27. März 2024
JMW kocht!

Liptauer mit Frischkäse? Übersetzte Rezepte – Flucht und Überleben

von Sabine Apostolo
© JMW
Liptauer ist bekannt für seine klassischen Zutaten: Paprika, Zwiebel, Topfen und Butter. Doch wir haben ein Rezept ausprobiert, das auf Topfen verzichten musste, denn in New York ist Topfen bis heute schwer zu finden und vor 70 Jahren war das schier unmöglich. Das Rezept stammt von Lucie Porges, einer Wiener Jüdin, die nach dem Zweiten Weltkrieg in New York ein neues Leben begann. Aus ihrer Wiener Zeit konnte sie kaum etwas mitnehmen. Ihre Töchter Vivette und Claudia erzählten mir aber von der Wiener Küche und der Kochtradition, die sie mitgenommen hatte und die sie versuchte, mit New Yorker Zutaten umzusetzen. Statt Topfen nahm sie also Cream Cheese und verfeinerte ihn mit Kapern und Anchovis. Gemeinsam mit ihrem Mann Paul Peter Porges war sie eine beliebte Gastgeberin. Bestimmt kam dabei auch die österreichische Küche nicht zu kurz, auch wenn sie das Rezept nicht nur sprachlich, sondern auch dessen Zutaten übersetzen musste.

Als Lucie Eisenstab 1926 wurde sie in Wien im Kaiserin-Elisabeth-Wöchnerinnenheim geboren. 1938 musste sie gemeinsam mit ihren Eltern aus ihrer Heimatstadt vor der Verfolgung der Nationalsozialist:innen fliehen. Anlässlich der Ausstellung „Lucie & Paul Peter Porges – style and humor“ (2007) im Jüdischen Museum Wien erinnerte sie sich an ihre Großeltern väterlicherseits. Sie waren während des Ersten Weltkriegs aus der Bukowina nach Wien geflohen und wohnten später in Ottakring. Sie waren deutlich religiöser als Lucie Porges es von ihren Eltern kannte: „Sie waren zwei liebe, alte Leute. Mein Opapa ist immer in die Synagoge gegangen, und meine Omama hat einen Scheitel getragen. Wir waren immer sonntags dort, und ich habe mich immer furchtbar gelangweilt. Da habe ich angefangen, Zeichnungen zu machen, eben Modezeichnungen. Von Frauen mit kleinen Hunderln, die man von vorne gesehen hat. Die Füße waren aber immer im Profil, wie bei den Ägyptern. Ich konnte ja keine Perspektive, aber ich habe bereits Mode gezeichnet. Die Großeltern hatten schönes Papier, es waren zumeist Einladungen, die sie mir da gegeben haben, damit ich mich spiele und damit die Zeit vergeht. Das Papier hat mich inspiriert.“ Lucie Porges machte also schon in ihrer Wiener Kindheit die ersten Schritte zu ihrer Karriere als Modedesignerin. Ihre Ottakringer Großeltern aus der Bukowina sah Lucie Porges nach ihrer Flucht nie wieder, sie wurden beide in der Schoa ermordet.

Mit ihren Eltern und ihrer Schwester flüchtete sie über Brüssel nach Frankreich, wo sie zeitweise in Lagern interniert waren und nie einen sicheren Aufenthalt fanden. Erst 1942 gelang ihnen die Flucht in die Schweiz. Nach dem Krieg konnte sie in Genf in der Ecole des Beaux Arts studieren, wo sie ihren späteren Ehemann Paul Peter Porges (PPP) – auch ein Wiener, der ebenfalls im Kaiserin-Elisabeth-Wöchnerinnenheim 1926 geboren wurde und vor den Nationalsozialist:innen flüchten musste – kennenlernte. Er ging nach dem Krieg zu seinen Eltern nach New York, Lucie nach Paris, wo sie zur Zeichnerin für Modemagazine avancierte. PPP wollte zurückkommen und wollte Lucie in Europa heiraten, doch er wurde zur US-Army eingezogen und so ging Lucie nach New York, wo sich die beiden ein Leben und eine Familie aufbauten. Lucie wurde in New York Modezeichnerin bei dem französischen Label von Pauline Trigère und bereitete für ihre beiden Töchter immer wieder Wiener Liptauer zu – mit Cream Cheese statt Topfen.


Literatur:
Werner Hanak (Hg.), Lucie & Paul Peter Porges – style and humor“, Wien 2007, Zitat: 17.
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