Nahaufnahme | 10. Juni 2021

Unterwegs in "Unserer Stadt!" - Josefstadt

von Hannah Landsmann
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An der Stelle der 1903 eingeweihten und in Betrieb genommenen Synagoge in der Neudeggergasse 12 im achten Wiener Gemeindebezirk befindet sich heute ein Gemeindebau. An nahezu allen ehemaligen Synagogenadressen sind Gemeindebauten zu finden und sie sehen einander eigentümlich ähnlich.

Ähnlich ist den Adressen auch die sichtbare Entfernung von Bausubstanz zum einen und das nicht wirklich visualisierbare Fehlen von Geschichte(n) und Menschen, die sie erzählen können. Im November 1938 brannten die Synagogen in Wien. Es brannte überall im sogenannten Deutschen Reich, in Wien allerdings nicht in der Nacht, sondern tagsüber, so dass es jeder Mann, jede Frau und jedes Kind hätte sehen können. Der Rauch und das unglaubliche Chaos waren sicherlich auch akustisch wahrnehmbar. An 25 ehemaligen Synagogen-Adressen in Wien finden Stadtflaneure seit November 2018 ein sehr sichtbares Erinnerungszeichen, das sogenannte „OT“ – hebräisch für Zeichen oder Symbol. Vor Ort lässt sich über einen QR-Code Information abrufen, Besucherinnen und Besucher des Jüdischen Museums Wien erleben die virtuelle Rekonstruktion der Wiener jüdischen Geschichte im begehbaren Schaudepot.

Nachdem nicht mehr viele von denen, die aus eigener Anschauung diese Zeit bezeugen können, noch unter uns sind und sprechen können oder wollen, gilt es zu überlegen, was dann zu tun ist, wenn die Zeitzeuginnen und Zeitzeugen keine Interviews mehr geben können? Unzählige Interviews wurden aufgenommen, sind gespeichert und können über diverse Institutionen und Plattformen wie zum Beispiel www.erinnern.at abgerufen werden. Diese Stimmen werden also hörbar bleiben oder hörbar gemacht werden.

Die in der Sammlung des Jüdischen Museum Wien verwahrten Objekte eignen sich ebenfalls hervorragend als Zeuginnen und Zeugen, die Verschiedenartigkeit ihrer Herkunft und Verwendungszusammenhänge erweitert den zu engen Blickwinkel, den man auf jüdische Geschichte haben kann, auf Grund des österreichischen Lehrplans oftmals haben muss.

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Planung und Bau des „Neudeggertempels“ wurden privat finanziert, das Grundstück in der Neudeggergasse stammte aus der Verlassenschaft von Moritz Königswarter, der lange davor schon den Bau des Stadttempels großzügig unterstützt hatte. Der Architekt Max Fleischer wurde 1897 mit der Arbeit für die Synagoge in der Josefstadt betraut. Es dauerte allerdings sechs Jahre bis zum Baubeginn, da das Ansuchen mehrere Male alle behördlichen Instanzen passieren musste. Der Brand des Ringtheaters 1881 hatte diese vorsichtiger werden lassen. Dass man erst klären musste, dass eine Synagoge kein Theater ist, beschleunigte das Verfahren natürlich nicht. Der Verwaltungsgerichtshof stellte schließlich fest, dass eine Synagoge tatsächlich kein Theater sei und man konnte mit dem Bau beginnen. Die Grundsteinlegung erfolgte im Februar des Jahres 1903, nach sechs Monaten konnte die Synagoge ihrer Bestimmung übergeben werden.

