Ausstellungsvorbereitungen | 04. Mai 2022

Tutte le direzioni

von Sabine Apostolo
© David Bohmann
Besucht man momentan die Ausstellung „Jugend ohne Heimat. Kindertransporte aus Wien“ im Museum Judenplatz, sieht man in einer der Räumlichkeiten ein beinahe lebensgroßes Gruppenfoto von Wiener Kindertransport-Kindern und deren Nachkommen. Das Foto wurde anlässlich der Eröffnung der Ausstellung im vergangenen November aufgenommen. Es zeigt die positiven Auswirkungen der Geschichte der Kindertransporte: Das Überleben Vieler, die später Familien gründeten und nach Jahrzehnten des Schweigens über ihre Erlebnisse sprechen wollten oder konnten.
 
Auch der erweiterte Fokus der Ausstellung ist in diesem Foto enthalten: So sieht man nicht nur Gesichter, die mit der Aufnahme der Kinder in Großbritannien verbunden sind, sondern auch welche, die von anderen Ländern erzählen. So Gertraud Fletzberger, die mit ihren beiden Geschwistern nach Schweden kam. Obwohl sie bereits protestantisch erzogen worden war, musste sie vor den Nationalsozialisten fliehen. Der nicht zu unterschätzende kulturelle Unterschied zwischen Österreich und Schweden in jenen Jahren machte es für sie sehr schwierig, sich in diese neue Welt einzufinden.
 
Auf dem Foto Zu sehen sind auch die beiden Töchter von Paul Peter Porges (PPP), Vivette Porges und Claudia Beyer Porges. Ihr Vater kam mit einem Kindertransport nach Frankreich, wo er in einer Kinderrepublik untergebracht wurde. Nach kaum einem Jahr mussten er und die anderen dort untergebrachten Kinder erneut flüchten: Die deutsche Wehrmacht war in Frankreich einmarschiert. PPP gelang auch diese Flucht, nach dem Krieg emigrierte er in die USA, wo er ein erfolgreicher Cartoonist und begeisterter Familienvater wurde.
 
In der hintersten Reihe sieht man die Enkel von Herta Griffel, die als eines der wenigen Kinder mit einem Transport direkt in die USA gebracht wurde. Dies war im November 1940, also zu einem Zeitpunkt, als die innereuropäischen Kindertransporte aufgrund des Ausbruchs des Zweiten Weltkrieges schon eingestellt waren. Sie war somit eines der letzten Kinder, die Wien mittels eines Kindertransports verlassen konnten. Ihre Enkel waren anlässlich der Ausstellungseröffnung dank der Unterstützung des Jewish Welcome Service das erste Mal in der Heimatstadt ihrer Großmutter. Alle anderen Abgebildeten sind Kindertransport-Kinder und deren Nachkommen, die nach Großbritannien kamen, das Land, das mit Abstand am meisten Kinder aufgenommen hatte.

Ab 25. Mai wird in den Räumlichkeiten am Judenplatz eine andere Ausstellung sein, die eine andere Geschichte erzählen wird: die des Arabia Espresso am Kohlmarkt, der Firma Arabia Kaffee-Tee-Import und des Lebens ihres Gründers Alfred Weiss. An derselben Wand, an der zur Zeit noch das Gruppenfoto des Kindertransports angebracht ist, wird wieder die Geschichte einer solchen Rettung erzählt werden. Die Familie Weiss war über Jugoslawien nach Brüssel geflohen, von wo aus sie in die USA gelangen wollte. Doch als klar wurde, dass dies nicht funktionieren würde, schickten Alfred und Lucie Weiss ihre beiden Töchter nach Großbritannien. Sie trennte ein Altersunterschied von 7 Jahren, was bedeutete, dass sie sehr Unterschiedliches erlebten. Franziska konnte mit ihren 15 Jahren schon bald selbstständig leben, während Eva bei einem protestantischen Priester aufwuchs.

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© Privatbestitz
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© Privatbesitz
Ihre Eltern, die nach Internierung in Frankreich schließlich in Rom überlebten, sahen die beiden erst im Jahr 1946 wieder. Franziska war zu dem Zeitpunkt bereits verheiratet und hatte einen Sohn. Eva hatte in dieser Zeit ihre Muttersprache verlernt, ihre Eltern mussten mit ihr Englisch sprechen. Die Familie remigrierte noch in der Nachkriegszeit nach Wien: Lucie, Alfred und Eva 1947, Franziska in den frühen 1950er-Jahren mit ihrem Sohn. Alfred Weiss erkämpfte sich seine arisierte Firma „Arabia Kaffee-Tee-Import“ zurück und machte sie zu einer bedeutenden Marke der Zweiten Republik. Der in England geborene Sohn von Franziska Weiss ist auch Teil des Gruppenfotos in der Ausstellung „Jugend ohne Heimat“. Es ist Andrew Demmer, der heute als Gründer der Wiener Teehauskette bekannt ist. Seine Lehrjahre hatte er bei seinem Großvater in der Firma Arabia absolviert, die Firmengeschichte und die der dahinterstehenden Familie werden in der kommenden Ausstellung „Endlich Espresso“ zu sehen sein.

Die Geschichte der Kindertransporte begegnet einem häufig in der jüdischen Geschichte des 20. Jahrhunderts. Die Kinder und deren Nachkommen leben heute auf der ganzen Welt. „Tutte le direzioni“ ist eine italienische Weganweisung, die Alfred und Lucie Weiss vermutlich in ihrer Zeit in Rom gesehen haben – weit entfernt von ihren Töchtern. Sie bedeutet, dass dieser Weg der zielführende ist, ganz gleich wo man hinmuss. Die meisten Kinder haben dank der Kindertransporte überlebt, doch gleich in welches Land sie geschickt wurden, also über welchen Weg sie die Erfahrung Kindertransport erlebt haben, in jedem Fall mussten sie für ihr Überleben ein Aufwachsen in der Heimat opfern.