20. Oktober 2026
Nachgefragt

"seinen wundervollen Reichtum an Seele"

von Gabryel Smith and Sabine Apostolo
© New York Philharmonic Archives

Das komplette Orchester der New Yorker Philharmoniker unter Arturo Toscanini. Das Foto war Werbematerial für die Europatour des Orchesters, 1930.


Steffy Goldners Leben und Harfenspiel zwischen Wien und New York


Steffy (Stephanie) Goldner war das erste weibliche Ensemblemitglied der New Yorker Philharmoniker. Die junge Wiener Jüdin war bereits in ihrer Heimatstadt als Harfenistin erfolgreich. Als ihr mit 26 Jahren vom großen Symphonieorchester New Yorks eine Stelle angeboten wurde, war sie auch eine der jüngsten. Diesem außerordentlichen Leben hat die Künstlerin Nives Widauer eine multimediale Installation gewidmet, die vom 20. Oktober 2026 bis zum 22. März 2027 im Project Space des Jüdischen Museum Wien zu sehen ist. 
 
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© New York Philharmonic Archives, courtesy of Doris Balant
Steffy Goldner an der Wiener Musikakademie

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© New York Philharmonic Archives, courtesy of Doris Balant
Werbefoto von Steffy und Trude Goldner, die oft im Duo auftraten

1896 in Wien in eine jüdische Familie geboren, wurde Goldner wie ihre drei Geschwister Musikerin. Bereits mit acht Jahren nahm sie Harfenunterricht – unter anderem bei Vicky Baum, die vor ihrer schriftstellerischen Karriere auch Harfenistin war. Mit 9 wurde Goldner als Schülerin an der Universität für Musik und Darstellende Kunst zugelassen. Ihre Lehrerin war Therese Zamara, die unter den ersten Frauen war, die an dem Institut unterrichteten und die erste Frau, die ein Orchesterinstrument lehrte. Zamara durfte allerdings nur Vorbildung und nicht Ausbildung erteilen, im Gegensatz zu ihrem Bruder, bei dem Goldner ihre Ausbildung fortsetzte. 

Nach Abschluss ihrer Ausbildung war Goldner die einzige Solo-Harfenistin Wiens und sehr gefragt. Sie spielte in Kammerorchestern mit ihren Schwestern, war häufig auf Konzerttouren und war mit 18 bereits regelmäßig an der Staatsphilharmonie Nürnberg engagiert. Sowohl in Musikkreisen als auch in der Presse wurden ihre Fähigkeiten als Harfenistin wiederholt betont. Unter anderem berichtet die Allgemeine Sport-Zeitung im Mai 1916 über ihren Auftritt im Apollotheater: „Die Harfenspielerin Stephanie Goldner meistert dieses Instrument nicht nur technisch aufs vollendetste, sondern enthüllt auch, insbesondere in einer Phantasie über Schubertlieder, seinen wundervollen Reichtum an Seele; es ist reifste – reinste Kunst – und vielleicht der stärkste Erfolg dieses Varietéprogramms.“
 
Weitere Presseberichte enthüllen die Vielseitigkeit ihrer Engagements: Neben zahlreichen klassischen Konzerten spielte sie im Dezember 1918 bei der Chanukkafeier des Zionistischen Zentralvereins, die im Musikverein stattfand, 1919 wirkte sie an einem Märchenabend für jüdische Kinder mit, bei dem unter anderem Märchen von Shalom Asch und Martin Buber aufgeführt wurden. Oskar Nedbal, von 1906 bis 1919 Chefdirigent des von ihm begründeten Wiener Tonkünstler-Orchesters, schrieb ihr herausragende Empfehlungen für die Wiener Philharmoniker – doch leider ohne Erfolg. Es liegt nahe, dass die Begründung Goldner nicht zu engagieren von Frauenfeindlichkeit geprägt war. So wurde das erste weibliche Mitglied erst 80 Jahre später im Orchester aufgenommen: Der Harfenistin Anna Lelkes wurde im Jahr 1997 eine fixe Ensemblestelle angeboten. 
 