Ein faszinierendes Detail wurde während der Arbeit an der Ausstellung über Hans Kelsen entdeckt. Die Ausstellung und das Detail sind noch bis zum 12. September 2021 im Museum Dorotheergasse zu sehen. Adolf Kelsen, der Vater von Hans Kelsen, hatte in Wien eine Lampen- und Lustermanufaktur und für genau diese Synagoge in der Neudeggergasse die Beleuchtungskörper hergestellt. Das Foto seines Vaters mit den Lampen hatte Hans Kelsen stets auf seinem Schreibtisch stehen.
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© Provided by and used with permission of Anne Feder Lee, PhD, granddaughter of Hans Kelsen; Hans Kelsen-Institut (Bundesstiftung)
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© Provided by and used with permission of Anne Feder Lee, PhD, granddaughter of Hans Kelsen; Hans Kelsen-Institut (Bundesstiftung)
Der weltberühmte Jurist Hans Kelsen, der als „Vater“ und – die Bezeichnung passt besser – als Architekt der Österreichischen Bundesverfassung bezeichnet und vielleicht zu wenig geehrt wird, maturierte im Akademischen Gymnasium, studierte Jus, diente im Ersten Weltkrieg, war Universitätsprofessor, Dekan, gestaltete maßgeblich die geltende Verfassung, war selbst unabhängiger Richter am Verfassungsgerichtshof und erfand sich noch einige Mal neu, nachdem er Wien verlassen hatte. Heidelberg, Köln, Genf – er sprach kein Französisch, hielt aber in dieser Sprache Vorlesungen, Prag und die USA. Nach Österreich kehrten er und seine Frau Margarethe nur als Gäste zurück. Tochter Maria emigrierte ebenfalls in die USA, Anna nach Palästina.
Ob Kelsens die Synagoge in der Neudeggergasse oder überhaupt eine Synagoge besuchten, ist nicht bekannt. Hans und seine Geschwister konvertierten alle, Hans ein zweites Mal in die evangelische Kirche und zwar für die Ehe mit seiner Frau, die ebenfalls aus der Kultusgemeinde ausgetreten war.

Mehr über Hans Kelsen, seine Biografie und die historischen Ereignisse und Umbrüche dieser Zeit können Sie in der Graphic Novel „Gezeichnet. Hans Kelsen“ nachlesen, die anstelle eines Kataloges zur Ausstellung erschienen ist. Man versteht auch in völliger Unkenntnis der juristischen Details alles, hat Spaß an der Lektüre und kann sogar den Stufenbau der Verfassung kulinarisch nachvollziehen.

Kommen wir noch einmal in den achten Bezirk zurück: In der Wickenburggasse 23 lebten Hans und Margarethe Kelsen, geborene Bondy, mit den Töchtern Maria und Anna seit dem Jahr 1912. Man war nicht wohlhabend, hatte aber eine Hausangestellte, welche die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Privatstunden des Herrn Doktor, meist Studierende, mit Kaffee und Mehlspeisen bewirtete. In der Graphic Novel kann man nachlesen, dass Hans Kelsen viel Zucker und viel Schlagobers in den Kaffee gab, ein Kipferl unverhältnismäßig lang eintauchte, um es dann genüsslich auf der Zunge zergehen zu lassen. „Privatissima“ gab Hans Kelsen auch in Köln, hier wurden belegte Brote und Tee serviert.

Hans Kelsen und seine Frau ließen ihre Körper verbrennen und die Asche im Pazifik verstreuen. So gehören sie entweder allen oder niemandem. Wäre die Geschichte unserer Stadt eine andere gewesen, hätten Kelsens ihre Stadt nicht verlassen und lägen in einem Ehrengrab auf dem Zentralfriedhof.
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© Provided by and used with permission of Anne Feder Lee, PhD, granddaughter of Hans Kelsen; Hans Kelsen-Institut (Bundesstiftung)
In unmittelbarer Nähe des Eingangs beim II. Tor befindet sich doch noch eine Erinnerung an die Familie Kelsen. Samuel Kelsen, Hans‘ Onkel, war in Wien Hersteller für Sanitärbedarf und Kanaldeckel. Der zweite Kanaldeckel aus Samuel Kelsens Firma befand sich auch auf dem Gelände des Zentralfriedhofes und wäre um ein Haar entsorgt worden. Heute ist er Teil der Sammlung des Jüdischen Museums Wien und natürlich in der Ausstellung über Hans Kelsen zu sehen. Falls Sie dachten, das Kipferl sei Kelsens Lieblingsmehlspeise gewesen, weit gefehlt. Lesen Sie in der Graphic Novel nach!

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© Pia Plankensteiner