27. Oktober 2026

A Muslim, a Christian and a Jew… gehen ins Museum

von Christiane Rainer
© JMW
Ein Muslim, ein Christ und ein Jude warten auf ihren Zug. In Wien Meidling. Dieser Beitrag eines/einer Besucher:in sprach mich besonders an, weil er einen persönlichen Bezug zu mir hat: Ich stieg jahrelang auf dem Weg nach Hause in Wien Meidling in die Schnellbahn um. Was hat die Person – aufgrund der Zeichnung vermutlich ein Kind – dazu bewogen, die drei gerade im Bahnhof Meidling zusammen zu bringen? Wir begegnen täglich Menschen in öffentlichen Verkehrsmitteln – wenn wir sie denn nutzen – beim Ein,- Um- und Aussteigen. Ist der Mensch neben mir Moslem, Christ, Jude? Spielt keine Rolle. Wir alle sind auf dem Weg. Gerade deshalb finde ich diese Zeichnung so schön. 

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Von diesem einzelnen Beitrag führt der Blick in den Raum, in dem er entstanden ist: Zur Ausstellung „A Muslim, a Christian and a Jew“ gehört eine Mitmachwand, an der Besucher:innen ihre Eindrücke und Gedanken zu Eran Shakines Werken festhalten können. Anfangs waren die Wände noch fast leer, doch schon bald waren sie übervoll: 
 
Ich dokumentierte diese Zeichnungen, Texte und Statements (derzeitiger Stand bis 7. Oktober 2026), weil es eine Freude ist, wie gut es funktioniert. Ich überlege, warum wohl: Selbst beschriften ist in Museen normalerweise verboten. Die ausdrücklich gewährte Erlaubnis erzeugt, wie es scheint, einen Reiz. Den Reiz eines kleinen Freiraums, in dem Besucher:innen Lücken benennen, den kuratorischen Rahmen erweitern oder sich humorvoll dagegenstellen. Die Erlaubnis zu Schreiben verändert die Rollen: Man konsumiert die Ausstellung nicht nur, sondern hinterlässt sichtbar etwas Eigenes. An den Wänden zeitlich begrenzt, denn die Beiträge werden, um Platz für neue Ideen zu schaffen, regelmäßig entfernt. In den Schnappschüssen für diesen Beitrag sind etliche archiviert. 
 
Neben den Wänden laden auch vorgedruckte Zettel aus Papierzum Mitmachen ein: Satzanfänge und Bildfragmente können ergänzt und anschließend aufgehängt werden.
 
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Diese Angebote sind bewusst niederschwellig: Sie verlangen wenig Zeit, Material oder Vorwissen. Satzanfänge, die markanten Zylinder und bereits vorhandene Beiträge nehmen die Angst vor dem leeren Blatt. So können Besucher:innen mühelos zwischen Lesen, Zeichnen, Kommentieren und bloßem Anschauen wechseln. Dabei übertragen sie das vorgegebene Figurenensemble auf Alltagsszenen, Herkunftsorte, persönliche Botschaften und Lebenszusammenhänge. 

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Die Offenheit des Mitmachraums zeigt sich auch darin, dass Besucher:innen nicht nur auf die Kunstwerke reagieren, sondern ebenso die Begriffe der Ausstellung hinterfragen. So meinte eine Besucherin, die Wand müsse eigentlich „Wall of Respect“ heißen.  
Die Anmerkung hat einen interessanten Kern: Toleranz kommt vom lateinischen tolerare, heißt ertragen. Wer toleriert, hält etwas aus, das er/sie sich nicht ausgesucht hat. Der eine duldet, die andere wird geduldet. Respekt kommt von respicere, das heißt zurückblicken, hinsehen. Das verlangt mehr: den Anderen, die Andere wirklich anzusehen. 
 
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Die Offenheit des Mitmachraums zeigt sich auch darin, dass Besucher:innen nicht nur auf die Kunstwerke reagieren, sondern ebenso die Begriffe der Ausstellung hinterfragen. So meinte eine Besucherin, die Wand müsse eigentlich „Wall of Respect“ heißen.  
Die Anmerkung hat einen interessanten Kern: Toleranz kommt vom lateinischen tolerare, heißt ertragen. Wer toleriert, hält etwas aus, das er/sie sich nicht ausgesucht hat. Der eine duldet, die andere wird geduldet. Respekt kommt von respicere, das heißt zurückblicken, hinsehen. Das verlangt mehr: den Anderen, die Andere wirklich anzusehen. 
 
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Die Frage, wer in diesem Figurenensemble sichtbar wird, betrifft nicht nur die fehlenden Frauen. Manche Zeichnungen öffnen die Ausstellung „A Muslim, a Christian and a Jew“ auch für andere Religionen: 

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Indem die Besucher:innen das vorgegebene Figurenensemble erweitern, reagieren sie nicht nur auf die Ausstellung, sondern auch aufeinander. So treten manche Beiträge an der Wand miteinander in Dialog. Zwischen den Zeichnungen entsteht ein zeitversetztes Gespräch, in dem eine neue Spur auf das antwortet, was andere zuvor hinterlassen haben: 

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Mitunter reicht dieses Gespräch über die Wand hinaus und führt an eine Wand innerhalb der Ausstellung. Die drei Figuren erinnern an Gotthold Ephraim Lessings „Ringparabel“. 
 
Die Ringparabel aus Lessings Drama „Nathan der Weise“ erzählt von einem Vater, der einen Ring besitzt, dessen „Wunderkraft“ seinen Träger vor Gott und den Menschen angenehm machen soll. Da er seine drei Söhne gleichermaßen liebt und keinen bevorzugen will, lässt er zwei äußerlich nicht unterscheidbare Kopien anfertigen und übergibt jedem Sohn einen Ring. Nach dem Tod des Vaters beansprucht jeder, den echten Ring und damit den Vorrang vor den Brüdern zu besitzen. Ein angerufener Richter kann die Echtheit nicht feststellen. Er fordert deshalb jeden Sohn auf, so zu leben, als sei sein Ring der wahre: in vorurteilsfreier Liebe, Sanftmut und Wohltätigkeit. Die drei Ringe stehen für Judentum, Christentum und Islam. Die Parabel sagt nicht, dass alle drei Religionen gleich sind. Sie stellt vielmehr klar: Welche Religion die wahre ist, lässt sich nicht beweisen. Entscheidend ist deshalb, wie ihre Gläubigen handeln. Menschlichkeit und gelebte Toleranz und Respekt sollen zeigen, ob ihr Glaube überzeugend ist. 
 
Die weiteren Schnappschüsse von der „Wall of Tolerance“ zeigen, wie vielfältig die Besucher:innen den Mitmachraum nutzen. Nicht alle Beiträge beziehen sich unmittelbar auf das Thema der Ausstellung; manche gehören eher in die Kategorie „Ich war da“. Auch das ist in Ordnung.
 
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Die Einladung steht: Im Museum wartet der Satzanfang „A Muslim, a Christian and a Jew and I ...“ darauf, weitergeschrieben zu werden. Die Ausstellung läuft bis 8. November 2026 – es bleibt also noch Zeit für die eigene Fortsetzung. 

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