18. August 2026
Unter der Lupe

Installation der Erinnerung

von Gabriele Kohlbauer-Fritz
Schwarz.weiß Bild mehrerer Personen
© Lisl Ponger

Nancy Spero im Jüdischen Museum Wien

: Person steht vor weißer Wand mit Collagen und einem Menora-Leuchter an der Wand und hält sich die Hände vor das Gesicht
© Lisl Ponger
„It is relevant at this point in my career to be showing at the Jewish Museum , touching base with my origins as a Jew“, lauteten die Worte der amerikanischen Künstlerin Nancy Spero anlässlich der Eröffnung der „Installation der Erinnerung“ im Jüdischen Museum am 29. Februar 1996.
Als Nancy Spero 1995 eingeladen wurde, eine permanente Installation im Atrium des Jüdischen Museums zu gestalten, blickte sie bereits auf eine langjährige Karriere als politische und feministische Künstlerin zurück. Die Analyse von Machtverhältnissen, Krieg und Unterdrückung und die Rolle von Frauen in unterschiedlichen Kulturen und Epochen waren die bestimmenden Themen ihres künstlerischen Schaffens. Auch formal war sie ständig auf der Suche nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten und entwickelte eine spezielle Form der Collagen, die Zeichnungen, Fotos, Dokumente und Texte miteinander verbanden. 

Für ihr Projekt im Jüdischen Museum arbeitete Nancy Spero eng mit den Kurator:Innen des Hauses zusammen. Diese recherchierten für sie in historischen Archiven, in Bibliotheken und in den eigenen Sammlungen zu den drei großen Themen der Installation: Die jüdische Religion, die Geschichte der Wiener Jüdischen Gemeinde vor 1938 und der Bruch durch die Schoa. Die Künstlerin wählte aus den vorgelegten Beispielen gewisse Motive aus, die sie bearbeitete und in einem speziellen Laserverfahren auf Gummistempel übertrug.  Danach brachte sie die Bilder an den Wänden des sich über zwei Stockwerke ziehenden Kuppelraums an. 

: Eine schwarz-weiße Linienzeichnung einer Person in langem Gewand neben einem großen siebenarmigen Leuchter mit brennenden Kerzen.
© Daniel Shaked
Die Choreographie der „Installation der Erinnerung“ ist nur scheinbar zufällig und regt den Betrachter (die Betrachterin) an, eigene Assoziation zu bilden und in die Tiefe einzutauchen. Bei ihrer Auswahl der historischen Persönlichkeiten der Wiener jüdischen Geschichte widmete Nancy Spero auch den Frauen breiten Raum. So erblickt man die Figur des Komponisten und Hofoperndirigenten Gustav Mahlers neben der Tänzerin Hanne Wassermann, der Sängerin und Schauspielerin Fritzi Massary und den Schwimmerinnen der Hakoah Wien.

: Gruppe von Menschen in Sportkleidung steht nebeneinander in einer Reihe
© Daniel Shaked
: Mehrere kleine, rot-rosa Figuren bewegen sich auf zwei größere Figuren zu, die sich einander zuwenden, eine in Schwarz-weiß, die andere in Blau- und Grautönen
© Daniel Shaked

Ein Schriftzug im Raum erinnert an Max Berger, der in Erinnerung an seine in Auschwitz und Treblinka ermordete Familie Judaica sammelte und diese dem Jüdischen Museum vermachte. Hoch oben am Rand der Kuppel schwebt das Bild eines Chanukka-Leuchters aus seiner Sammlung. 

Das jüdische Glaubensbekenntnis „Schma Israel“, welches die Weitergabe der Worte Gottes von Generation zu Generation versinnbildlicht, ist einem Schrift-Bild nach einer zweisprachigen Ausgabe des Wiener Rabbiners Adolf Jellinek dargestellt.

: Goldfarbene Krone mit Löwe und Davidstern auf weißem Hintergrund
© Daniel Shaked
: Ausschnitt eines alten hebräischen Textes mit teilweise verblasster Schrift und einigen hervorgehobenen Worten in größerer Schrift.
© Daniel Shaked

Jellinek wirkte lange Zeit als Prediger am Leopoldstädter Tempel. Hier schließt sich wiederum der Kreis zu den Bildern der Zerstörung durch die Schoa mit einer Darstellung der Ruinen des einst größten jüdischen Gotteshauses in Wien.
 
: Abstrakte schwarz-weiße und dunkelblaue Flächen mit strukturierten Mustern auf weißem Hintergrund
© Daniel Shaked

Persönlich erinnnere ich mich mit Dankbarkeit und Respekt an die Arbeit mit Nancy Spero, dieser so zerbrechlich wirkenden, unglaublich starken und kreativen Frau.  Sie begegnete uns Kurator:Innen und ihren Mitarbeiter:Innen stets auf Augenhöhe, ließ sich auf lange Diskussionen ein und wusste doch genau, was sie will.