24. Februar 2026
Kolumne aus der Direktion
Die unsichtbare Frau
von Barbara Staudinger
1993 erschien der erste Roman der US-amerikanischen Schriftstellerin Siri Hustvedt mit dem Titel „Die unsichtbare Frau“. Ob der Titel auch einen autobiografischen Bezug hat, wissen wir nicht, es ist jedoch naheliegend. Denn die Autorin, die mit diesem Roman erstmalig international wahrgenommen wurde, war zuvor auch unsichtbar, oder zumindest im Schatten ihres berühmten Ehemannes – Paul Auster. Und damit ist sie nicht alleine.
Anlässlich des internationalen Frauentags am 8. März möchte ich daher über diese Frauen schreiben: über die, die unsichtbar sind, oder korrekter: unsichtbar gemacht werden – von den Medien, von der Wissenschaft, von Museen und Archiven. Bis zu den 1970er Jahren wurde Geschichte vor allem männlich erzählt: Männer lenkten die Geschicke von Staaten und Nationen, Männer brachten die Wissenschaft voran, Männer waren Künstler, Erfinder, Mäzene, Dichter und Denker. Mit der Erfindung der Frauengeschichte änderte sich dieses: Der mehr als notwendige Perspektivenwechsel zeigte nicht nur, dass es auch einflussreiche, erfinderische und mutige Frauen gab, sondern auch, dass die bisherige „männliche Erzählung“ grundsätzlich überdacht werden müsste. In der jüdischen Geschichte dauerte der Perspektivenwechsel noch länger, jüdische Frauengeschichte wird seit den 1980er Jahren geschrieben und in vielen jüdischen Museen und in vielen wissenschaftlichen Werken wird jüdische Geschichte bis heute aus einer männlichen Perspektive erzählt. Und auch wenn sich seitdem einiges geändert hat, ist noch immer viel zu tun:
Das Jüdische Museum Wien verfügt, wie jedes kulturhistorisches Museum, über eine Porträtsammlung. Zumeist sieht man darauf Männer, nur ganz selten sind es Frauen. Dies liegt zum einen daran, dass sich Männer öfter malen ließen als Frauen, aber es hat noch einen anderen Grund: Die Porträts der Männer wurden zu einem überwiegenden Teil dem Museum geschenkt – zumeist von der Person, die auf dem Gemälde abgebildet ist. Die Frauenporträts der Sammlung hingegen wurden mehrheitlich durch das Museum angekauft. Männer haben sich also selbst verewigt, haben die Geschichtsschreibung selbst in die Hand genommen, während Frauen das nicht taten und damit lange nicht erinnert wurden.
Maria Austria, Irma Schwager oder auch Anna Sußmann waren Widerstandskämpferinnen gegen das nationalsozialistische Regime, wie auch ihre Ehemänner bzw. Partner. Sie fälschten unter Lebensgefahr Pässe oder betätigten sich in der so genannten „Mädelsarbeit“, in der es darum ging, deutsche Besatzungssoldaten zu widerständigen Handlungen wie der Weitergabe von Informationen zu überreden. Trotzdem wurde und wird zum Teil noch heute die Arbeit dieser Frauen als „Mithilfe im Widerstand“ bezeichnet und ihnen damit eine untergeordnete Rolle (und damit auch Bedeutung) zugeschrieben. Die Männer waren freilich Widerstandskämpfer, was besser in ein patriachal geprägtes Geschichtsbild passt.
Friedl Dicker-Brandeis ist in der Forschung zur jüdischen Geschichte eine bekannte Gestalt, war sie es doch, die in Theresienstadt Kindern Zeichenunterricht gegeben hatte und ihnen damit ermöglichte, dem brutalen Lageralltag zumindest kurz zu entfliehen. Viel weniger bekannt ist jedoch, dass sie selbst eine herausragende Künstlerin, Designerin und Reformpädagogin war. Stephanie Shirley, die mit einem Kindertransport von Wien nach England entkam und schließlich eine äußerst erfolgreiche Software-Firma gründete, nannte sich im beruflichen Kontext „Steve“, da sie als Frau bei potentiellen Business-Partnern nicht ernst genommen worden wäre.
Die Liste der Frauen, deren Arbeit nicht anerkannt oder die überhaupt nicht gesehen wurden, ließe sich beliebig lange fortsetzen. Denn es sind viele und nicht zuletzt haben auch Museen als Geschichtsspeicher einen Anteil daran, dass sie so lange unsichtbar blieben und es zum Teil noch heute sind. Als Jüdisches Museum sehen wir unseren Auftrag darin, dies zu ändern. Jüdische Museen wollen Jüdinnen und Juden nicht als Objekte der Geschichte darstellen, als Menschen über die ausschließlich verfügt wurde, sondern wir suchen nach ihrer Perspektive, nach ihren Handlungsmöglichkeiten, nach dem, was sie zu Akteur:innen der Geschichte macht. Mit diesem Ansatz ist es unsere Aufgabe, besonders Frauenbiografien zu erforschen und zu sammeln, da diese bisher und bis heute viel weniger Beachtung finden.
Am Internationalen Frauentag werden – historische und gegenwärtige – Frauen oft, wie es so heißt, „vor den Vorhang geholt“. Dies wollen wir nicht tun, denn wir haben nicht vor, sie nachher wieder hinter dem Vorhang verschwinden zu lassen. Vielmehr sollen und möchten wir uns anlässlich des Frauentags daran erinnern, dass es unsere Aufgabe ist, genau hinzusehen und Geschichte nicht einseitig, sondern aus mehreren Perspektiven zu erzählen – und diese Perspektiven auch ernst zu nehmen. Denn im 21. Jahrhundert sollte folgendes Zitat von Stephanie Shirley eigentlich längst alle Bedeutung verloren haben: „Man kann ehrgeizige Frauen immer an ihrer Kopfform erkennen. Sie sind oben flach – vom herablassenden Tätscheln anderer.“
