Zähler / Nenner. Beate Passow

Zähler / Nenner. Beate Passow

„Ich trage auf meinem linken Unterarm die Auschwitz-Nummer ... Wenn ich mir und der Welt sage: ich bin Jude, dann meine ich damit die in der Auschwitz-Nummer zusammengefassten Wirklichkeiten und Möglichkeiten.“ So brachte Jean Améry die unauslöschliche Wirkung, die Nazi-Folter und Auschwitz auf seine weitere Existenz gehabt haben, auf einen Nenner. Die Gesamtzahl der in Auschwitz und seinen Nebenlagern Ermordeten wird auf 1,1 bis 1,5 Millionen geschätzt. Über 400.000 Gefangene wurden bei ihrer Ankunft zunächst als arbeitsfähig eingestuft und mit einer Registriernummer zwangstätowiert. Nur etwa 65.000 von ihnen sind dem industriellen Morden entgangen. Beate Passow hat Mitte der 1990er-Jahre Überlebende mit ihrer Kamera besucht. Dabei entstand ihre bewusst dokumentarisch gehaltene Fotoserie „Zähler/Nenner“, die unmissverständlich das Grauen der Gefangenschaft von Auschwitz verdeutlicht.

Bei ihrem Projekt „Zähler/Nenner“ fotografierte Beate Passow tätowierte Unterarme von Menschen, die Gefangene des ehemaligen Konzentrationslagers Auschwitz waren. Die Gezählten sind namenlos. Sie leben heute in vielen Ländern Europas und in Israel. Es sind alt gewordene Menschen, die ihre Arme und Hände zeigen. Es sind Menschen, die überlebten und die allein durch ihre Existenz zu uns sprechen. Sie sagen durch ihre in den Unterarm tätowierte Nummer, was mit ihnen geschehen ist: Von den Nationalsozialisten zu zählbarem Material reduziert und mit diesem Menetekel behaftet, sind sie durchs Leben gegangen. Auf Beate Passows Fotografien werden allein die aufgebreiteten Arme der Menschen sichtbar, im Querformat mehr oder weniger mittig aufgenommen, die Wendung des Arms so, dass jeweils die Tätowierung erkennbar ist. In der Aneinanderreihung von 40 Aufnahmen wird so der gemeinsame Nenner ablesbar. Dieser Nenner führt uns auf den Grund der Entmenschlichung: Unmittelbarer noch als im Judenstern werden der Zwang, die Unterdrückung und Mechanisierung anschaulich gemacht, was hier zu sehen ist, vermittelt etwas vom Unglaublichsten.

Kurator: Reinhard Geir