Wien und die Welt | 09. August 2021

„Bevor ich einen anderen Beruf erlerne, lerne ich lieber Hebräisch!“

von Sabine Bergler
© KHM Museumsverband, Theatermuseum Wien
Das Foto von Stella Kadmon am Strand von Tel Aviv wirkt wie ein erfrischend-idyllischer Sommerschnappschuss. Tatsächlich befand sich die Wiener Schauspielerin zu dieser Zeit im Exil, wartend und bangend, dass die Herrschaft der Nationalsozialisten vorübergehe, um wieder in ihre Heimat – oder was davon noch übrig war – zurückkehren zu können. Dem Beweis ihrer Schauspielkunst ist damit wohl Genüge getan.

Doch Stella Kadmon war nicht lediglich eine Schauspielerin, sondern auch eine begeisterte Pionierin der Kleinkunstbühnen in Wien. So gründete sie mit 29 Jahren das erste literarisch-politische Kabarett Wiens, den „Lieben Augustin.“ Ab 1931 konnte das Wiener Publikum regelmäßige Vorstellungen im Keller des Café Prückl genießen. Mit Peter Hammerschlag gab es einen Blitzdichter und mit Alex Szekely einen Blitzzeichner, ihnen sollten viele folgen: In den kommenden sieben Jahren sollten noch an die 90 Künstlerinnen und Künstler für das Ensemble engagiert werden. Der Wiener Sommerhitze entfloh das Kabarett ab 1935 jährlich durch ihre Freiluftbühne auf der Hohen Warte.


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© Jüdisches Museum Wien
Am 9. März 1938 fand die letzte Vorstellung des „Lieben Augustin“ statt. Die Truppe verstreute sich durch Verfolgung und Krieg in alle Winde, nicht jeder überlebte. Peter Hammerschlag wurde 1942 in Auschwitz ermordet. Stella Kadmon flüchtete mit einem Teil ihrer Familie zu Verwandten nach Jugoslawien, in der Annahme, sie seien dort sicher. Als aber die Lage immer gefährlicher wurde, blieb nur mehr die Flucht mittels Touristenvisum nach Palästina – vorausgesetzt, man konnte das Geld dafür aufbringen. Da dies bei den Kadmons nicht der Fall war, ging Stella eine Scheinehe mit ihrem Cousin Bobby ein, während ihre Mutter und ihr Bruder bereits die Reise antraten. Sechs Monate nach der Eheschließung hätte sie als Jugoslawin ein kostenloses Touristenvisum beantragen können. Der Beamte am Konsulat durchschaute jedoch ihren Trick und verweigerte ihr das entgeltlose Visum, bot aber an, eines gegen Geld auszustellen. Im letzten Augenblick gelang es mit Hilfe von Familie und Freunden, die sich bereits nach Palästina hatten retten können, das Geld aufzutreiben.

In Tel Aviv stand die gleichermaßen begeisterte wie tatkräftige Theaterfrau vor einem immensen Problem: Ihre Mutter- und Arbeitssprache war verboten. Deutsch galt als Sprache der Mörder und durfte öffentlich nicht gesprochen werden. Sie selbst wollte sich von den Herausforderungen des Hebräischen nicht abschrecken lassen – wie bereits das Titelzitat verrät. Diesen Satz kann man auf einer der zahlreichen von ihr besprochenen Tonbandkassetten im Theatermuseum hören, wo heute ein Großteil ihres Nachlasses bewahrt wird.

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© Jüdisches Museum Wien, Foto: Sebastian Gansrigler
Doch nach fünf Vorstellungen auf Hebräisch blieb das Publikum aus – denn keiner der deutschsprachigen Flüchtlinge, die sich für ihr Programm interessiert hätten, beherrschte die neue Sprache bereits. Kadmon fand eine Lösung, ihrer Theaterleidenschaft auch im Exil Ausdruck zu verschaffen: Sie lud auf den Dachgarten ihrer Tel Aviver Wohnung in der Bialikstraße 23 ein. Dort veranstaltete sie „Leseabende in Schweizer Sprache“; da sie die Gäste in ihren privaten Räumlichkeiten empfing, konnte ihr niemand die deutsche Sprache verbieten. Retrospektiv bezeichnete Stella Kadmon diese Zusammenkünfte als „Chanson-Abende bei Mondbeleuchtung“, da die Bevölkerung zu Kriegszeiten zur Verdunkelung angehalten war, fanden die Abende nur einmal im Monat statt: Bei Vollmond. Kadmons Dachgarten wurde in Folge zu einem wichtigen Treffpunkt der deutschsprachigen Kulturszene Tel Avivs.

1947 kehrte sie mit dem ersten UNRA-Transport aus Palästina nach Wien zurück und kämpfte unerschrocken weiter für ihre Leidenschaft. Zuerst musste sie sich allerdings ihre Konzession wiedererringen und feststellen, dass sich das Publikum vollkommen verändert hatte und politisches, intellektuelles Kabarett keinen Anklang mehr fand. Sie wechselte zum Theater und feierte inmitten des Wiener Brecht-Boykotts der großen Theater einen Riesenerfolg mit dessen Stück Furcht und Elend des Dritten Reiches. Das euphorische Lob der Arbeiter-Zeitung inspirierte infolge zum neuen Namen: „Man hat es dem Mute des ‚Lieben Augustin‘ und seiner Leiterin Stella Kadmon zu danken, deren Kleinkunstbühne so etwas wie eine Insel der Courage inmitten der Abwässer des Wiener Amüsierbetriebes ist, dass diese Szenenfolge zur österreichischen Uraufführung kam …“ (AZ, 18.4.1948, 5). Über Jahrzehnte hinweg bot das „Theater der Courage“ ein anspruchsvolles Programm mit vielen Erst- und Uraufführungen, gesellschaftskritischen und aktuellen Stücken. Die Aufführung von Peter Slaviks Stück Amo, amas, amat, in dem der Umgang mit Jugendlichen in Gefängnissen gezeigt wurde, führte sogar dazu, dass die Jugendstrafanstalt Kaiserebersdorf aufgelassen wurde. Stella Kadmon prägte und förderte wie schon zur Zeit des „Lieben Augustin“ auch mit dem „Theater der Courage“ ganze Generationen von Theatertalenten. So war eine ihrer engsten Mitarbeiterin die Schauspielerin, Regisseurin und spätere Direktorin des Wiener Volkstheaters (1988-2005) Emmy Werner.
 
Weiterführende Literatur:
  • Sabine Bergler: „Stella Kadmon. Masel Tow für eine Hochzeit mit dem Cousin in Belgrad“ Beitrag im Ausstellungskatalog: „Verfolgt. Verlobt. Verheiratet. Scheinehen ins Exil.“ Jüdisches Museum Wien 2018.
  • Sabine Bergler: "Früher pflegte man sich Gäste einzuladen, wenn man Lust und Geld hatte. Heute ladet man sie ein, wenn Vollmond ist.‘ Über Exilsalons und Emigrantenzirkel" Beitrag im Ausstellungskatalog: „The Place to Be. Salons als Orte der Emanzipation.“ Wien 2018.
  • Henriette Mandl: Cabaret und Courage. Stella Kadmon, eine Biografie, Wien 1993.
  • Birgit Peter: Katzenweib – geliebte Herrin. Stella Kadmon und Peter Hammerschlag, in: Kiegler-Griensteidl, Monika; Kaukoreit, Volker: Kringel, Schlingel, Borgia. Wien 1997.