Vienna and the world | 04. Februar 2021

Cycling in Shanghai

by Hannah Landsmann
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Sehr geehrte gnädige Frau, wie geht es Ihnen – allein in der Ausstellung über die Wiener in China? Ich bin richtig froh, dass das Museum ab dem 8. Februar wieder offen sein wird! Mir war schon richtig fad. …
Liebe Victoria Blitz, vielen Dank, dass Sie sich wieder melden, ich hatte schon gefürchtet, Sie würden finden, dass eine Konversation zwischen Fahrrad und Rikscha keinen Sinn macht? Fad ist mir auch. Aber ich hätte es schlechter treffen können. Ich habe die Corona bedingte Schließung des Museums so richtig ausgenutzt.
 
Foto © JMW
 
Wie meinen Sie das?
 
Nun, ich bin in der Ausstellung herumgefahren! Was dachten Sie denn?
 
Da haben Sie es etwas besser getroffen als ich, denn ich hänge unter der Glaskonstruktion und bin gut fixiert, damit ich nicht abstürze. Ich sehe zwar den Himmel, aber ich kann nicht herumfahren.
 
Dann erzähle ich Ihnen von Shanghai?
 
Oh, ja...
 
In Shanghai fuhr man nicht nur Rikscha, sondern natürlich auch mit Fahrrädern. Vielleicht gab es auch eine Victoria Blitz in Shanghai?
 
Nein?
 
Warum nicht? Die Räder in Shanghai hatten Nummernschilder und es gab eigene Parkplätze.
 
Sehr vernünftig!
 
Foto © JMW
 
Allerdings. In der Ausstellung ist ein Fahrrad-Führerschein aus dem Jahr 1944 zu sehen. Da steht zum Beispiel, dass nur eine Person damit fahren darf. Schachteln oder Kisten dürfen nicht damit transportiert werden. Das Fahrrad hat eine Nummer, wie ein Kennzeichen, und man darf das private Fahrrad nicht in der Farbe anmalen, die die Mieträder haben. In der Nacht braucht es vorne ein helles weißes Licht und hinten ein rotes.
 
Geh bitte…
 
Ja, ja und das Ganze kostete 35 Dollar beim ersten Mal und jede Verlängerung für nur ein halbes Jahr fünf Dollar. Sechs Dollar musste man für das Nummernschild bezahlen und dieser Führerschein war immer gemeinsam mit dem Meldezettel vorzuweisen.
 
Nein?!
 
Ja. Und im Übrigen darf man das Rad nicht für Werbung oder schriftliche Propaganda benutzen.
 
Na, wenn sonst nichts ist…
 
Alles in allem 18 Punkte, die man beachten muss.
 
Ich frage mich gerade, ob Theodor Herzl auch so einen Führerschein hatte? Ich glaube nicht.
 
Wer weiß. Nichts ist unmöglich.
 
Aber wie ist es möglich, dass das Museum einen Fahrradführerschein ausstellen kann?
 
Gute Frage. Dieses Dokument gehörte Hans Jabloner, dessen Frau Jutta Jabloner dem Museum viele Dokumente, Fotos und andere Objekte für die Ausstellung geborgt hat. Jutta und Hans haben in Shanghai geheiratet. Die chinesische Eheurkunde ist ebenfalls in der Ausstellung. Und es sind Enten darauf abgebildet.
 
Enten?
 
Es handelt sich um Mandarinenten. Die einzige Entenart, die monogam lebt. Ein besseres Glückstier für einen Ehevertrag gibt es eigentlich gar nicht, oder?
 
Was haben die Jabloners in Shanghai gemacht? Außer Heiraten und Radfahren.
 
Foto © JMW
 
Hans Jabloner hatte in seinem Exil ein Lokal aufgemacht, das „Fiaker“.
 
Wienerischer geht es eigentlich nicht mehr.
 
Doch, denn man servierte hier die beste Sachertorte außerhalb von Wien.
 
Wirklich? Die Wiener in China waren ganz schön erfinderisch.
 
Unbedingt. Es gab nicht nur das „Fiaker“. In „Little Vienna“, das nur einige Straßenzüge in Hongkew umfasste, gab es Cafés, Restaurants, aber auch Schneidereien oder Knopfgeschäfte, die mit Wiener Qualität geworben haben.
 
Die Wiener haben sich ihr Wien nach Shanghai geholt. Oder wenigstens ein Gefühl davon. Oder den Geschmack.
 
Von Sachertorte. Sehr schade, dass Hans auf seinem Fahrrad keine Werbung anbringen durfte …
 
Foto © JMW
 
(Anm. d. Verf.: Vielen Dank für die Inspiration zu diesem Text durch ein auf Social Media geteiltes Foto des Fahrradführerscheins in der Ausstellung.)
 
Titelbild © Rahel Engelberg / Ouriel Morgensztern