11. Juni 2026

Die Jüdische Perücke

von JMW
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Warum tragen verheiratete jüdische Frauen eine Perücke? Tragen überhaupt alle eine? Woher kommt diese Tradition und was bewegt Frauen heute dazu, ihr natürliches Haar zu bedecken?
Die monotheistischen Religionen haben alle ähnliche Ansichten zu weiblicher Sittsamkeit. So legten schon die mittelassyrischen Gesetze um 1000 v. u.Z. fest, dass verheiratete Frauen ihre Haare in der Öffentlichkeit zu bedecken hatten, während es Sklavinnen und Prostituierten sogar bei Strafe untersagt war. Im frühen Christentum war den Frauen das Beten mit bedecktem Haupt vorgeschrieben, eine Tradition, die sich heute nur noch in einigen Regionen erhalten hat. Im Islam enthalten der Koran sowie die Hadithen und die Islamische Rechtslehre Vorgaben für das Bedecken der muslimischen Frau, die jedoch unterschiedlich interpretiert werden können. Im orthodoxen Judentum lieferte die rabbinische Literatur mit ihren Auslegungen der Tora eine Grundlage für die Praxis der religiösen Lebensführung, wie das Bedecken des weiblichen Haares nach der Hochzeit. Eine der Grundlagen stammt aus dem 1. Buch Mose (Genesis) 24,64-65:
„Rebekka blickte auf und sah Isaak. Sie ließ sich vom Kamel herunter und fragte den Knecht: Wer ist der Mann dort, der uns auf dem Feld entgegenkommt? Der Knecht erwiderte: Das ist mein Herr. Da nahm sie den Schleier und verhüllte sich.“
In der Mischna, Ketubba (7,6) werden Verhaltensweisen genannt, wegen derer die Ehefrau bei der Scheidung ihren Anspruch auf die Auszahlung der im Ehevertrag vereinbarten Summe verliert. Unter diesen Verstößen gegen die Sittlichkeit und jüdische Bräuche fällt auch das Verlassen des Hauses mit unbedecktem Haar.
Für das Bedecken des weiblichen Kopfes wurden zuerst Tücher (Tichel), Hüte, Haarnetze oder Turbane verwendet. Ausgehend vom französischen Hof des 17. Jahrhunderts verbreiteten sich hochwertige Perücken als modisches Accessoire und Statussymbol über ganz Europa und wurden auch in den frommen jüdischen Gemeinden eine immer beliebtere Alternative zu den bisherigen Kopfbedeckungen.
Während der Haskala, der „jüdischen Aufklärung“ zwischen 1770 und 1880, verzichteten viele Jüdinnen darauf ihr Haar zu bedecken, um sich in die europäische Mehrheitsgesellschaft zu integrieren. Einen Gegenpol stellte dabei die Entwicklung des Chassidismus im 18. Jahrhundert dar. In osteuropäischen Gemeinden ließen sich strenggläubige Jüdinnen unmittelbar nach der Hochzeit sogar das Kopfhaar rasieren, bevor sie ihren Kopf bedeckten. Heute geschieht dies meist mit einem Spitzel, das aus einem Haarteil besteht, das wiederum von einem Kopftuch bedeckt wird. Die Begründung dafür lag zum einen an der strengen Interpretation des Gebots, dass bei Benützung der Mikwe Wasser an jede Körperstelle gelangen soll. Zum anderen diente die Geschichte der Kimchit aus dem Talmud (Joma 47a) zur Unterweisung in die gewünschte strenge Bescheidenheit. Kimchit sagte über sich: „Die Balken meines Hauses haben die Haare meines Kopfes nie gesehen.“ Sie bedeckte ihr Haar also sogar in der absoluten Privatheit der eigenen Räume.