Obwohl Steffy Goldner – auch ohne die Wiener Philharmoniker – in Europa als Harfenistin stark gefragt war, war ihr Einkommen überschaubar. Ihr Vater war schwer krank und die Familie war auf zusätzliches Einkommen angewiesen. Steffy Goldner ging also 1921 nach New York. Dort bekam sie sofort eine Stelle im Orchester des Capitol Theatre – eines der prächtigsten Kinos am Broadway jener Zeit. Auch in diesem Fall war sie das erste weibliche Ensemblemitglied. In diesem Orchester sollte sie ihren zukünftigen Ehemann, den in Dirigenten Eugene Ormandy, kennenlernen und ihn bereits 1922 heiraten. Wie Goldners Eltern stammte Ormandy aus Ungarn und die Eheleute teilten neben der Leidenschaft zur Musik auch gemeinsame Wurzeln in der ehemaligen Habsburgermonarchie. 
 
Noch im selben Jahr wurde Steffy Goldner eine Stelle bei den New Yorker Philharmoniker angeboten – wo sie als zweite Harfe für zehn Jahre spielen sollte. Vor allem mit Arturo Toscanini – der das Orchester von 1928 bis 1936 leitete –, entwickelte sie eine enge und von beiden Seiten von großer Wertschätzung geprägte Zusammenarbeit. 1930 war Goldner auch Teil der ersten internationalen Tournee des Orchesters, bei der sie in allen europäischen Hauptstädten – inklusive Wien – auftrat. 

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© Eugene Ormandy Photographs, 1880-1992, Ms. Coll. 330, Kislak Center for Special Collections, Rare Books and Manuscripts, University of Pennsylvania
Steffy Goldner mit ihrem Ehemann Eugene Ormandy, 1940

: Musiker der New Yorker Philharmoniker mit ihren Ehefrauen sitzend in der ersten Reihe und den Crewmitgliedern, 1930. Steffy Goldner ist die einzige stehende Frau (Mitte rechts, neben dem Mann mit Hund).
© Image ID: 800-139-04-009, New York Philharmonic Shelby White & Leon Levy Digital Archives
Musiker der New Yorker Philharmoniker mit ihren Ehefrauen sitzend in der ersten Reihe und den Crewmitgliedern, 1930. Steffy Goldner ist die einzige stehende Frau (Mitte rechts, neben dem Mann mit Hund). 

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© Eugene Ormandy Photographs, 1880-1992, Ms. Coll. 330, Kislak Center for Special Collections, Rare Books and Manuscripts, University of Pennsylvania
Steffy Goldner und Arturo Toscanini in Philadelphia, 1943, Foto Adrian Siegel


1931 war ein bedeutendes Jahr für die Karriere von Goldners Ehemann Ormandy: Er sprang als Ersatz für Toscanini ein, der als Gastdirigent beim Philadelphia Orchester auftreten hätte sollen und krankheitsbedingt absagen musste. Dieser Auftritt verschaffte ihm die Stelle des Chefdirigenten am Minnesota Orchester.
 
Steffy Goldner beendete deswegen ihr Engagement bei den New Yorker Philharmoniker und zog mit ihrem Ehemann nach Minneapolis, um ihn und seine Karriere zu unterstützen. Die New Yorker Philharmoniker blieben für die nächsten 34 Jahre ohne weibliche Besetzung. Als Ormandy vier Jahre später vom Philadelphia Orchester engagiert wurde, zog Goldner wieder mit, sie gab zwar ab und zu Unterrichtsstunden an der Musikakademie Philadelphias, doch spielte nicht mehr als Solistin und trat die Rolle der Hausfrau und Managerin des Ehemannes an. 
 
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© New York Philharmonic Archives
Steffy Goldner mit ihrer Familie bei einem Wien-Besuch, 1930er-Jahre 

In diesen Jahren machte das Ehepaar häufig Ausflüge nach Wien und besuchte die Familie Goldner, die sich später an die beeindruckenden Auftritte der Ormandys mit Cadillac und abgestimmter Garderobe erinnerte. 


