoch finden sich unter zahlreichen Eintragungen immer wieder mehrere Objekte. Auf der Liste, die Museumkurator Jakob Bronner 1938 für die Gestapo abfassen musste, sind 6.474 Objekte genannt, wobei diese Liste keine Einzelaufstellung bietet.