Schon früh gab es jedoch in den verschiedenen orthodoxen Strömungen unterschiedliche Meinungen zum Bedecken des Haares nach der Hochzeit. So argumentierten einige Rabbiner, dass dies überhaupt die Bestrafung für Eva sei, die durch das Kosten der verbotenen Frucht als schuldig an der Vertreibung aus dem Paradies angesehen wird. Ein bekannter Perückengegner war hingegen Chatam Sofer (1762-1839), der durch den kaum erkennbaren Unterschied zwischen natürlichem Haar und der Perücke den Ausdruck der Bescheidenheit verfehlt sah. Andere Rabbiner wie Rav Joshua Boaz ben Simon Baruch (gest. 1557) haben das Tragen ausdrücklich erlaubt. Seine Entscheidung, dass eine verheiratete Frau ihr Erscheinungsbild nicht aufgeben darf, wurde auch in den Schulchan Aruch aufgenommen. Doch auch heute noch gibt es gewichtige Stimmen, die sich gegen die Perücke aussprechen, wie beispielsweise der ehemalige sefardische Oberrabbiner Israels, Ovadja Josef. Deshalb ist das Tragen einer Perücke unter den frommen sefardischen Frauen nicht sehr verbreitet. In den orthodoxen Gemeinden Europas bevorzugen es heute die meisten Frauen ihr Haar mit einer Perücke zu bedecken; sie empfinden es ihrer Lebenssituation mehr entsprechend als andere Kopfbedeckungen.
Viele Frauen sehen ihre Entscheidung, ihr Haar zu bedecken, als Selbstermächtigung an, mit Hilfe derer sie ihre individuelle Religiosität in der Öffentlichkeit sichtbar machen. Sie demonstrieren damit ihre Zugehörigkeit zum Judentum, das die Gründung einer Familie, eines Heims sowie die Einhaltung der jüdischen Bräuche und Gesetze beinhaltet. Sie schaffen so ein Zusammengehörigkeitsgefühl verheirateter Jüdinnen und lenken den Fokus auf ihre inneren Qualitäten und ihren Charakter weg vom äußeren Erscheinungsbild. Fällt ihre Wahl nun auf eine Perücke, stellen sich viele die Frage, wie weit dieser Aspekt hier noch Gültigkeit hat, vor allem, da die Perücken oft vielfach attraktiver als das eigene Haar sind. Schon im Hohelied (6,5) wird das Haar als etwas sehr Sinnlich-Erotisches beschrieben, dessen Anblick im Rahmen der Bescheidenheit und Demut (Zniut) nur dem Ehepartner vorbehalten sein soll. Die Frau soll ihre Attraktivität auch nicht verstecken, sondern als Geschenk Gottes dankbar annehmen und bewahren. Die Perücke signalisiert somit, dass sie zwar attraktiv, aber bereits vergeben ist. Sie schafft Respekt vor der Institution der Ehe aber vor allem einen intimen, privaten, heiligen Raum, in dem ihre natürliche Schönheit nur dem Ehemann exklusiv zugänglich ist.
Wird für die Herstellung der Perücke Echthaar verwendet, ist es wichtig, dass nur koscheres Haar zum Einsatz kommt. Bis zum Jahr 2004 wurden sie meist aus indischem Haar, das aus Tempeln, wo sich religiöse Hindi den Kopf scheren stammte, angefertigt. Haar, das einer anderen Gottheit geweiht war, ist durch das Religionsgesetz verboten. Dieses Edikt des israelischen Rabbis Shalom Yosef Elyashiv rief große Verunsicherung bei den jüdischen Frauen hervor. Auch wenn später andere Rabbiner Entwarnung gaben, stammt das Haar für die Perücken nun mehrheitlich aus China. Viele gehen jedoch auf Nummer sicher und bestellen besonders teures europäisches Haar. Selten werden auch hochwertige synthetische Materialien verwendet, die viel preiswerter sind. Der Scheitel wird meist in Absprache mit der Kundin gestaltet. Es gibt aber auch „Second Hand Perücken“, da der Preis einer neuen qualitätsvollen Perücke leicht mehrere Tausend Euro betragen kann. Viele Frauen haben mehrere Perücken, die sie abwechselnd tragen. Einige bedecken sich nur zu bestimmten Feiertagen, wenn sie in die Synagoge gehen, bei der Teilnahme an religiösen Festen, am Schabbat oder wenn es von den religiösen Institutionen, die sie besuchen oder in denen sie arbeiten, verlangt wird.
Viele dieser Aspekte werden in Anja Salomonowitz‘ Projekt „Über die jüdische Perücke“ angesprochen. Es zeigt auf eine nahbare und informative Art, wie vielfältig die heutigen Zugänge zur Perücke sind.