Kurz vor dem „Anschluss“ 1938 gelang es Ormandy, der mittlerweile über ausreichend finanziellen Ressourcen verfügte, die gesamte Familie aus Wien in die USA zu bringen und sie so vor Verfolgung und Ermordung zu bewahren. In den USA lebten die Familien für viele Jahre zusammen in einem Anwesen mit mehreren Hausangestellten. Goldner wurde zur Gastgeberin für Empfänge des Philadelphia Orchesters. 

Steffy Goldner (Harfe) und ihr Ehemann Eugene Ormandy (Geige) spielen František Drdlas Souvenir, Ausschnitte aus der Aufzeichnung: "The Art of Eugene Ormandy," courtesy of Biddulph Recordings Ltd.

Die Ehe litt stark unter dem frühen Tod ihrer beiden Kinder. Ormandy flüchtete sich in seine Arbeit und das Ehepaar wurde 1947 geschieden. Während Ormandy weiter seine Karriere vorantrieb und abermals heiratete, verstummte es um Steffy Goldner. Sie lebte zusammen mit ihrer Familie, 1952 zog sie wieder nach New York, wo sie sporadisch auch wieder als Harfenistin auftrat. Doch ein Wiedereinstieg in eine professionelle Karriere gelang ihr nicht mehr. 1962 starb sie an einem falsch diagnostizierten Pankreas-Krebs. 
 
Nives Widauer, in Basel geboren, lebt heute in Wien und arbeitet seit den 1980er-Jahren in den Bereichen Installations- und Videokunst, Malerei und Skulptur. In der Installation zu Steffy Goldner projiziert Widauer auf den historischen Harfenkasten Bilder und Filmausschnitte aus dem Leben der Harfenistin. Sie thematisiert den außergewöhnlichen Werdegang einer jungen Wiener Jüdin in New York, der leider mit einem allzu typischen weiblichen Schicksal endete. Die Installation nimmt diese Geschichte zum Anlass, um auf die Ungleichheiten aufmerksam zu machen, mit denen Frauen im Kunstbereich konfrontiert sind, damals wie heute.
 
 
Für weitere Informationen, Bilder, Ton- und Videoaufnahmen von Steffy Goldner, besuchen Sie bitte die online Ausstellung der New Yorker Philharmoniker: Steffy Goldner, The New York Philharmonic’s first Woman: https://exhibits.nyphil.org/goldner/ 
Diese Biografie wurde aus Originalquellen zusammengestellt, darunter aus den Archiven der New Yorker Philharmoniker: Erinnerungsstücke an die Europatournee, Zeitungsausschnitte, Personalakten und gedruckte Programmhefte. Von unschätzbarem Wert waren zudem Korrespondenz, Programmhefte und der mündliche Zeitzeugenbericht von Doris Balant, die Nichte von Stephanie Goldner. Weitere Quellen waren die Sammlungen „The Eugene Ormandy Papers“, „Hermann Goldner“ und „Stephanie Goldner“ an der University of Pennsylvania sowie das „Rodgers and Hammerstein Archives of Recorded Sound“ in der New York Public Library for the Performing Arts.
 
Das Archiv der New York Philharmonic beherbergt die historischen Partituren, Aufnahmen, Programme und Geschäftsunterlagen der New York Philharmonic, des ältesten Orchesters der Vereinigten Staaten, das 1842 gegründet wurde. Goldners Harfenkasten tauchte 2014 in North Carolina auf und wurde dem Archiv der New Yorker Philharmoniker zurückgegeben. archives.nyphil.org
 
Für Informationen über Goldners Jahre an der Universität für Musik und Darstellende Kunst danken wir Severin Matiasovits, Archiv der Universität für Musik und Darstellende Kunst.
Für Informationen zu Goldners Lebensdaten und Familie danken wir Irma Wulz, Archiv der Israeltischen Kultusgemeinde Wien.