Intervention VALIE EXPORT

Donnerstag, 24. April
Geg. ½ 11h fahre z. Lucie, die ich am Rabensteig treffe.
Ilse Mezei, 1941

VALIE EXPORT interveniert im Schaudepot und Archiv des Jüdischen Museums Wien. Ausgehend von Objekten und Dokumenten aus den Sammlungen des Museums gestaltet EXPORT als temporäre Kuratorin eine Vitrine des Schaudepots, das im Museum am deutlichsten die Tätigkeit des Sammelns und Erinnerns sicht- und erfahrbar macht. Das Schaudepot bietet den Besucherinnen und Besuchern einen Einblick in die umfangreichen, vielschichtigen Sammlungen des Museums und deren unterschiedliche Entstehungsgeschichten. Hier werden Vergangenheit und Gegenwart der jüdischen Geschichte Wiens durch die ausgestellten Objekte ebenso vermittelt wie die Geschichte des Museums selbst. VALIE EXPORTs Intervention tritt in Dialog mit der bestehenden permanenten Ausstellung und ermöglicht es, die Objekte und ihre Geschichten aus einer neuen Perspektive zu betrachten.      

Als Thema ihrer Intervention hat EXPORT Kindheit gewählt und damit einen Fokus auf eine ganz spezifische Gruppe von historischen Akteurinnen und Akteuren gesetzt, die in Verbindung mit den Museumsobjekten stehen. Das Museum erzählt, wie etwa in der Dauerausstellung „Unsere Stadt! Jüdisches Wien bis heute“, immer wieder die Geschichten von Kindern und Jugendlichen, deren materielle Zeugnisse sich in den Sammlungen befinden. EXPORTs Intervention schöpft aus dem vielfältigen Schatz der Sammlungen, die, wie so oft in Museen, auf Grund ihres beträchtlichen Umfanges nie in ihrer Ganzheit präsentiert werden können. Durch EXPORTs Auswahl werden Kindheitsgeschichten erlebbar, die zuvor in Form von Objekten in den Depots „schlummerten“. Bei manchen dieser Objekte sind ihre Besitzerinnen bzw. Autorinnen bekannt: Ilse Mezeis Tagebuch, aus dem auch der Titel von EXPORTs Intervention stammt, bietet einen ganz konkreten Einblick in das Leben Ilses und anderer Jüdinnen und Juden während des Zweiten Weltkriegs und der Schoa in Wien. Das Poesiealbum Elfriede Balsams erinnert an diese lange und vielen Besucherinnen und Besuchern sicherlich vertraute Tradition der Freundschaftsbekundung, gibt aber keine nähere Auskunft über Elfriede. Andere Objekte lassen gar keinen Aufschluss auf ihre ehemaligen Besitzerinnen und Besitzer zu, zeugen aber durch ihre ursprünglichen Funktionen als Spielzeug, Glücksbringer und Informationsblätter vom Leben jüdischer Kinder zu unterschiedlichen Zeiten. In Dialog zu diesen musealen Objekten tritt eine Zeichnung VALIE EXPORTs aus dem Jahre 1973 mit dem Titel „Kind vor Spiegel/Kiste“.

Ob personalisiert oder abstrakt – all die ausgestellten Objekte veranschaulichen, wie Identität in der Kindheit geprägt wird und was die Lebenszeit überdauert. Sie verweisen aber auch auf die Identität des Ortes, an dem sie aufbewahrt und präsentiert werden: Das Schaudepot ist für VALIE EXPORTs Intervention zum Thema der Kindheit als identitätsstiftende Lebensphase der ideale Ort, denn es sind die Sammlungen und ihre Objekte, welche die Identität eines Museums formen.

Foto © JMW / Sebastian Gansrigler