29. Januar 2026

Eröffnung der Ausstellung „Alles vergessen“

von JMW
Gruppenbild der Redner bei der Eröffnungsveranstaltung.
© Ouriel Morgensztern

Am 27. Jänner 2026, dem Internationalen Holocaust-Gedenktag, wurde die Ausstellung „Alles vergessen“ im Verwaltungsgerichtshof feierlich eröffnet. Der Festsaal war bis auf den letzten Platz gefüllt und unterstrich das große öffentliche Interesse an einer Ausstellung, die sich mit einem auf den ersten Blick vielleicht irritierenden Titel auch zentralen Themen der österreichischen Erinnerungskultur widmet.
Gerade am Holocaust-Gedenktag weist der Titel Alles vergessen darauf hin, dass Vergessen nicht nur ein passiver Vorgang, eine Ohnmacht , sein kann, sondern auch eine bewusste Entscheidung und eine Demonstration von Macht, die uns als Gesellschaft herausfordert.
Musikalisch begleitet wurde der Abend von Aliosha Biz.

Begrüßung
Die Eröffnung erfolgte durch Barbara Staudinger, Direktorin des Jüdischen Museums Wien, gemeinsam mit Hanno Loewy, Direktor des Jüdischen Museums Hohenems, und Albert Posch, Präsident des Verwaltungsgerichtshofs. In ihrer Begrüßung sprach Barbara Staudinger über die enge Verbindung von Erinnern und Vergessen und über das, was im öffentlichen Gedenken oft ausgeblendet bleibt:

„Erinnerung und Vergessen sind nicht voneinander zu trennen. Vergessen ist dabei nicht nur ein unbewusster, sondern oft auch ein bewusster Vorgang – genauso wie das Erinnern.
In den Tagen um den Internationalen Holocaust-Gedenktag wird viel vom Erinnern gesprochen. Dabei gerät manchmal in den Hintergrund, dass es ohne Täter:innen keine Opfer gibt. Den Opfern zu gedenken muss daher auch bedeuten, sich an die Täter:innen zu erinnern – als Menschen mit eigenen Biografien und nicht als anonyme Masse.“


Hanno Loewy ergänzte aus der Perspektive der jüdischen Gegenwart:
„Es gibt keine Erinnerung ohne Vergessen. Leider trifft’s manchmal die Falschen. Aber darüber kann man streiten wie über so vieles. Auch die jüdische Gegenwart ist davon geprägt, dass so manches Wertvolle und manches Schmerzhafte vergessen wird.“

Zur Ausstellung
Die Kuratorinnen Daniela Pscheiden (Jüdisches Museum Wien) und Dinah Ehrenfreund-Michler (Jüdisches Museum Hohenems)  stellten die Ausstellung vor. Dinah Ehrenfreund-Michler beschrieb den kuratorischen Ansatz von Alles vergessen folgendermaßen:
Daniela Pscheiden: „Die Ausstellung ›Alles vergessen‹ hat es sich zur Aufgabe gemacht, unterschiedliche kulturelle Aspekte des Vergessens in ihren individuellen und kollektiven Dimensionen darzustellen. Vergessen ist nicht das Ende des Erinnerns. Es ist seine Bedingung, seine Grenze – und seine Herausforderung.“
Dinah Ehrenfreund-Michler: „Vergessen ist kein bloßer Mangel an Erinnerung, sondern ein komplexes und vielschichtiges Phänomen. In einer Gegenwart, in der Erinnerungspolitik und politische Verantwortung zunehmend instrumentalisiert werden, ist es besonders wichtig, genau hinzusehen und die unterschiedlichen Aspekte des Vergessens zu beleuchten.“

Erinnerung, Bedeutung und Verantwortung
Die offizielle Eröffnung nahm Andreas Kranebitter, wissenschaftlicher Leiter des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes, vor. Er ordnete die Ausstellung in einen aktuellen politischen Kontext ein und warnte vor neuen Formen der Geschichtsverdrängung:
„Die Erinnerung kam erst mit der Befreiung zurück. Sie war keine moralische Pflicht, sondern die Rückkehr der Zeit, die Möglichkeit einer Zukunft, die Konstruktion einer neuen Identität. Die Überlebenden hatten keine Wahl, sie mussten das erlittene Unrecht in diese neue Identität integrieren.
Heute greift der organisierte Rechtsextremismus nicht mehr die Geschichtserzählungen selbst an, sondern deren Sinn. Geleugnet werden meist nicht mehr die Fakten des Holocaust, sondern ihre Bedeutung für die Gegenwart.“


Abschließend sprach Barbara Novak, Amtsführende Stadträtin für Finanzen, Wirtschaft, Arbeit, Internationales und Digitales, und betonte die Verantwortung der Gesellschaft im Umgang mit Erinnerung und Vergessen:
„Vergessen ist kein stilles Verblassen von Erinnerung, sondern ein aktiver Akt. Wie wir erinnern, hängt von unserer Zeit, unserem Gegenüber und unseren gesellschaftlichen Verhältnissen ab. Doch wofür wir Verantwortung übernehmen, liegt bei uns.
Die Kraft von Menschen liegt darin, jeden Tag neu zu entscheiden, nicht zu schweigen, nicht wegzusehen und solidarisch zu handeln.“