18. Februar 2026
Aktuelles

#BlackHistoryMonth: Jews 4 Black Lives

von Tom Juncker
Menschenmenge bei einer Demonstration in einer Stadt, eine Person hält ein Schild mit der Aufschrift 'JEWS 4 BLACK LIVES'
© Nienke Fonk (1987). Collection Joods Museum, Amsterdam

Schwarz-jüdische Allianzen zwischen Solidarität und Antisemitismus

 
Allianzen im Kampf gegen Rassismus und Diskriminierung zwischen Afroamerikaner:innen und Jüdinnen/Juden in den USA blicken auf eine lange und komplexe Geschichte zurück. Ihren Höhepunkt erreichte die Zusammenarbeit in der Bürgerrechtsbewegung der 1960er-Jahre. Gemeinsam gingen Afroamerikaner:innen und Jüdinnen/Juden auf die Straße und kämpften gegen den systemischen Rassismus der US-amerikanischen Gesellschaft. Tausende Jüdinnen und Juden schlossen sich Protestmärschen und Kundgebungen an und nahmen an den sogenannten Freedom Rides teil.1 Symbolisch für die blühende Kooperation stehen unter anderem die Fotos von Martin Luther King Jr. und Rabbi Abraham Joschua Heschel, Arm in Arm beim Marsch von Selma nach Montgomery im Jahr 1965.

: Gruppe von Menschen in Mänteln und mit Blumenkronen, die Arm in Arm auf einer Straße stehen. Matin Luther King und Rabbi Heschel
© AP1965 AP picturedesk.com

Trotz der umfangreichen Zusammenarbeit gab es aber schon seit Beginn auch wirtschaftliche und rassistische Spannungen, die spätestens in den 1970er-Jahren zur Zersplitterung der Bürgerrechtskoalition führten. Vor allem nach dem Sechstagekrieg 1967 in Israel wurde die Solidarität mit den Palästinenser:innen Teil des Programms militanter afroamerikanischer Gruppierungen wie den Black Panthers oder der Nation of Islam. Dies ging mit einer Abwertung der vorangegangenen Schwarz-jüdischen Koalitionen wie auch mit antisemitischen und antizionistischen Anfeindungen einher. Auf jüdischer Seite entstanden in der gleichen Zeit rechtsextremistische und rassistische Organisationen wie die Jewish Defense League, deren Anhängerschaft ebenso kontinuierlich wuchs.2 In den Jahrzehnten nach der Bürgerrechtsbewegung waren die Beziehungen zwischen Afroamerikaner:innen und Jüdinnen/Juden in diesem Hinblick vielfach von Spannungen, Antisemitismus und Rassismus geprägt.

Mit der Entstehung der Black-Lives-Matter-Bewegung im Jahr 2013 sahen viele den Moment gekommen, die Schwarz-jüdische Zusammenarbeit der Bürgerrechtsbewegung wieder aufleben zu lassen. Nachdem George Zimmerman 2013 vom Vorwurf freigesprochen wurde, den unbewaffneten afroamerikanischen Teenager Trayvon Martin erschossen zu haben, reagierten eine Gruppe von Aktivistinnen auf Social Media mit dem Hashtag #BlackLivesMatter. Die Onlinebewegung weitete sich bald auf reale Proteste und ein weites Netzwerk an lokalen Gruppierungen aus. Der Tod von Michael Brown, der 2014 von einem Polizisten in Ferguson, Missouri erschossen wurde, führte zu landesweiten Demonstrationen und zur Konsolidierung der Black-Lives-Matter-Bewegung. Zahlreiche jüdische Gruppen, Gemeinden und Aktivist:innen begannen von Anfang an sich solidarisch zu engagieren und sahen darin eine Fortsetzung der Bürgerrechtskoalition – viele davon unter dem Slogan „Jews 4 Black Lives"

: Menschenmenge bei einer Demonstration in einer Stadt, eine Person hält ein Schild mit der Aufschrift 'JEWS 4 BLACK LIVES'
© Nienke Fonk (1987). Collection Joods Museum, Amsterdam

Ein Fall von vielen tödlichen Polizeieinsätzen gegen Afroamerikaner:innen war die Erschießung von Philando Castile bei einer Verkehrskontrolle im Juli 2016 in Minnesota. Angeführt von der Black-Lives-Matter-Bewegung fanden auch diesmal zahlreiche Proteste im ganzen Land statt. Der jüdisch-amerikanische Künstler Aaron Hodge Silver Greenberg drückte seine persönliche Betroffenheit und seine Wut mit einem bemerkenswerten Kunstwerk aus, einem Scherenschnitt in Form eines Tallit, in den die Worte „Black Lives Matter“ eingeschnitten sind – ein Akt, der für den Künstler aufgrund der Heiligkeit des Gebetsschals ein schwieriger und schmerzhafter Prozess war. 

