28. Januar 2026
Kolumne aus der Direktion

Über die dunklen Zeiten, das Erinnern und das Vergessen

von Barbara Staudinger
Frau mit kurzem braunem Haar und rotem Lippenstift lehnt an weißer Wand in Galerie mit sichtbaren Kunstwerken
© Ouriel Morgensztern
Am 27. Jänner 1945 wurde das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau von der Roten Armee befreit. Über 2000 Häftlinge befanden sich noch im Lager, das zuvor und bereits seit dem Spätherbst 1944 durch die SS evakuiert worden war. Ebenso wie die meisten Häftlinge, die auf Todesmärschen in Konzentrationslager im Inneren des Deutschen Reiches getrieben worden waren, waren bei der Befreiung auch ein Großteil der Akten und damit die Beweise des Massenmords verschwunden – vernichtet durch die Lager-SS. Der Eile des Aufbruchs, dem Zufall und letztendlich auch dem mutigen Einsatz einiger im Lager versteckten Mitglieder des Lagerwiderstands ist es zu verdanken, dass nicht noch mehr Material zerstört werden konnte – Dokumente, die später neben vielen Zeugenaussagen für die gerichtliche Verfolgung der Täter:innen herangezogen wurden.

Am 27. Jänner erinnern wir uns anlässlich des Jahrestages der Befreiung des KZ Auschwitz – das Symbol des nationalsozialistischen Völkermords an den europäischen Jüdinnen und Juden und den Rom:nja und Sinti:zze sowie der Ermordung politischer Gegner:innen, Zeug:innen Jehovas, sogenannter Asozialer und Krimineller sowie Homosexueller – an den Zivilisationsbruch des Holocaust. In den anlässlich dieses Gedenktages gehaltenen Reden wird gerne in Bildern gesprochen: Vom „dunklen Kapitel“ der österreichischen Geschichte ist dabei die Rede, oder überhaupt von der „dunklen Zeit“ – und es entsteht dabei der Eindruck, dass das Verbrechen des Holocaust im Dunklen, im Verborgenen stattgefunden hätte und all diejenigen, die nach dem Krieg sagten, sie hätten nichts gewusst, dies zurecht behauptet hätten.

Dabei war es gar nicht dunkel, sondern es war taghell und für alle offensichtlich, was hier passiert: Augenzeug:innen berichten, wie Jüdinnen und Juden bei Tag in offenen Lastwägen durch Wien zum Deportationsbahnhof Aspangbahnhof gefahren wurden – und wie die Deportierten von den Wiener:innen dabei verhöhnt, bespuckt und beworfen wurden. Österreichische Firmen bewarben sich um Aufträge in den Konzentrationslagern oder forderten Zwangsarbeiter:innen an, Kulturinstitutionen kamen in die KZs, um für die Lager-SS zu spielen… Sie alle sahen und wussten und nichts blieb im Schatten der Nacht verborgen. Das Licht der Wahrheit wurde erst danach ausgeknipst, um bei diesem Bild zu bleiben, als niemand mehr etwas wissen und Österreich sich als „erstes Opfer des Nationalsozialismus“ sehen wollte – in dieser Hinsicht könnte man die Zeit nach 1945 als „dunkle Zeit“ beschreiben. Wenn wir am 27. Jänner den Opfern des Holocaust gedenken, sollten wir das nicht vergessen.

Gedenken können Sie heuer mit einer ganz besonderen Veranstaltungsreihe des Jüdischen Museums: Wir leben heute in einer Zeit der Post-Zeitzeugenschaft. Die meisten Menschen, die von den Verbrechen der Nationalsozialisten und ihrem eigenen Überleben berichten können, sind bereits verstorben. Jene, die es noch gibt, waren zu dieser Zeit Kinder. Aber die Überlebenden haben uns eines hinterlassen: Ihre Erinnerungen. Aus diesen Erinnerungen lesen bis zum 17. Februar Schauspieler:innen vom Burgtheater, Theater in der Josefstadt, Schauspielhaus und Volkstheater – alle Termine finden Sie hier: Gelesene Erinnerungen. „Gelesene Erinnerungen“, wie die Veranstaltungsreihe heißt, vermitteln viel mehr als der reine Text. Die vorlesenden Schauspieler:innen werden zu Botschafter:innen der Überlebenden. Ihre Stimme, ihre Interpretation lassen die Erinnerungen lebendig werden, machen sie unmittelbar und daher auch emotional erfahrbar. Finden Sie heraus, was es mit Ihnen macht.

Erinnerung und Vergessen gehören zusammen, sind untrennbar miteinander verbunden. Wir können nicht erinnern, wenn wir nicht vergessen können. Dennoch wird das Vergessen oft als die „dunkle Seite“ der Erinnerung beschrieben: als etwas, was unserer Erinnerung entschlüpft ist. Es gibt aber auch das kollektive Vergessen, das Verdrängen. Und so sehr wir uns gerade in diesen Tagen auf das gemeinsame Erinnern konzentrieren, so sollten wir nicht vergessen, dass das Vergessen gesellschaftlich betrachtet einer wesentlich größeren Anstrengung bedarf als das Erinnern. So sind die Verbrechen des Nationalsozialismus nicht einfach der kollektiven Erinnerung entglitten, sie wurden absichtlich vergessen, verdrängt und auch vertuscht. Das Werk, das die SS in den Konzentrationslagern kurz vor ihrer Befreiung begonnen hatte, wurde durch die Bevölkerung in der Nachkriegszeit fortgesetzt und nur wenige kämpften dagegen an. An dieses Vergessen erinnert unter anderem unsere neue Wechselausstellung „Alles vergessen“ im Museum Judenplatz, die wir nicht zuletzt aus diesem Grund am Internationalen Holocaust-Gedenktag eröffnen. Vergessen Sie nicht, sich diese wichtige Ausstellung anzusehen.