Manès Sperber. Die Analyse der Tyrannis

Manès Sperber. Die Analyse der Tyrannis

Mit dieser Ausstellung wird ein bedeutender Autor gewürdigt, dessen Geburtstag sich am 12. Dezember 2005 zum 100. Mal jährte. Schoa und Widerstand gegen den Nationalsozialismus, Marxismus, Anti-Stalinismus, die Auseinandersetzung mit dem Unterbewussten - die großen geistigen Herausforderungen des 20. Jahrhunderts stehen im Mittelpunkt des seines Werks.

In seiner dreiteiligen Autobiografie „All das Vergangene“ und seinem opus magnum, der Romantrilogie „Wie eine Träne im Ozean“, legt er Rechenschaft ab über seinen Lebensweg zwischen den zuvor genannten Antipoden. Scharfsinnige Essays zur Psychologie des Zeitgeschehens prägen sein Werk. Als seine wichtigste Schrift bezeichnet Sperber die 1938 verfasste Studie „Zur Analyse der Tyrannis“, die Nationalsozialismus und Stalinismus gleichermaßen demaskiert. Im Kalten Krieg tritt Sperber vielfach als Mahner und moralisches Gewissen auf und gehört zu den bedeutendsten Intellektuellen europäischen Formats. Seine Analysen über den Kalten Krieg und für die Verteidigung der Demokratie sind legendär.

1905 im ostgalizischen, von chassidischer Tradition geprägten Stetl Zablotow (heute Ukraine) geboren, flüchtet die Familie Sperber 1916 vor dem Ersten Weltkrieg nach Wien. Hier schließt sich der jugendliche Sperber der zionistischen Jugendbewegung Haschomer Hazair an und wird schon in jungen Jahren zum Lieblingsschüler von Alfred Adler, dem Begründer der Individualpsychologie. 1927 geht er nach Berlin und tritt der Kommunistischen Partei Deutschlands bei, was in der Folge zum Bruch mit Adler führt. Im März 1933 in Berlin verhaftet und bald darauf aus Deutschland ausgewiesen, flieht er über Prag, Wien und Süddalmatien nach Paris, wo er im Kreis des literarischen Widerstands um Anna Seghers und Egon Erwin Kisch aktiv wird. In Paris lernt er auch André Malraux kennen, der bis an sein Lebensende zu einem seiner engsten Vertrauten zählt. Den Bruch mit dem Kommunismus vollzieht Sperber 1937 kurz nach dem gleichen Schritt seines engen Freundes Arthur Koestler. Durch den Eintritt in die französische Fremdenlegion 1939 entgeht Sperber der Verhaftung als „feindlicher Ausländer“, 1942 gelingt die Flucht in die Schweiz. Nach dem Krieg gibt er im Auftrag von André Malraux in Mainz die Zeitschrift „Die Umschau“ heraus, bald finden sich beim Rundfunk und im Verlag Calmann-Lévy neue Betätigungsfelder. 1950 gehört Sperber zusammen mit Arthur Koestler zu den Mitinitiatoren des „Kongresses für kulturelle Freiheit“ in Berlin, der sich gegen totalitäres Denken wendet und in anderen Städten fortgesetzt wird. Mit zahlreichen Preisen geehrt, zieht es ihn immer wieder nach Wien, das ihm aus der Ferne geistige Heimat bleibt.

Die Ausstellung präsentiert Dokumente aus dem Nachlass (Österreichisches Literaturarchiv der ÖNB; Dan Sperber, Paris) und aus entsprechenden Sammlungen in Frankreich, Deutschland, Israel und Kroatien. Hinzu kommt ein audiovisueller Bereich, der nicht zuletzt auch eine vergangene TV-Ästhetik erstehen lässt. In Zusammenarbeit mit der Österreichischen Nationalbibliothek. KuratorInnen: Marcus G. Patka, Mirjana Stancic