Tallit mit 'BLACK LIVES MATTER'-Text: Ein weißer Tallit mit schwarzen Streifen, darauf steht 'BLACK LIVES MATTER'. Darunter hebräischer Text in schwarzer Schrift.
© Aaron Hodge Silver Greenberg
Darunter findet sich ein Zitat aus der Mischna Sanhedrin 4:5: „Wer ein Leben zerstört, zerstört damit die ganze Welt; wer ein Leben rettet, rettet damit die ganze Welt”. Mit dem Werk – das in der Ausstellung „Schwarze Juden, Weiße Juden“ Über Hautfarben und Vorurteile“ im Jüdischen Museum zu sehen ist – rief Silver die jüdische Gemeinde Minnesotas, die sich bis zu diesem Zeitpunkt laut Silver nicht genügend zu dem Fall geäußert hatte zu mehr Solidarität und zum Engagement gegen Polizeigewalt auf.

Nach der Ermordung von George Floyd 2020 – ebenfalls in Minnesota – bekam die Black-Lives-Matter-Bewegung internationale Aufmerksamkeit und die Proteste weiteten sich auf andere Länder aus. Aaron Silvers Kunstwerk erlangte zu diesem Zeitpunkt erstmal breitere Aufmerksamkeit, wurde vielfach reproduziert und z.B. als Poster in Synagogen und jüdischen Einrichtungen als Zeichen der Unterstützung aufgehängt. Im August 2020 erschien eine Unterstützungserklärung für Black-Lives-Matter, unterschrieben von 600 jüdischen Organisationen, in der New York Times.
Die breite Unterstützung der Bewegung durch Jüdinnen und Juden ist jedoch nur eine Seite der Medaille. Viele Jüdinnen/Juden und jüdische Organisationen stehen der Black-Lives-Matter-Bewegung und der jüdischen Unterstützung äußert kritisch gegenüber und verweisen dabei auf die antisemitischen und israelfeindlichen Ansichten, die ihre Wurzeln im afroamerikanischen Aktivismus der 1970er-Jahre haben und sich auch heute in Teilen der Black-Lives-Matter-Bewegung halten. Nach dem Überfall der Terrororganisation Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 und dem darauffolgenden Krieg in Gaza wurden diese Tendenzen innerhalb der Bewegung umso stärker sichtbar.3 Jüdinnen und Juden werden vom Kampf gegen Diskriminierung ausgeschlossen, ihnen werden Erfahrungen mit Antisemitismus und Rassismus abgesprochen und sie werden pauschal als „Weiße Kolonisatoren“ abgestempelt. Zu erwähnen ist zudem, dass dies besonders Schwarze Jüdinnen/Juden und Jews of Color, die sich beiden Gruppierungen zugehörig fühlen, in eine schwierige Position zwingt.
Schwarz-jüdische Allianzen stehen seit dem Ende der Bürgerrechtsbewegung stetig in einem Spannungsverhältnis. Auf der einen Seite sind sie von Solidarität und einer gemeinsamen Geschichte des Kampfes gegen Diskriminierung geprägt, auf der anderen Seite aber auch von Debatten über Israel, von Antisemitismus und gegenseitigen Anfeindungen. Trotz dieser Spannungen zeigen die Bürgerrechts- und die Black-Lives-Matter-Bewegungen die Wichtigkeit und das Erfolgspotential von intersektionalen Allianzen.
 
1 Vgl. Cheryl Greenberg, Verbündete im Kampf gegen Hass? Schwarz-jüdische Koalitionen seit der Bürgerrechtsbewegung, in: Tom Juncker, Daniela Pscheiden, Hannes Sulzenbacher (Hg.), Schwarze Juden, Weiße Juden? Über Hautfarben und Vorurteile, Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Jüdischen Museum Wien, Göttingen 2025, 238–244.
2 Vgl. Christian Voller, Gangs of New York. Juden und Schwarze in den Vereinigten Staaten, in: Juncker, Pscheiden, Sulzenbacher (Hg.), Schwarze Juden, Weiße Juden?, 245–251; Eunice G. Pollack, The Black Lives Matter Movement, Jewish Allies, and the Long Legacy of Black Anti-Zionism, in: Antisemitism Studies, Volume 8, Number 2, Herbst 2024, 195–254.
3 Vgl. Pollack, 195–254.