Nahaufnahme | 03. Januar 2022

Unterwegs in "Unserer Stadt!" - Leopoldstadt

von Hannah Landsmann
© Jüdisches Museum Wien

Der zweite Wiener Gemeindebezirk oder Leopoldstadt ist auch unter dem „Pseudonym“ Mazzes-Insel bekannt. Insel, weil diese Gegend von Wien einst von viel mehr Wasser umgeben war, da die Donau noch nicht reguliert war. Der zweite Bezirk weist außerdem die geringste Entfernung vom Meeresspiegel auf, den Wien aufbieten kann, es handelt sich also um die tiefste Stelle der Stadt. Die Mazzes oder Mazzot sind die ungesäuerten Brote, die nur aus Mehl und Wasser bestehen und von Jüdinnen und Juden auf der ganzen Welt während des Pessach-Festes im Frühling anstelle normalen gesäuerten Brotes gegessen werden. Im 17. Jahrhundert lebten in dieser Gegend die Mitglieder der zweiten jüdischen Gemeinde der Stadt, bis diese von Kaiser Leopold I. aufgelöst wurde.
Trotz der Vertreibung der Jüdinnen und Juden aus Wien im Jahr 1670 erwachte jüdisches Leben in diesem Bezirk wieder und auch schon vor der Etablierung der dritten jüdischen Gemeinde durch Kaiser Franz Joseph I. im Jahr 1852 konnte man wieder an nahezu jeder Ecke Mazzes oder Mazzemehl kaufen.
 

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© Jüdisches Museum Wien
Das kann man heute auch und der innere Kern des zweiten Bezirks hat eine schicke Anmutung, man wohnt dort wieder gern, wenn man es sich leisten kann und genießt die kulinarischen und kulturellen Erquickungen des 21. Jahrhunderts. 
Über das Projekt OT können Sie fünf der in der Leopoldstadt bis November 1938 genutzten Synagogen „erleben“ – zuhause oder wenn Sie auf Ihren Spaziergang durch den Bezirk Ihr Handy mitnehmen und an den jeweiligen Adressen Informationen über einen QR-Code abrufen. Die große Sammlung unseres Museums umfasst zahlreiche Textilien, die schon aus Platzgründen nicht ausgestellt sein können. Viele sind außerdem in einem eher bedauernswerten Zustand und würden dringend einer Restaurierung bedürfen. 
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© Jüdisches Museum Wien
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© Jüdisches Museum Wien
Der 1858 eingeweihte Leopoldstädter Tempel in der heutigen Tempelgasse 5, den der bekannte Architekt Ludwig Förster geplant hatte, war die größte und prächtigste Synagoge der Stadt. Ein im Sommer 1917 im linken Seitenflügel während eines Soldatengottesdienstes ausgebrochene Feuer hatte viel zerstört. Erst 1921 waren die Renovierungsarbeiten abgeschlossen und zum Neujahrsfest am 21. Oktober hing dieser prächtige Tora-Vorgang (hebr. Parochet) vor dem Tora-Schrein, als behördlicherseits die Verwendung des restaurierten Synagoge-Flügels gestattet wurde.
Mit 240 x 430 cm haben wir es mit einem Objekt zu tun, dessen Größe die Lagerung auf einer Rolle erforderlich macht. Das erstaunlich modern gestaltete Objekt ist im Stil des Art Déco gehalten und wegen der hellen Farbe für die Verwendung zu den hohen jüdischen Feiertagen im Herbst gedacht. „Wie ein Vogel, dem sein Nest geraubt, trauert unsere Seele. Die Weide unserer Augen ein rauchender Trümmerhaufen! Unser Stolz ein Gewirr aus verkohltem Holz, geschmolzenem Metall, verbogenen Eisenstangen!“, hatte Rabbiner Meir Grunwald 1917 geklagt. Gewidmet war der Vorhang in erster Linie natürlich der Ehre der Tora, darüber hinaus aber auch, wie es in dem Widmungstext heißt „unserem Lehrer und Rabbiner Meir, Sohn des Raw Abraham Grunwald“.
Im Jahr 1938, als der Leopoldstädter Tempel am 10. November gegen 11.00 vormittags als „völlig ausgebrannt“ durch die Feuerwehrmeldungen ging, vollzog sich ein noch schrecklicheres Geschehen. Der linke Trakt blieb aber abermals verschont und beherbergt heute eine jüdische Schule und ein rituelles Bad (Mikwe).
Das Jüdische Museum Wien kaufte dieses Textil im Jahr 2000 für die Sammlung an. Solche Ankäufe werden nur sehr selten getätigt. So kann aber Wiener jüdische Geschichte oder auch die Sammlung des Museums rekonstruiert werden.

Benannt nach ihrer Adresse in der Großen Schiffgasse war die sogenannte Schiffschul von 1864 bis 1938 das Zentrum der Orthodoxie in Wien, die zeitweilig auch in Opposition zur Kultusgemeinde stand. Das „Schiffschul“ genannte Areal bestand aus zwei Gebäuden, von denen eines als Verwaltungsgebäude genutzt und im November 1938 nicht zerstört wurde.
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© Jüdisches Museum Wien
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© Jüdisches Museum Wien
Aus der Sammlung IKG stammt dieses Textil, welches im Jahr 1894 für die Synagoge in der Großen Schiffgasse 8 gestiftet worden war. Mit den Maßen 230 x 186 cm ist dieses Textil ein Stück kleiner und es scheint, als wäre die mittig angebrachte Widmungsinschrift das einzig Nötige und die Krone, die von den hebräischen Buchstaben „K“ und „T“ für Krone der Tora (hebr. Keter Tora) umrahmt werden, das aller Nötigste, was an Verzierung und Dekor erforderlich ist. Der hebräische Text lautet in deutscher Übersetzung: „Dies ist eine Spende des vornehmen ehrwürdigen Rabbiner Jizchak Naftali Beck, zur seligen Erinnerung an seine Mutter, die bescheidene Blimele, Friede sei mit ihr, zur Ehre Gottes und zur Ehre der Tora, im Jahre 654 nach der kleinen Zeitrechnung."
Klein an der Zeitrechnung ist das Weglassen der 1000der Stelle, denn natürlich kann nur das Jahr 5654 im bürgerlichen Kalender 1894 sein, 30 Jahre nach der Einweihung der Synagoge, welche von Architekt Ignaz Reiser geplant worden war. Im Inventar des Jüdischen Museums Wien finden sich fünf Textilien, Tora-Vorhänge und Tora-Mäntel, welche von eben diesem Naftali Beck gestiftet wurden. Naftali Beck war Vorstand der Gemeinde und widmet die Stoffe der Erinnerung an seine Frau Freiwa oder seine Mutter Blimele und deren Eltern Josef und Rebekka.
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© Jüdisches Museum Wien
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© Jüdisches Museum Wien
Die Fläche, auf der sich die Synagoge befunden hatte, blieb unverbaut und im ehemaligen Verwaltungsgebäude sind heute zwei jüdische Vereine untergebracht. Ab den frühen 1980-er Jahren war die Schiffschul und die Rabbiner Vater und Sohn Pressburger Anlaufstelle für aus dem Iran geflüchtete Jüdinnen und Juden. 2015 waren im Palais Eskeles in der Dorotheergasse 11 Fotos von Christine de Grancy zu sehen, die zwischen 1991 und 1993 mit ihrer Kamera die verborgene Welt der iranischen Jüdinnen und Juden in Wien eingefangen hat.


PS: In diesem Blog-Beitrag treten bis auf eine Ausnahme nur Objekte auf, die Sie im Museum gar nicht sehen können. Finden Sie die Lösung und gewinnen eine Familienführung durch die Dauerausstellung „Unsere Stadt! Jüdisches Wien bis heute“. Schreiben Sie an: